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#128: Banda Internationale

18.07.2016
Internationale Zusammensetzung. Foto: Ralf Jakubski

Geschichte/Hintergrund

Die sächsische Landeshauptstadt war in den vergangenen acht Monaten so etwas wie das Epizentrum einer anhaltenden gesellschaftlichen Debatte über Asylrecht, Fremdenfeindlichkeit und Integration. Für die Dresdner Band Banda Comunale gehört es zum Selbstverständnis, sich an diesen Debatten zu beteiligen. Seit 15 Jahren kennt man sie als Dresdner Original: Eine tanzbare Brass-Band, deren Name übersetzt so etwas wie „Dorf-Kapelle“ bedeutet und die sich schon immer gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit stark machte. Mit ihrer eingängigen und mitreißenden Blasmusik, die sich unterschiedlicher kultureller Einflüsse zum Beispiel aus Osteuropa, Südamerika und Nordafrika bedient, spielten sie unermüdlich auf Demonstrationen, Willkommensfesten, Solidaritätskonzerten und zuletzt sogar direkt in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Dabei sind außergewöhnliche Begegnungen entstanden, wie sie kaum ein anderes Medium als die Musik möglich macht. Vergessen sind Sprachbarrieren, interkulturelle Missverständnisse und Hemmungen der ersten Begegnung. Es reicht ein schlichtes „You play. I dance, okay?“ und ein Gefühl von Gemeinschaft und Ausgelassenheit löst für einen kurzen Moment den Alltag ab.

Nach über 40 Konzerten gegen Pegida, gegen „Nein-zum-Heim“-Initiativen und für geflüchtete Menschen in Erstaufnahmeeinrichtungen haben Michał Tomaszewski, Martin Schulze und ihre neun Kollegen beschlossen, dass sie einen Schritt weitergehen wollen: Unter den Geflüchteten musste es doch auch Musiker geben – Menschen wie sie selbst, die ohne ihr Instrument, ohne den Austausch mit Anderen und ohne das tägliche Üben einfach nicht sein können. Sie begannen sich umzuhören, Flugblätter in Unterkünften zu verteilen und Kontakt zu Sozialarbeitern aufzunehmen. Und sie hatten sich nicht geirrt: Neun Musiker aus Syrien, Iran, Irak und Burkina Faso gehören inzwischen fest zum neuen Projekt: Der Banda Internationale.

Porträts

Akram hat in seiner Heimat Bagdad im Jugend-Sinfonie-Orchester Cello gespielt. Nach einem Kulturaustausch-Projekt mit einem deutschen Orchester aus Osnabrück vor vier Jahren begann für ihn der Ärger mit den irakischen Behörden, bis er schließlich keinen anderen Ausweg mehr sah und für seine Liebe zur Musik seine Heimat verließ. Thabet stammt aus Syrien, floh in den Jemen, um sein unterbrochenes Medizinstudium fortzusetzen, bis er auch von dort fliehen musste. Er spielt Oud, ein im arabischen Raum populäres Lauteninstrument, und legt die Latte auf den Proben gern hoch. Qutaiba prägt den Sound der Band mit seiner Snare Drum. Er kommt aus Damaskus, wo er als Nachfahre palästinensischer Flüchtlinge in Yarmouk Camp aufgewachsen ist. Gemeinsam mit seinen beiden kleinen Brüdern hat er sich nach Deutschland durchgeschlagen und hofft, dass er hier Informatik studieren kann. Ezchial Wendtoin spielt Percussion wie ein Verrückter, außerdem Gitarre. Und er singt, besonders gern auf Deutsch – denn in Burkina Faso war er Deutschlehrer. Muhammad kommt aus Syrien und lebt seit 2012 in Dresden. Er spielt Oud und Gitarre, ist Zahnarzt am Uniklinikum und empfindet inzwischen Aleppo und Dresden gleichermaßen als Heimat. Der Syrer Masuod ist erst seit Oktober 2015 in Deutschland. Er bereichert das Projekt nicht nur um seine Fähigkeiten als Perkussionist an der Darbuka, sondern bringt mit seiner Vorliebe für Rap auch noch einen völlig anderen Musikstil mit. Hamid ist Gitarrist und lebt für Heavy Metal. Er kommt aus dem Iran, wo er als Musiklehrer gearbeitet hat. Wegen seiner musikalischen Vorlieben ist er dort immer wieder mit dem System in Konflikt geraten und sogar einige Monate inhaftiert worden. Seine selbstgeschriebenen persischen Metal-Balladen gehören schon fest zum Banda-Repertoire. Danial stammt aus Syrien und hat das Trompetespielen in einer kleinen Band in seiner Kirchgemeinde gelernt. Ahmed ist ein hervorragender Percussionist aus dem Irak. Die neuen Bandkollegen Akram, Thabet, Qutaiba, Ezchial Wendtoin, Muhammad, Masuod Hamid, Danial und Ahmed bringen der Banda Lieder aus ihrer Heimat bei, lernen wiederum das Repertoire der Band zu spielen, stehen bei Konzerten mit auf der Bühne und sind beim Bier danach dabei.

Für zunächst knapp ein Jahr ist das gemeinsame Experiment des Musizierens, Probens und Auftretens angesetzt. In dieser Zeit organisiert die bunte Truppe Auftritte und spielt Konzerte – auf dem Stadtfest in Freital, im Club in der Dresdner Neustadt oder im Flüchtlingscafé am Staatsschauspiel. Eben da, wo Dresden sie braucht und genau dort, wo sie sich auch zu Hause fühlen. Am Ende wird die Banda Internationale eine CD aufnehmen, die viele Geschichten erzählt, aber ein Thema hat: Heimat. Ein Thema, dem in Deutschland – insbesondere in musikalischer Hinsicht – eher ein verstaubter Beigeschmack anhaftet. Volksmusik, Identität und Heimatverbundenheit sind gemeinhin Terminologien konservativer und rechter Positionen. Doch wie verändert der Verlust der eigenen Heimat den Blick auf diese Fragen? Welche Rolle spielen Traditionen und nostalgische Erinnerungen in einem fremden Land, einer fremden Umgebung und mit einer ungewissen Zukunft vor sich? Und welches Potential steckt eigentlich in einem Perspektivwechsel – ist des einen oller Schunkelschlager des anderen angesagte Neuentdeckung? Begleitet wird die Banda Internationale von einem Kamerateam der Hechtfilm UG, das alle Erfahrungen und Erlebnisse festhält und aus diesem Material einen Dokumentarfilm machen wird.

Unterstützer/Preise

Banda Internationale ist ein gemeinsames Projekt der Banda Comunale und der Cellex Stiftung. Bürgerinnen und Bürgern und zahlreiche Institutionen in Dresden unterstützen das Projekt finanziell oder ideell. Gefördert wird und wurde es vom Freistaat Sachsen aus Mitteln der Förderrichtlinie „Integrative Maßnahmen“, der Landeshauptstadt Dresden aus Mitteln des Lokalen Handlungsprogramms Toleranz und Demokratie und der Amadeu Antonio Stiftung. Das Projekt erhielt 2016 den Sonderpreis der Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters, mit dem herausragende Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen ausgezeichnet werden, und den Sächsischen Preis für Soziokulturelles Engagement der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Seit Mai 2016 gehört das Projekt Banda Internationale zu den 100 Ausgezeichneten Orten der Kampagne „Deutschland – Land der Ideen“.

Wenn auch Sie das Projekt unterstützen wollen, dann erzählen Sie geflüchteten Musikern von unserem Projekt, besuchen Sie unsere Konzerte und werfen Sie uns eine Kleinigkeit in den virtuellen Hut!

Spendenkonto:
Cellex Stiftung
IBAN: DE96850205000003659700
BIC: COBADEFFXXX
Bank für Sozialwirtschaft

Die Banda Internationale will den Sound unserer Heimat verändern und wir sind sicher, das wird gut…

Pressekontakt: Eva Sturm, 0351 44 66 45 091 oder e.sturm@cellex-stiftung.org

Weitere Informationen über das Projekt finden Sie hier.

Zuhörer aller Altersstufen und Herkunftsorte. Foto: Oliver Killig
Enthalten in

Region: Bundesweit, Sachsen | Sparte: Musik | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |