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#110: Wintercampus Abenteuer-Land 2016

08.03.2016
Foto: Melanie Tavernier

Es ist eine völlig verrückte Idee und merkwürdigerweise funktioniert sie. Entgegen aller düsteren Prognosen versucht die Künstlerstadt Kalbe das Unmögliche, sich den Folgen des demografischen Wandels in der Altmark, im Norden Sachsen-Anhalts aktiv zu stellen. Nicht nur eine neue Künstlerkolonie ist das Ziel, sondern die Belebung der Kleinstadt Kalbe (Milde)  durch Kunst und Kultur. Leerstand und Ruhe gilt es als Luxus und Gestaltungsraum zu begreifen. „Fülle in die Hülle“ ist das Motto der seit drei Jahren bestehenden Initiative. Das Ziel ist es, die Lebensqualität für die Bewohner*innen durch moderne Kunst nachhaltig aufzuwerten und wider den demografischen Wandel Zuzug anzuregen.

In den letzten Jahre belebte der Verein im Rahmen des Sommer- und Wintercampus für Kunststudierende jeglicher Fachrichtung, des Artist in Residence Programm sowie einer eigenen Galerie mitten in der Altstadt erfolgreich die Stadt Kalbe (Milde). Mit dem diesjährigen Wintercampus wagte der Verein um die Gründerin Corinna Köbele etwas Neues: Die Kunst zieht auf das Abenteuer-Land. 22 Künstler*innen aus sechs Nationen wohnen und arbeiten in drei Dörfern der Einheitsgemeinde Kalbe (Milde). Auch auf dem Land wird Leerstand belebt: Die ehemalige Bürgermeisterwohnung in Brunau dient drei Kunststudierenden als Wohnort und Atelier. In engem Kontakt mit dem 600-Einwohner*innen-starken Dorf forschen die Künstler*innen aus Erfurt, Nürnberg und Greifwald nach dem lokalen Heimatbegriff. Ein Pat*innen-Modell unterstützt den Austausch, jeder Kunststudierenden steht ein ortsansässiger Pat*in bei Seite. Die Begegnungen von Moderner Kunst und ländlichen Raum gestalten sich ganz unterschiedlich, von Neugier und Freunde darüber, dass endlich mal wieder was los ist, bis zum Verdacht die Künstler*innen seien Haustürvertreter*innen ist alles dabei.

Die Stipendiat*innen zwischen 22 und 37 Jahren genießen den Luxus der Leere und Ruhe. Die Künstlerstadt Kalbe bietet ihnen die Möglichkeit ohne den üblichen Konkurrenzdruck der Kunstakademien interdisziplinär zusammen zu arbeiten. Viele Künstler*innen kommen wieder, Karola Pfandt der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe nimmt bereits zum vierten Mal an einem Künstlerstadt-Campus teil. Die liebevolle Sicht und Begeisterung für Natur und Bewohner*innen dokumentieren die Stipendiaten in Ihren Arbeiten. Die Künstler*innen untersuchen auch in diesem Jahr lokale und globale Themen: Was ist Heimat? Wo gibt es noch echte Wut? Wie geht der einzelne Mensch mit der Diskrepanz zwischen Ursprung und Modernität um? Worin liegt die Aufgabe der Kunst?

Zu den wöchentlichen Atelierrundgängen lädt die Künstlerstadt Kalbe die Altmärker*innen ein und bietet eine unmittelbaren Austausch. Die Studierenden stellen ihre Arbeitsprozesse vor, präsentieren Kunstwerke und erklären den Besucher*innen ihren Blickwinkel.  Der anschließende Dialog bietet Kulturvermittlung in seiner unmittelbarsten Form. Für die Besucher*innen ist es häufig der erste Kontakt mit zeitgenössischer Kunst der vielfältigen Fachbereiche der Bildende Kunst, Malerei, Fotografie, Installation und Film, und der Darstellende Kunst, Performance und Tanz. Im Dialog wird das auf dem Lande typische Bild der abgehobenen Hochkulturkünstler*innen ordentlich durcheinander gewirbelt. Viele Altmärker*innen werden dabei zu Wiedergänger*innen: Neugierig besuchen sie auch andere Atelierrundgänge. Zeitgenössische Kunst wird auf diesem Weg nicht länger nur ein Thema von Großstädten - moderne Kunst ist keine Frage des Wohnortes, sondern des Kulturangebotes und der Kulturvermittlung. Für sein Engagement wurde der Verein bereits m 2014 mit dem Demografiepreis Sachsen-Anhalt und 2013 als „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“ ausgelobt. Seit Januar 2016 wird der Künstlerstadt Kalbe e.V. von der Kulturstiftung des Bundes im Programm Fonds Neue Länder für drei Jahre gefördert, um eine Professionalisierung der bisher ausschließlich ehrenamtlichen Strukturen zu befördern.

Der Verein Künstlerstadt Kalbe eröffnete am 27. Februar 2016 erfolgreich seinen Wintercampus Abenteuer-Land 2016. Bis zum 21. März 2016 öffnen die Kunststudierenden ihre Ateliers wöchentlich und bieten Landbewohner*innen und dem Fachpublikum Einblicke in ihre Arbeit. Jeweils Freitag um 17 Uhr und Samstag und Sonntag 15 Uhr finden Atelierrundgänge an verschiedenen Orten statt. Darüber hinaus präsentiert am 07. April 2016 um 19.00 Uhr die Tanzkompanie Wal den ersten Arbeitsstand ihres Tanzprojektes „Gestrandet“ im Dorfgemeinschaftshaus in Badel.

Alle Termine und Adressen gibt es hier.

Weitere Information zur Künstlerstadt Kalbe e.V. erhalten Sie hier.

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Foto: Melanie Tavernier
Enthalten in

Region: Sachsen-Anhalt | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |