Kultur bildet.

Das Portal für kulturelle Bildung.

BKM-Preisträger: Apollo 18

08.10.2013

Zehn Projekte standen auf der Nominierungsliste für den „BKM-Preis Kulturelle Bildung“ des Kulturstaatsministers Bernd Neumann. Er zeichnet mit diesem Preis beispielhafte Projekte der kulturellen Vermittlung aus. Hier ein Porträt des Projekts „Apollo 18!“: Oper in der JVA Adelsheim

 Die Idee, die Oper in einer Justizvollzugsanstalt mit jungen Straftätigen zu implementieren, scheint gewagt. Die Dirigentin Anna-Sophie Brüning, erste Kapellmeisterin am Landestheater Coburg, und die Sängerin und Regisseurin Paula Fünfeck gingen dieses Wagnis ein. Die Idee: ein Projekt mit jungen Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Adelsheim zu realisieren. Gestartet wurde das Projekt im Jahr 2011. Was die „schweren Jungs“ anfangs „schwul, unmöglich oder peinlich“ fanden, wurde schnell Kult innerhalb der Haftanstalt. Fünf Projekte haben die Künstlerinnen in Zusammenarbeit mit Mitgliedern des Landesjugendorchesters Baden-Württemberg inzwischen „gestemmt“ – und stehen damit jetzt auf der Nominierungsliste des BKM-Preises Kulturelle Bildung. Die Hürden und Probleme, die eine solche Arbeit mit sich bringt, wurden von den Beteiligten mit viel Engagement überwunden. Nachdenklich macht Brünings Bericht über die erste Begegnung zwischen Straftätern und den jungen Musikern. Plötzlich stellt man fest, dass man aus dem gleichen Ort stammt, gar in die gleiche Grundschule gegangen ist. Inzwischen sind die Lebensumstände völlig unterschiedlich: Die einen sitzen hinter Gittern, die anderen machen Musik, fahren ins Ausland und bereiten sich aufs Abitur vor.

Begonnen haben die Projektleiterinnen mit einem Barockopern-Programm. Nach den ersten Berührungsängsten waren die jungen Männer begeistert. Chorsingen ist in der JVA Adelsheim seither angesagt. Und, so Brüning: „Die Geschmäcker stehen teilweise Kopfstand. Sie finden zum Beispiel großen Gefallen an Werken von Monteverdi und von Schubert. Kürzlich hatten wir ein Projekt, bei dem wir Schubert-Lieder und Schlager gesungen haben. Wovon die Gefangenen reden, sind nicht die Schlager, sondern die Schubert-Lieder.“ Wichtig sei, dass alle Beteiligten ihre Begeisterung für die Musik vermitteln, dass alle auf der Bühne mitmachen, auch Dirigentin und Regisseurin, und dass der Qualitätsanspruch hier nicht geringer ist als anderswo.

Ihre persönliche Motivation erklärt die Musikerin auch damit: „Ich finde es faszinierend oder sogar schockierend, was da teilweise für Talente zum Vorschein kommen bei Menschen, die von der Gesellschaft abgestempelt sind. Und mit wie wenig Hinwendung man eigentlich unmögliche und fantastische Dinge erreichen kann!“ Auch die jungen Musiker des LJO profitieren von der Kooperation. Plötzlich erhalten sie einen ganz neuen Blick auf ihre eigene privilegierte Situation.

Die Leitung der JVA, die Träger des Projektes ist, steht voll hinter dem Projekt und macht vieles möglich. Zum Beispiel die Herstellung von Bühnenbild und Kostümen in den anstaltseigenen Werkstätten. Im Sommer 2013 spielten die Opern-Beteiligten erstmals nicht allein vor einem „internen“ Publikum, sondern öffentlich. „Metamorphosen“ hieß das Musik-Projekt, ein  Konzertspaziergang im Schlosspark Adelsheim, das den Kreislauf des Lebens zum Inhalt hatte. Schade natürlich, dass hier nur ein Teil der Insassen teilnehmen durfte, die anderen bekamen keinen „Freigang“…

Und wie geht es weiter? Ein Weihnachtskonzert ist in Planung, diesmal ohne szenische Begleitung. Und im kommenden Jahr soll es wieder ein großes szenisches Projekt geben. Allerdings hängt das auch von der Frage ab, ob Geldgeber gefunden werden. Strafgefangene, so Brüning, haben ja nicht unbedingt eine Lobby.

Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Musik, Soziokultur, Theater | Thema: Altersübergreifend, Aus- und Weiterbildung, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Ausschreibungen |