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#03: PimP. Grenzen erst bunt anmalen und dann gemeinsam überwinden.

20.01.2014
Foto: LKJ Sachsen-Anhalt e.V.
Foto: LKJ Sachsen-Anhalt e.V.

Aus einer Idee heraus, Vorstellungen zu entwickeln, die letztlich dazu führen, Veränderungen zu bewirken, ist ein zentrales Merkmal von Kreativität. Etwas als nicht gegeben, sondern als veränderbar wahrzunehmen, ist eine der Initialzündungen für kreative Prozesse in der Gemeinschaft. Gerade junge Menschen besitzen ein großes Potenzial für solche Veränderungsprozesse. Ihr Denken ist weniger stark eingeschränkt als das von Älteren. Sie denken über Grenzen hinweg, die im Laufe unserer Sozialisierung in uns wuchsen, weil sie diese noch nicht erfahren haben. Und selbst, wenn sie an solche stoßen, ist die Bereitschaft, sich über sie hinwegzusetzen, deutlich höher. Jugendeinrichtungen und Fachkräfte vor Ort sind dabei häufig diejenigen, die Leitern halten, wenn Jugendliche sich ausprobieren und Grenzen überschreiten wollen, sie jedoch auchauffangen, wenn es nicht klappt und ihnen Mut zusprechen.

Jugendliche, die in einem Stadtteil oder einer Region aufwachsen, welche gemeinhin als sozial schwach oder abgehangen gilt, erfahren häufig früher als anderen Jugendlichen, was es heißt, an eben jene Grenzen zu stoßen und zu scheitern. Weil Jugendeinrichtungen geschlossen werden und das Umfeld ihnen weniger zutraut als Gleichaltrigen in anderen Regionen, ist für sie Partizipation ungleich schwerer. Es obliegt in der Pflicht der Gemeinschaft, Jugendlichen in benachteiligten Lebenslagen, Chancen und Möglichkeitsräume zu bieten, diese Defizite auszugleichen. Entschlüsse, die in diesem Bereich aufgrund finanzieller Engpässe getroffen werden, dürfen nicht dazu führen, dass Jugendliche strukturell benachteiligt werden, nur weil sie eine weniger starke Lobby als andere Gesellschaftsgruppen haben. Zudem zeigen eben solche Prozesse, dass nicht selten Entscheidungen, die sie direkt betreffen, ohne ihre Miteinbeziehung gefällt werden. Mit Blick auf den demografischen Wandel ist es jedoch unabdingbar, Jugendliche mit in Gestaltungsprozesse einzubeziehen und ihnen Verantwortung zuzugestehen.

Das Modellprojekt „PimP – Partizipation im Plattenbau“, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugendliche sowie dem Land Sachsen-Anhalt, hat für eineinhalb Jahre den Versuch gestartet, Jugendliche zu befähigen, eigene Ideen für ihre direkte Umgebung zu entwickeln und sie bei der Umsetzung zu unterstützen. Der Begriff „Plattenbau“ ist dabei als Synonym zu verstehen und dient nicht selten als Veranschaulichung für den Gebäudetypus einer solchen Region.

Im Dezember 2013 ist das Projekt zu Ende gegangen. Das Fazit ist gemischt, stimmt zuversichtlich, zeigt aber auch Problemlagen, die einer längeren Auseinandersetzung bedürfen. In jede der vier Regionen sind wir ohne Ideen gekommen. Das mag zunächst verwunderlich klingen, war jedoch der zentrale Ansatz des Projekts. Wir haben uns auf die Ideen, Wünsche und kulturelle Vorstellungen der Jugendlichen eingelassen. Sie sollten sich selbst Gedanken machen dürfen, was sie in ihrer Umgebung verändern wollten. Schnell konnte man dabei feststellen, wie wenig sich die Jugendlichen dabei ihrer Gestaltungskraft bewusst waren.

Gerade in der Anfangsphase war es durch den bevorstehenden Winter nicht immer einfach, Jugendliche längerfristig zu motivieren. Sie wollten draußen etwas verändern, rasche Resultate erleben, Festivals veranstalten und sprichwörtlich graue Platten bunt machen. Wichtig war uns, den Jugendlichen von Anfang an keine Beschränkungen zu machen, ihnen zu sagen, dass das momentan Geplante nicht möglich sei. Dabei gab es zwei Prozesse, die zu beobachten waren: In einem haben sich die Jugendlichen Schritt für Schritt die Ideen erarbeitet und geplant. Erst dann kamen wir Älteren ins Spiel und haben bei der Umsetzung geholfen, offizielle Stellen kontaktiert und vernetzt. In einem anderen Fall gab es die ausschlaggebenden Impulse zu Beginn von Fachkräften oder ehrenamtlich tätigen Personen. Die Resultate waren jedoch ähnlich. Am Ende standen bunte Wände, spielerische Aktionen oder Bühnen. Auch wenn die ursprünglichen Ideen nicht in ihrer Gesamtheit umgesetzt werden konnten und an bestehende Konzepte angeknüpft wurde, so war es am Ende immer die Idee der Jugendlichen.

Dabei haben wir keine großen Veränderungen bewirkt – dies war in der kurzen Zeit weder unsere Intention noch war es möglich. Unser Ziel war es, den Jugendlichen zu zeigen, dass sie „machen dürfen“, dass sie partizipieren können und sollen und dass sie dabei Unterstützung einfordern dürfen. Schließlich sind sie es, die in den kommenden Dekaden an unterschiedlichsten Stellen die Verantwortung für die Entwicklung unserer Gesellschaft übernehmen. Oftmals ist es der Übergang zwischen beiden Lebensabschnitten, der Jugendliche überfordert, weil sie das, was sie auf einmal können sollen, vorher nie ausprobieren konnten.

Die Projektarbeit selbst verlief jedoch nicht immer reibungslos und nach gut eineinhalb Jahren muss resümiert werden, dass solche Entwicklungen länger brauchen, als die Projektzeit, weil Strukturen und Vertrauen erst wachsen müssen. Sie zeigen aber auch, dass Jugendliche ihre Umwelt so verändern, partizipieren wollen, dass es andere auch sehen. Ein überaus beliebtes Mittel dazu sind Graffiti-Werke, die in zwei von vier Regionen vertreten waren. Mindestens ebenso wichtig wie das Ergebnis selbst, war für die Jugendlichen der Weg dorthin. Sie konnten erfahren, dass sich die Grenzen in unseren Köpfen überwinden lassen. Dazu brauchen sie Hilfe und Unterstützung von uns! Häufig hängt diese Unterstützung von Diskussionen um Finanzrahmen und Förderzeiträume ab. Von diesem stetigen und kurzfristigen Projektcharakter waren auch wir betroffen. Nicht selten hat man den Eindruck bekommen, dass es sich bei der Arbeit um einen Testballon gehandelt, welcher zwar erfolgreich neue Wege erkundet hat, es aber gleichzeitig in Frage stellte, welche langfristigen Veränderungen tatsächlich gewünscht sind.

Eben jener Projektcharakter in der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit sollte jedoch in Zukunft überwunden werden. Wir können nicht länger riskieren, dass immer mehr Jugendliche immer früher an Grenzen stoßen, die sie glauben nicht überwinden zu können und die Freude am Gestalten der Gemeinschaft verlieren oder gar nicht erst erfahren.

Hier erfahren Sie mehr über das Projekt der Woche.

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Foto: LKJ Sachsen-Anhalt e.V.
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Enthalten in

Region: Sachsen-Anhalt | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |