Kultur bildet.

Das Portal für kulturelle Bildung.

#34: Ruhrorter

25.08.2014

RUHRORTER ist ein Theater- und Kunstprojekt des Theater an der Ruhr mit Flüchtlingen aus dem Ruhrgebiet. Die notwendigen Mittel wurden vom Land Nordrhein-Westfalen durch das Programm „Künste im interkulturellen Dialog“, der Stadt Mülheim an der Ruhr sowie dem Theater an der Ruhr selbst bereitgestellt. Der Dialog mit den Integrationsbeauftragten und dem Kulturbetrieb der Stadt Mülheim entwickelte sich zu einer Kooperation, die in den folgenden Jahren fortgesetzt werden soll: Mit der Dezentralisierung der Wohnungen für Flüchtlinge hat Mülheim schon vor Jahren einen entscheidenden Impuls in der Auseinandersetzung mit Asylbewerbern im urbanen Raum im Ruhrgebiet gesetzt.

Das Projekt RUHRORTER verband Theater, Installation und Intervention im öffentlichen Raum zugleich. Das Ziel von RUHRORTER war die Suche nach neuen ästhetischen Formen, um mit den Mitteln der Kunst und der forschenden Dokumentation ein öffentlich sichtbares und erfahrbares Korrektiv gegen die stereotype Kategorisierung und Ausgrenzung von Flüchtlingen - sowohl in der Bürgergesellschaft, als auch in den Medien und der dokumentarischen Kunst - zu entwerfen.

Ausgangspunkt

Die Ursprünge von RUHRORTER liegen in den Arbeiten und der Philosophie des Theater an der Ruhr mit seinem Fokus auf Themen wie Fremdheit, Ausgrenzung und Reisen. Theater nicht als „Öffnen des Vorhangs auf eine Welt, die man bereits kennt“ zu verstehen, wie Roberto Ciulli, Leiter des Theater an der Ruhr, es einst formulierte, hat dabei ein Verständnis politischer Kunst, wie das RUHRORTER verfolgte, entscheidend geprägt: das Projekt verstand sich nicht als verlagerte Form der Sozialarbeit, die eine prekäre Wirklichkeit lediglich über eine dokumentarische Verdopplung vordergründig auszustellen und anzuprangern versucht. Es sollte vielmehr Räume mit eigenen Formen schaffen, die andere Möglichkeiten zur Reflexion sozialer Problembereiche eröffnen, Räume, die Teilnehmern und Publikum über die künstlerische Arbeit Mittel zu einer politischen Selbstbeobachtung bereitstellen.

Ausgangsort

Der Name RUHRORTER beschreibt den Ausgangsort des Projektes. Die postindustriellen Räumlichkeiten eines mehrstöckigen Gebäudes an der Ruhrorterstraße 110 im Mülheimer Industriehafen nahe der Ruhrgebietsstädte Duisburg und Oberhausen waren einst ein Asylbewerberheim, dessen Spuren das Projekt sinnbildlich Projekt verfolgt und erfahrbar gemacht hat. Über tausende Quadratmeter hinweg erstreckten sich seit zehn Jahren leerstehende Räume, Säle, Gänge und gespenstische Zimmer. Entlang eines langen Ganges im ersten Stock reihen sich kleine Zimmer, die allesamt einst Wohnungen für Asylbewerber waren. An den Wänden fanden sich Zeichnungen, Malereien, Kritzeleien - Spuren der Abwesenden, die über eine anonyme Masse hinauswiesen. In der vierten Etage ein verlassener, industriell-sakraler Saal mit einer Empore, die wie ein Aufgang in den Himmel wirkte. Dass das Theater an der Ruhr seit Jahren im Erdgeschoss probt, war ein weiterer Aspekt, der diesen ambivalenten Raum zu einem besonderen Aufführungsort werden liess.

Theaterstück ZWEI HIMMEL

Das Projekt begann mit Proben zum Theaterstück ZWEI HIMMEL. Mehrmals wöchentlich kamen freiwillig Jugendliche und Erwachsene im Alter von 13 bis 39 Jahren anfänglich ans Theater an der Ruhr. Gemeinsam lernte man sich auf der Probebühne des Jungen Theaters kennen und begann sich einigen der zentralen Themen des Projektes zu widmen, die über Improvisationen zur Schlüsselfrage „Wovon träumst Du, wenn Du nicht schlafen kannst?“ gemeinsam erschlossen wurden. Über eine geduldige Spurensuche auf der Bühne entstand so ein gemeinsamer Theaterabend, eine kollektive Geschichte vom Erinnern und Vergessen, eine Erzählung in Bildern, Sprache und purer Bewegung, in der sich all die verstreuten Geschichten der TeilnehmerInnen kreuzten, ineinander liefen und immer weiter verzweigten.

Der Fokus der Arbeit lag dabei, den TeilnehmerInnen die Chance zu bieten, zunächst von ihrem Status als Flüchtling auszugehen, diese zu hinterfragen und darüber ein selbstbestimmtes Korrektiv über das Theaterspiel zu bilden, um sich von der fremden und eigenen Stigmatisierung spielerisch zu befreien. Und sie nutzen die Chance, das Leben als Flüchtling, das Leben des überflüssigen Geduldeten, durch das Theater produktiv zu wenden. Pressestimmen zu der Theaterinszenierung finden Sie hier.

Installation PALIMPSEST

Parallel zum Theaterstück begann Wanja van Suntum, assistiert von Julia Rautenhaus, die auch das Kostümbild entwarf, Interviews mit Menschen aus dem Umfeld von RUHRORTER zu führen, Workshops mit ehemaligen Flüchtlingskindern zu organisieren und im Dialog mit dem Theaterstück die Räumlichkeiten der ersten Etage der Ruhrorterstraße zu einer begehbaren Installation zu gestalten. Die Installation versuchte, der Abwesenheit der Menschen des ehemaligen Heims eine Anwesenheit durch ihre Spuren zu geben, durch Spuren, auf die die Installation aufmerksam machte, die aber auch teilweise durch die Installation neu gelegt wurden. Aus der Begegnung mit diesen Spuren und Abwesenheiten in den Räumen der Installation und den Geschichten der TeilnehmerInnen des Theaterstücks entstand auch ein Kurzfilm von Alexander Leonard Ronge, der den leeren Räumen die Präsenz ihrer Geschichte(n) zurückgibt. Der Kurzfilm ist auf der Startseite der Projekt-Webseite www.ruhrorter.com zu sehen.

Dokumentation

Jede Probe wurde intensiv begleitet, nicht nur vom Regisseur Adem Köstereli, sondern auch von dem Anthropologen Jonas Tinius, der im Rahmen seiner Doktorarbeit über die politisch-ethischen Dimensionen von Theaterkunst schreibt. Er führte ein Probentagebuch, schrieb Beobachtungen zu zentralen Themen und Fragestellungen für die digitale Materialsammlung und Website des Projektes, gab Interviews und schrieb Artikel für die lokale und regionale Presse, die sich mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Projekts befassten. Diese Portraits waren für die ProjektteilnehmerInnen und -leiter ein wichtiger Schritt, Menschen mit Fluchthintergrund in ihrer Auseinandersetzung mit Kunst dem lesenden Stadtpublikum vorzustellen. Hierbei ging es bewusst nicht um medial emotionalisierte Einzelschicksale, sondern um die kreativen und subjektiven Reaktionen der TeilnehmerInnen als Menschen auf die Neuverortung im Ruhrgebiet und ihren persönlichen Dialog mit der Theaterkunst. Die Texte waren immer auch ein Dialog mit der Stadtgesellschaft: Durch kuratierte Aktionen im Innenstadtraum, Interviews und Aufrufe wurden diese Portraits und die Themen des Projekts der Öffentlichkeit von Stadt und Region eingeschrieben.

Nachhaltigkeit

Das Projekt RUHRORTER geht bereits weiter: Der Kurzfilm RUHRORTER wird bei der nächsten Integrationsratsitzung der Stadt Mülheim an der Ruhr gezeigt, TeilnehmerInnen des Projektes nahmen an Protesten zur Unterbringung und Aufnahme von neuen Flüchtlingen im Ruhrgebiet teil. Nach Beendigung des Projektes wurde zudem ein Gespräch mit Adem Köstereli und Roberto Ciulli von der regionalen Presse geführt, das die Rolle von Theater in politischen Diskussionen problematisierte (Artikel). Die lokalen Medien haben weitere Kooperationen angekündigt und die Integrationsstellen der Stadt Mülheim an der Ruhr, sowie diverse Flüchtlingsstellen im Ruhrgebiet wollen den Dialog mit dem Theater an der Ruhr weiterführen. Adem Köstereli bereitet das nächste Projekt vor. Jonas Tinius arbeitet an Vorträgen und Publikationen, die das Projekt im Kontext von aktuellen Bewegungen und Tendenzen des politischen Theaters in Europa vorstellen. Eine schöne und wichtige Geste war zudem, dass das Theater an der Ruhr die Einnahmen der diesjährigen Spendenaktion bei ihrem alljährlichen open-air Theaterfest Weisse Nächte im Juli 2014 Flüchtlingen im Ruhrgebiet zukommen lassen wird.

Das Thema Nachhaltigkeit ist eine ewige Herausforderung bei „Projekten“, die auf eine bestimmte Zeit angelegt sind, sich aber intensiv mit sozialen Ungerechtigkeiten auseinandersetzen. Ein Interview mit Jonas Tinius zu dieser Problematik finden Sie hier.  

Ansprechpartner/Kontakt/weitere Informationen

Adem Köstereli (Leiter und Regisseur) - ademkoe@googlemail.com
Jonas Tinius (Anthropologe und Journalist) - jonas.tinius@gmail.com
Wanja van Suntum (Installation) - wanjavs@yahoo.de

Zur offiziellen Website des Projektes gelangen Sie hier.

Hier erfahren Sie mehr über das Projekt der Woche.

Zu den bisherigen Projekten der Woche gelangen Sie hier.

Foto: Ruhrorter
Enthalten in

Region: Nordrhein-Westfalen | Sparte: Theater | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |