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Ästhetisches Befremden auslösen – Interview mit Bünyamin Werker, Studienleiter der Akademie Remscheid

15.03.2017

Das nachfolgende Interview ist zuerst erschienen in der Ausgabe 2/2017 der Zeitung des Deutschen Kulturrats Politik & Kultur, die als Download hier zu finden ist. Die Fragen stellte Ulrike Plüschke, Referentin für Kultur und Bildung beim Deutschen Kulturrat.

Bünyamin Werker hat zum 1. Januar 2017 die Studienleitung an der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW in Remscheid übernommen. Er verantwortet das inhaltliche Gesamtprogramm und leitet den Fachbereich Allgemeine Kulturpädagogik. Werker war zuvor als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Jugendinstitut sowie am Lehrstuhl Allgemeine Erziehungswissenschaft und Historische Bildungsforschung der TU Dortmund tätig. Dort lehrte und forschte er zu Angeboten, Formaten und Förderung der Kulturellen Jugendbildung in NRW sowie zu Ästhetischer und Kultureller Bildung, Jugendkultur und Erinnerungskultur. Als Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungswissenschaften der Ruhr-Universität Bochum beschäftigte er sich mit Themen der interkulturellen Bildungsarbeit und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Ulrike Plüschke: Herr Werker, welche Ziele haben Sie sich für das von Ihnen verantwortete inhaltliche Gesamtprogramm und den Fachbereich Allgemeine Kulturpädagogik gesteckt?
Bünyamin Werker: Das Fortbildungsprogramm der Akademie der Kulturellen Bildung hält ein vielfältiges Angebot für Multiplikatoren der Kulturellen Bildung mit Kindern und Jugendlichen bereit. Dies gilt es zu erhalten bzw. noch weiter auszubauen. Neben den Qualifizierungsangeboten der einzelnen Fachbereiche möchte ich die interdisziplinär angelegten Fortbildungen stärker ausarbeiten. Dabei sind es vor allem die gesellschaftspolitischen Querschnittsthemen wie Diversität, Inklusion oder Bildung für nachhaltige Entwicklung, die sich in allen Angebotssegmenten der Akademie, auch im Bereich Fachdiskurs und Forschung widerspiegeln sollen. Um zeitgemäße Fortbildungen zu entwickeln, bedarf es darüber hinaus eines gewissen Raumes zum Experimentieren. Des Weiteren werde ich natürlich meine eigene Expertise in die Akademie einbringen. Der Bereich der Erinnerungskultur sowie die Einbindung von Einflüssen der Jugendkultur und Popkultur stellen gesellschaftlich relevante Themen dar, die im Rahmen von Fortbildungen in der Kulturellen Bildung auch weiterhin Berücksichtigung finden sollen.

Sie haben durch Ihr eigenes künstlerisches Schaffen z. B. als Musiker der Hip-Hop-Gruppe "Sons of Gastarbeita" oder als Organisator des Festivals "Rap für Courage" lange Zeit direkt an der Basis der Jugendkultur gearbeitet. Wie beeinflusst diese Erfahrung Ihre Tätigkeit?
Die praktische Arbeit mit Jugendlichen in meiner Zeit als Musiker war eine wertvolle Erfahrung für mich. Sie hat mir gezeigt, dass man als Künstler eine Haltung entwickeln muss, die dazu führt, Bedürfnisse der Jugendlichen in die eigene Vorstellung der künstlerischen Praxis mit einzubeziehen. Sonst besteht die Gefahr, dass der Künstler das Ziel verfehlt, Jugendlichen den Raum zu bieten, sich in ihrer Lebenswelt auszuprobieren und mit Kunst zu experimentieren. Der Ausgangspunkt künstlerischer Arbeit muss daher einerseits auf die jugendlichen Lebenswelten ausgerichtet sein. Andererseits ist es aber auch wichtig, ästhetisches Befremden auszulösen, damit die Möglichkeit besteht, Bildungsprozesse in Gang zu setzen. Dabei darf aber der Spaß am künstlerischen Tun nicht zu kurz kommen.

Wie verändern sich angesichts der immer stärkeren Medialisierung des Alltags – Smartphone, Tablet, Social Media – die Angebote der kulturellen Bildung? Und wie sehen vor diesem Hintergrund attraktive Konzepte der Jugendkulturarbeit aus?
Neue Medien sind die zentralen Speicher, Instrumente und Vermittler kulturellen Wissens unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Kinder und Jugendliche eignen sich wie selbstverständlich über internetbasierte Plattformen wie YouTube im Rahmen von Tutorials unterschiedliche Formen künstlerischer Praxis an. Dies kann ein krasser Gitarrenriff aus einem Rocksong oder eine coole­ Hip-Hop-Tanzchoreografie sein. Angebote kultureller Bildung stehen daher vor der Herausforderung, zeitgemäße interdisziplinäre Formate zu entwickeln, die grundlegende Kulturtechniken aus den Bereichen Tanz, Musik, Theater, Bildende Kunst, Spiel oder auch Literatur vermitteln und zugleich Smartphones, Tablet und Social Media als Teil dieser Vermittlung begreifen. Dies muss nicht immer heißen, Körperliches zu digitalisieren, sondern kann auch bedeuten, digitale Spiele in die analoge Welt zurück zu transferieren. In diesem Kontext lässt sich auch das Forschungsprojekt zu Postdigitalen kulturellen Jugendwelten verorten, das die Akademie in Kooperation mit dem Institut für Bildung und Kultur und der Universität Erlangen-Nürnberg durchführt.

Sehen Sie in diesem Zusammenhang Handlungsbedarf bei der Qualifizierung von Akteuren der kulturellen Bildung?
Auch wenn es schon eine Vielzahl an außerschulischen Angeboten in der kulturellen Medienbildung gibt, sehe ich einen besonderen Bedarf sowohl in der Bearbeitung von interdisziplinären Vermittlungsformen als auch in der Vermittlung einer pädagogischen Haltung, die Akteure in der Jugendkulturarbeit befähigt, die Mediatisierung des Alltags als zusätzlichen ästhetisch gerahmten Handlungsspielraum zu begreifen. Dabei geht es nicht nur darum, bei Jugendlichen einen technologiekritischen Umgang mit der digitalen Welt zu fördern, sondern ihnen auch die Möglichkeit zu geben, als soziales und kulturelles Wesen den digitalen bzw. virtuellen Raum zu nutzen, um sich ihre Welt anzueignen.

Wie machen Sie die Ergebnisse Ihrer bisherigen Forschungstätigkeit für die Multiplikatoren-Fortbildungen an der Akademie Remscheid fruchtbar?
Aus meiner intensiven und langjährigen Forschungstätigkeit zu Formen der Gedenkstättenpädagogik im globalen Kontext lassen sich Bedarfe für Fortbildungen extrahieren. Viele der hier lebenden Menschen bringen beispielsweise unterschiedliche Erfahrungen und Erinnerungen an Krieg, Flucht und Vertreibung in die deutsche Gesellschaft ein. Folgerichtig sind Gedenkstätten mit der pädagogischen Herausforderung konfrontiert, als institutionelle Träger »nationaler Sinnstiftung« zu überprüfen, ob sie mit ihren pädagogischen Angeboten die gegenwärtige und zukünftige erinnerungskulturelle Vielfalt der nachfolgenden Generationen berücksichtigen. Für die vielen Mitarbeiter der Gedenkstätten gibt es diesbezüglich kaum qualifizierende Weiterbildungsangebote, die helfen, diversitätsbewusste Zugänge für die Vermittlung und auch für die Gestaltung von Erinnerungskultur zu entwickeln. Hier könnte die Akademie der Kulturellen Bildung ein zentraler Impulsgeber sein.

Vielen Dank!

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Bundesweit, Nordrhein-Westfalen | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Aus- und Weiterbildung | Textsorte: Interview |