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#62: KinderKulturKarawane

23.03.2015
Foto: Steffi Overhoff

Von Strassenkindern lernen

Ist ein sozialer Brennpunkt der richtige Ort, um eine Künstlergruppe aus dem Globalen Süden zu präsentieren? Zum Beispiel Steilshoop: Laut Behörde hat dieser Hamburger Stadtteil „Entwicklungsbedarf“. Ungefähr 15.000 Menschen aus vielen verschiedenen Nationen leben dort auf engem Raum. Es gibt eine Stadtteilschule, ein Haus der Jugend, den internationalen Stadtteiltreff AGDAZ – und viele Hochhäuser. Mehr nicht. Steilshoop gilt als „abgehängt“, weil man mit Bus und U-Bahn einen beschwerlichen Weg auf sich nehmen muss, um „Kultur“ zu erleben. Und weil die Zukunftsaussichten für die Kinder und Jugendlichen, die „ihre“ Stadtteilschule besuchen, nicht sehr rosig sind. Wie reagieren die Jugendlichen, wenn zum Beispiel eine junge Tanz- und Theatergruppe aus dem indischen Mumbai auf ihrer Bühne spielt und Workshops anbietet? Mit Desinteresse oder sogar Ablehnung?

„Das Gegenteil ist der Fall“, sagt Ralf Classen, der die KinderKulturKarawane (KKK) vor 16 Jahren mit ins Leben gerufen hat und seitdem ihr künstlerischer Leiter ist. „Steilshoop ist für ein solches Projekt ein nahezu idealtypischer Stadtteil“, sagt der 60-Jährige. Er weiß auch warum: Die Jugendlichen spüren sofort Respekt. Denn die jungen Kulturgruppen aus Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas kommen aus noch viel ärmeren und stärker benachteiligten Lebensumfeldern. Über die Kunst haben sie ihr Selbstbewusstsein gestärkt und eine Perspektiven für ihr Leben entwickeln können. Gibt man den Kindern aus Steilshoop und den Peers aus anderen Kontinenten gemeinsame Freiräume, entsteht ein authentischer Dialog auf Augenhöhe, der in eine für beide Seiten befruchtende Begegnung mündet.

Respekt ist die eine Säule des „Erfolgsrezepts“ des mehrfach ausgezeichneten Projektes KinderKulturKarawane. Die andere ist die Förderung von Talenten, die in jedem Menschen schlummern. Das Gefühl „Ich kann was!“ ist im Globalen Süden ebenso motivierend wie in Europa. Straßenkinder werden über Zirkusarbeit in die Gesellschaft integriert, traumatisierte Flüchtlingskinder lernen mit Theater und Tanz im Leben zurechtzukommen und traditionelle Musik und Tänze helfen Kindern in den Slums, einen Weg in die Schule zu finden, um so ein Fundament für eine bessere Zukunft zu legen.

„Ich kann was!“ motiviert die jungen Künstler*innen so sehr, dass sie ihre Talente bis zur Perfektion ausbilden. Die künstlerische Qualität der Gruppen, die mit der KinderKulturKarawane nach Europa kommen, ist deshalb auch auf sehr hohem Niveau. „Wir wollen in Europa Beifall für unsere Kunst bekommen und nicht dafür, dass wir aus armen Verhältnissen stammen!“, formuliert es der Leiter eines Theaterprojektes aus Südafrika, der dieses als Straßenkind selbst mitbegründet hat.

„Ich finde es unglaublich toll, dass diese jungen Künstler aus Indien ausgerechnet zu uns nach Steilshoop kommen. Die können echt toll tanzen“, kommentierte eine Schülerin der 8. Klasse den Besuch der Gruppe aus Mumbai. Sie drückt etwas aus, was jungen Menschen in sozialen Brennpunkten offensichtlich fehlt: das Gefühl von Wertschätzung. Durch den Besuch der „Hochkultur“ fühlen sich die Schüler*innen in Steilshoop geehrt. Sie können sich mit den jungen Künstler*innen unterhalten, erfahren viel über deren Alltag und erleben die Neugier der Gäste an ihrem Leben.

Diese Wertschätzung verändert den Stadtteil, denn dadurch fühlen sich auch andere Kulturen in Steilshoop als „ebenbürtig“ wahrgenommen. Beim Stadtteilfest im vergangenen September war beispielsweise die „afrikanische Community“ in Steilshoop in großer Zahl beim Auftritt einer Akrobatikgruppe aus Tansania vertreten. Die jungen ArstistInnen aus Dar es Salaam haben anschließend eine Woche lang mit SchülerInnen ein Programm erarbeitet, das zum Abschluss im Haus der Jugend öffentlich aufgeführt wurde.

Dieser Prozess unter den Jugendlichen führt auch bei der Schulleitung und den Lehrer*innen zu neuen Sichtweisen: „Ich habe gar nicht gewusst, welche sozialen und interkulturellen Kompetenzen meine Schüler*innen haben.“ Diese Aussage äußern Lehrende in der ganzen Republik häufig nach Projekten mit Gruppen der KKK. Erstaunt sind die Pädagog*innen auch über die Sprach- und die Handlungskompetenz ihrer Schützlinge, vor allem aber über die vielen Talente, die in der künstlerischen Arbeit, nicht aber im schulischen Alltag zum Ausdruck kommen.

Ob in Deutschland oder im benachbarten europäischen Ausland, überall, wo die KKK-Gruppen auftreten, lernen die Beteiligten voneinander. So gesehen, ist die KinderKulturKarawane ein „Bildungsprojekt“. Die Projektverantwortlichen meiden das Wort „Bildung“ allerdings, weil es ein Gefälle impliziert zwischen denen, die „bilden“ und denen, die „gebildet“ werden. Sie sehen die Karawane vielmehr als Lernbewegung, in der vor allem die Peers voneinander profitieren und manchmal auch die „Erwachsenen“.

Lernen kann man mit der KinderKulturKarawane viel. Zum Beispiel, dass es eine kulturelle Vielfalt auf dieser Welt gibt und es diesen unerschöpflicher Reichtum zu pflegen gilt. Dass es in der „Dritten Welt“ nicht nur Krieg, Hunger und Flucht gibt, sondern dort begeisternde Künstler*innen leben, junge Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Man erfährt, dass Kultur eng mit der gesellschaftlichen Realität verwoben ist, in gesellschaftliche Prozesse eingreifen und diese verändern kann. Und man kann die Welt verändern: In den künstlerischen Produktionen spiegeln die KKK-Gruppen ihre Lebenswelten wider. Sie bringen Ungerechtigkeit und Ungleichverteilung auf die Bühne, aber sie zeigen zugleich auch zukunftsfähige, nachhaltige Entwicklungen auf. Und damit geben sie jedem einzelnen einen Anstoß, sich für globale Gerechtigkeit einzusetzen.

Die KinderKulturKarawane

Die KinderKulturKarawane wurde im Jahr 2000 gestartet. Jedes Jahr kommen Jugendkulturgruppen aus dem Globalen Süden sechs bis zehn Wochen lang nach Deutschland und Europa, um hier ihre Künste (Theater, Tanz, Musik, Zirkus) in Theatern, Kulturzentren, Schulen, bei Stadtfesten oder Festivals zu zeigen, und um in Workshops jungen Menschen ihre Künste nahezubringen. Die jungen Künstler*innen stammen aus sozial extrem benachteiligten Verhältnissen und haben über die Künste neue Perspektiven für sich und ihre Umwelt entwickeln können. Das künstlerische Niveau aller Gruppen ist sehr hoch und in der Regel für ein junges Publikum ebenso geeignet wie für Erwachsene. Meist sind die Gruppen für zwei Tage zu Gast an einem Ort, immer häufiger werden sie aber auch für längere Projekte zwischen fünf Tagen und zwei Wochen eingeladen, an deren Ende dann eine gemeinsame Bühnenproduktion steht.

In diesem Jahr startet innerhalb der KKK die Kampagne „creACTiv für Klimagerechtigkeit“, an der jeweils zwei Gruppen beteiligt sind.

Zu Gast bei der KKK 2015:

  • „Arena y Esteras“ aus Villa El Salvador (Peru) mit Zirkustheater
  • „Solsolya Undugu Dance Academy“ aus Kampala (Uganda) mit einem traditionellen Musik- und Tanzprogramm
  • „Teatro Trono“ aus El Alto (Bolivien) mit einer Theaterperformance zum Thema Klimawandel
  • „Maiti Nepal“ aus Kathmandu (Nepal) mit einem Programm mit traditionellen und modernen Tänzen, das sich mit der Unterdrückung der Frauen befasst
  • „M.U.K.A. – Project“ aus Johannesburg (Südafrika) mit einem Theaterstück zum Klimawandel
  • „Snak’obal  Jnak’obal“  aus San Cristóbal de las Casas (Mexiko) mit einer modernen Tanzperformance zum Thema Identität.

Das Projekt „KinderKulturKarawane“ wurde im Rahmen der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ mehrfach ausgezeichnet.

Mehr über Nachhaltigkeit in der kulturellen Bildung erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der Zeitung Kultur bildet., einer Beilage der Zeitung Politik & Kultur.

Kontakt:

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Zu den bisherigen Projekten der Woche gelangen Sie hier.

Foto: Treme Terra
Enthalten in

Region: Hamburg | Sparte: Musik, Tanz, Theater, Zirkus | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |