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#108: zwölf.orte

22.02.2016
Foto: TONALi / Bergedorf

10.12. Klassik. 19.12. Disco. 12.12. Disco. 24.12. Disco.

„Hier hast du eine Augenbinde“. Ein schalähnliches, schwarzes Tuch wird gereicht. Einen Zettel gibt es dazu. Auf diesem steht: Bitte vor Betreten des Saales das Tuch so anlegen, das nichts mehr zu sehen ist. Und weiter: Bitte das Tuch erst nach Aufforderung abnehmen. Und: jeder wird den Saal lebend verlassen.

Schüler*innen lotsen die heute blinden Gäste auf ihre Plätze. „Topfschlagen“ – plötzlich kommt diese Assoziation. Fritz-Limo gibt´s auf Wunsch für umsonst. Mancher mag sich fragen, ob er im falschen Film sei. Noch geht es nicht los. Das „blind concert“ des TONALi-Festivals „zwölf.orte / Klassik in deinem Kiez“ lässt auf sich warten, an diesem Donnerstag, dem 10. Dezember 2015.

Augenbinden. Topfschlagen. Zettel. Limo. Jugendliche sind hier in Aktion. Schüler*innen sind es, die mit Laura das Format, diesen Abend kreiert haben. Schüler*innen, die als Schülermanager*innen in die Disco, in die angesagte Bergedorfer „Lola“ gekommen sind, um das experimentelle Klassik-Konzert für ihre Mitschüler*innen, Freund*innen, Familien - und alle anderen Interessierten – zu organisieren. Draußen ist es naßkalt. Kräftige Windböen beschleunigen unfreiwillig-eilige Schritte ins Haus. Wer neugierig ist und kommt, sieht gleich rechts neben dem Eingang eine große Leuchtreklame, darauf: 10.12. Klassik. 19.12. Disco. 12.12. Disco. 24.12. Disco.

Laura Moinian ist Künstlerin des Abends, sie ist Cellistin (21), sie kommt aus Hannover. Laura hat Lea, Layla, Marthje und Charlotte gebeten, diese schwarzen Augenbinden an alle Gäste zu verteilen und jeden Gast auf einen Platz zu führen. Niemand weiß, was gespielt wird. Keiner weiß, wie der Abend verläuft. Laura kennt ihr Schülermanager*innen-Team. Bereits ein halbes Jahr vor diesem Kiez Konzert wurde Laura von Layla eingeladen, in der Hamburger Brecht Schule und vor der gesamten Schulöffentlichkeit ein Konzert zu geben. Die Brecht Schule ist Lauras Patenschule bei TONALi. Die „Lola“ ist ihr Paten-Kulturhaus.

TONALi – und dafür hatte sich Laura vor über einem Jahr beworben – ist Deutschlands höchstdotierter Kulturpreis für junge Künstler unter 21 Jahren. Im September 2015 fand das fünfte Finale mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen in der Laeiszhalle statt. Knapp zwei Monate nach diesem Höhepunkt kommen alle Musiker zurück in die Stadt, in das von 60 Jugendlichen eigenverantwortlich organisierte Festival „zwölf.orte / Klassik in deinem Kiez“. Jede*r TONALi-Musiker*in darf spielen, was er mag. Es geht jetzt nicht mehr um das Konkurrieren, um das Messen von Leistungen vor eine Jury. Es sollen experimentelle, kreative, authentische Konzerte im Festival auf die Bühne kommen. Ein offenes Denken wird gewünscht. Offene Räume entstehen. Ohren öffnen sich.

Zwölf – für Klassik eher untypische - Orte werden von zwölf jungen Musiker*innen stadtweit bespielt. Zwölf Schülermanager*innen-Teams aus zwölf Patenschulen kümmern sich um alles, was das Festival ausmacht: Werbung, Presse, Veranstaltungsplanung, Durchführung, Künstler*innenbetreuung, Ticketing, Programmheft und manches mehr. In einem zurückliegenden Qualifizierungsworkshop wurden Postkarten für Werbezwecke gestaltet, ein Clip gedreht, eine Facebook-Challenge entwickelt, das Programmheft konzipiert.

Außerschulisch. Freizeit. Klassik. Dieser Dreiklang klingt so ganz und gar unjugendlich. Und doch ist es genau das, was den besonderen Festival-Ansatz ausmacht: Die Begeisterung der Jugend für klassische Musik durch die Jugend selbst. „Jung für Jung“ ist das hier angewandte Prinzip. Musiker*innen und Schülermanager*innen kennen sich bereits ein halbes Jahr. Man hat Konzerterfahrung im schulischen Kontext gesammelt. Man hat sich über Stoffe für Augenbinden im Vorfeld des Festivals Gedanken macht. Man trifft sich hier in der Lola-Disco und traut sich was – mit klassischer Musik.

Es geht los. Die Türen sind zu. Jemand spricht über einen Lautsprecher. Ist es Laura? Die junge Stimme bittet, sich hörend (eben nicht sehend) auf alles einzulassen, was kommt. Ein kleiner sprachlicher Schwenker zum Problem des „sehenden Hörens“. Ein: „Vielen Dank, dass ihr da seid“. Schritte auf der nahen Bühne. Totale Ruhe. Der erste Abstrich eines Satzes von Bach.

Bach in einer Disco. Das geht. Später bittet Laura, sich über ein eben gehörtes Stück „Neuer Musik“ mit seinem Platznachbarn blind zu unterhalten. Später wird Laura die Binden abnehmen lassen. Ein umwerfend schönes, gut tuendes musikalisches Programm verwöhnt die geöffneten Ohren. Jetzt sieht man wieder und: „Wow, was für ein Ort!“. Farbiges LED-Licht. Die Cellistin Laura. Schon auch schön, eine emotionale Musikerin spielen zu sehen. Wie die anderen 11 Konzerte wohl sind? Was die weiteren Formate ausmachen mag? Das so ganz unerwartet frische Programm-Magazin im DIN A4 Format macht Lust auf mehr. Hippe Festival-Bändchen. Flotte Postkarten mit Sprüchen wie: „Hier wird Oldschool gepumbt“, oder: „12 Orte. Das wird Torte“. Rotzig ist das Branding. Jung ist der Look. Den Festival-Initiatoren geht es um gute, bestens gespielte Musik. Künstlerische Relevanz ist höchstes Gebot. „Die Verpackung dient dem Inhalt“, auch das ist ein viel beschworenes TONALi-Mantra.

Laura und Lea, Layla, Marthje und Charlotte haben es geschafft. Ihr Konzert war ein eindrucksvoller Erfolg, wenn es auch nicht gerade leicht war, Mitschüler*innen, junge Menschen zum Konzertbesuch zu bewegen. „Da geht noch was“, so die einhellige Meinung des jungen Teams.

Noch schnell die Augenbinden eingesammelt. Noch kurz bemerkt: „Wer nur hört, sieht viel.“

Amadeus Templeton

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Foto: TONALi / Bergedorf
Enthalten in

Region: Hamburg | Sparte: Musik | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |