Kultur bildet.

Das Portal für kulturelle Bildung.

#57: Ortung

16.02.2015
Die Teilnehmer hatten die Aufgaben den Kamerastandort zu dokumentieren. Zu sehen sind hier die verschiedenen Orte und Kameraarten. Die kleinen Lochkameras trug man am Körper, die beiden größeren Arten wurden an einem Ort oder an dem Fortbewegungsmittel montiert. Nachdem die Kameras geöffnet wurden und die Bilder gesichert waren, kamen alle Kameras in die Projektpräsentation. Allen sah man ihre Nutzung an: von Hundebissspuren, über ausgeblichene Klettverschlussbänder und Beschriftungen. / Foto: Kunsthalle Emden und Projektteilnehmende

„Ortung – Emder entdecken die Welt – die Welt entdeckt Emden“ zur Ausstellung „Neuland! Macke, Gauguin und andere Entdecker“

Die Ausstellung „Neuland! Macke, Gauguin und andere Entdecker“ wurde durch ein partizipatives Besucherprojekt flankiert. In der Ausstellung wurden Künstler gezeigt, die in ihren Kunstwerken neue Orte entdeckt, also „Neuland“, betreten haben. Das Projekt „Ortung“ begann bereits ein Jahr vor der Ausstellung und richtete sich an sämtliche Besuchergruppen des Museums. Ziel des Projektes war es, den Teilnehmern bereits vor der Auseinandersetzung mit den Werken der Ausstellung einen Einblick in künstlerische Prozesse zu ermöglichen. Die Kunstvermittlung, wie wir sie verstehen, fokussiert Kunst in einem weiteren Sinne. Ihr Gegenstand ist nicht das Werk als Objekt, sondern vielmehr der prozessuale Charakter von Kunst.

Die Kunstvermittlung in unserem Haus versucht seit einigen Jahren, den prozessualen Charakter von Kunst in interaktive Vermittlungsprojekte zu übersetzen. Zentral für diese Vermittlungsform ist, dass die Besucher*innen des Museums zu aktiven Teilnehmer*innen werden. Der Begriff von Interaktion, der für unsere Idee von Kunstvermittlung steht, ergibt sich aus den Voraussetzungen des künstlerischen Prozesses. Wir versuchen, den Teilnehmenden durch eine Frage den Impuls zur Auseinandersetzung und Teilnahme zu geben. Die Fragen sind in der Regel so offen gestellt, dass sie möglichst viele Menschen erreichen, gleichzeitig aber versuchen wir jeden ganz persönlich anzusprechen, um so eine größt mögliche Identifikation zu erreichen. Im Projekt selbst schaffen wir ein Setting, das den künstlerischen Prozess zum Teil schon gegangen ist und die Entscheidungsprozesse auf einen bestimmten Punkt eng führt. Das heißt, einige Entscheidungen sind in dem Moment, da die Teilnehmenden einsteigen, schon getroffen. Material und Technik stehen so und nicht anders zur Verfügung. Wenn es aber gelingt, durch den Impuls der Fragestellung die Menschen zur Teilnahme und intensiven Auseinandersetzung zu motivieren, dann bleibt immer noch ein großer Spielraum. Der ist idealerweise eng genug, um Frustration und das Verirren in tausend Wegen zu verhindern und weit genug, um wirkliche Alternativen zu ermöglichen. Das schließt auch die Möglichkeit des Scheiterns mit ein.

Unser Anliegen ist also, im Design eines solchen Projekts einen künstlerischen Prozess zu simulieren, den man an einem bestimmten Punkt an die Teilnehmenden abgeben kann, damit Entscheidungen von vielen je individuell und höchst unterschiedlich getroffen werden können. Und, den wir wieder an uns nehmen, wenn diese Entscheidungen getroffen sind, um die Ergebnisse in den Ausstellungskontext zu integrieren. Die Kunstvermittlung hat in diesem Sinne die Aufgabe, den künstlerischen Prozess für Teilnehmende an entsprechenden Projekten erfahrbar zu machen. Denn jemand, der das erfahren hat, wird seine Sicht auf Kunst ändern und damit zu einem erweiterten Kunstverständnis kommen. Wir schaffen damit eine Alternative und Ergänzung zu herkömmlicher Vermittlungsarbeit im Museum.

Wir haben 200 Menschen eingeladen, sich an unserem Projekt „Ortung“ zu beteiligen. Die Teilnehmenden wurden mit Materialien ausgestattet, die ihre Reiseaktivitäten dokumentieren sollten. Bestückt wurden sie unter anderem mit einer Lochkamera, die dazu geeignet ist, Langzeitaufnahmen von bis zu drei Jahren zu machen. Wir arbeiten mit Solargrafie, Dabei werden Fotos auf lichtempfindlichem Fotopapier aufgenommen und das Bild anschließend im Computer invertiert und bearbeitet. Die Fotografien, die auf diese Weise entstehen, verfremden die Objekte und abstrahieren stark. Sie bilden eher einen Bewegungsprozess ab als realistische
Details, bekannte Orte werden dadurch „fremd“, und so ermöglichen die Kameras einen neuen Blick auf vertraute Orte und Begebenheiten. Für die Teilnehmenden haben wir zwei verschiedene Ausrüstungen entwickelt: ein Entdecker-Kit für Reisende und ein Entdecker-Kit für Daheimbleiber. Diese Kits enthielten unterschiedliche Lochkameratypen sowie einen Schrittzähler, ein Skizzenbuch, Grafitstifte, orangefarbene Straßenkreide, drei Laborfläschchen, fünf Butterbrottüten und ein Maßband.

Die Aufgabe der Teilnehmer bestand darin, ihren Urlaub zu kartieren und zu dokumentieren:

  • 1. Zeichnen
    Zeichne jeden Morgen das, was Du als erstes siehst, wenn Du die Augen aufmachst.
  • 2. Sammeln
    a) Suche fünf Dinge, die es wert sind aufbewahrt zu werden.
    b) Bring Proben von der Reise mit.
  • 3. Markieren
    Hinterlasse auf Deiner Reise mindestens eine Spur mit Kreide und fotografiere sie.
  • 4. Zählen
    a) Zähle Deine Schritte.
    b) Wie oft hast Du Dich gefreut, geärgert oder wurdest überrascht?
  • 5. Maßnehmen
    Vermesse mindestens drei Gegenstände, notiere den Standpunkt, den Tag und die Maße im Skizzenbuch.
  • 6. Schreiben
    Suche die kitschigste Postkarte und schicke sie an jemanden, der sie verdient.
  • 7. Fotografieren
    a) Dokumentiere Deinen Urlaub mit der Lochkamera.
    b) Fotografiere den Ort, an dem Du die Lochkamera befestigst.
  • 8. Aufnehmen
    Nimm ein Geräusch mit dem Handy auf oder beschreibe das Geräusch im Skizzenbuch.

Wir wandten uns an Privatpersonen, die wir direkt im Museum angesprochen haben, aber auch an verschiedene Institutionen, mit denen wir Kooperationen eingingen. Schüler*innen und Studierende haben im Rahmen des Unterrichts bzw. Studiums am Projekt teilgenommen und auch universitäre Einrichtungen konnten sich beteiligen. So konnten wir mit dem marum Bremen eine enge Zusammenarbeit erreichen. Fast ein Jahr vor Ausstellungseröffnung fuhren drei Forschungsschiffe (FS Sonne, FS Poseidon und das FS Maria S Merian) mit Lochkameras auf Expeditionsreise. Die Wissenschaftler bestückten die Lochkameras nach vorgegebenen Zeiträumen mit Fotopapier, auch diese Fotos wurden Teil der Installation im Museum. Das Sammeln, Beschreiben und Kartieren der Urlaubsaktivitäten war für die Teilnehmenden sehr aufwendig. Sämtliche Ergebnisse der künstlerischen Forschungsreisen wurden in einem Ausstellungsraum, der Teil der Kunstausstellung war, in einer Installation gezeigt.

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Projekts waren Workshops. Sie regten zum einen den Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmern an und veranlassten Gespräche über ihre ganz individuellen Erlebnisse, zum anderen wurde dort die Ausstellung „Neuland“ vorgestellt und diskutiert. Alle Teilnehmenden konnten, nachdem sie ihre Reisedokumentation abgegeben hatten, bis zu zehn Personen aus ihrem engeren Verwandten- und Bekanntenkreis zu einem Ausstellungsrundgang einladen und ihnen neben ihren Reiseergebnissen auch die gesamte Ausstellung zeigen. Besonders von teilnehmenden Schulklassen und sozialen Einrichtungen wurde das Angebot begeistert angenommen.

Bereits während der Projektlaufzeit und parallel zur Projektpräsentation verfassten wir ein Blog, auf dem Fotos und Kommentare der Teilnehmenden eingestellt wurden. Außerdem sind auf dem Blog Fotos einer begehbaren Lochkamera zu sehen, die über die gesamte Laufzeit der Ausstellung Langzeitbelichtungen aufnahm. Sie befand sich im Innenraum der Museumsfoyers und fotografierte nach draußen, jeweils in einem Rhythmus von zwei bis vier Wochen.

Weitere Informationen zum Projekt „Ortung“ finden Sie hier.

Hier erfahren Sie mehr über das Projekt der Woche.

Zu den bisherigen Projekten der Woche gelangen Sie hier.

Die eigene Reise mit einer besonderen Art von Aufmerksamkeit zu bestreiten, war eines der Ziele des Projektes. Deshalb sollten Proben und Fundstücke gesammelt werden. Jeweils 3 Proben in kleinen Fläschchen und 5 Fundstücke in Papiertüten brachte jeder Teilnehmer zu uns zurück. Viele entdeckten dabei den Forscher ins sich und sammelten Pflanzenteile, Algen, Sand, Samen oder auch einfach nur Urlaubsluft ein. Präsentiert wurden die Probenfläschchen in einem Setzkasten. Die Fundstücke, immerhin waren es über 500 Stück, verblieben in den teils beschrifteten und gestalteten Tüten. / Foto: Kunsthalle Emden und Projektteilnehmende
Enthalten in

Region: Bremen | Sparte: Interdisziplinär, Museum | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |