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Förderung kultureller Bildung: Interview mit GVL-Geschäftsführer Tilo Gerlach

27.04.2013
Tilo Gerlach. Foto: GVL

Die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten, kurz GVL, ist die urheberrechtliche Vertretung der ausübenden Künstler und der Tonträgerhersteller. Sie nimmt die so genannten Zweitverwertungsrechte für Künstler und Hersteller wahr. Sie zieht hierfür Vergütungen bei den Rechte-Nutzern bzw. -Verwertern ein und verteilt sie an ihre Berechtigten. Daneben fördert die GVL auch kulturelle, soziale oder kulturpolitische Projekte. Über das Engagement der Gesellschaft im Bereich der kulturellen Bildung sprachen wir mit einem der beiden Geschäftsführer, Tilo Gerlach.

Die GVL fördert regelmäßig Kulturprojekte, darunter viele, die in den Bereich „musikalische Bildung“ fallen. Warum fördert eine Verwertungsgesellschaft musikpädagogische Projekte?

Tilo Gerlach: Die Frage im größeren Kontext muss lauten: Warum gibt es im Bereich unserer Zuwendungen Abzüge für soziale und kulturelle Zwecke? Das Selbstverständnis der Verwertungsgesellschaften ist, dass wir eben keine reine Inkasso-Funktion haben, sondern dass wir wichtige und letzten Endes auch staatsentlastende Aufgaben wahrnehmen, vor allem im Bereich der kulturellen Förderung. Da besteht zumindest in Kontinentaleuropa ein großer Konsens. Diese Auffassung findet so große Akzeptanz, dass sie auf europäischer Ebene sogar einer der Gründe dafür war, die Privatkopie nicht abzuschaffen, weil gerade auch mit diesen Geldern wichtige kulturelle und soziale Aufgaben wahrgenommen werden.

Dass wir kulturelle Bildung fördern, liegt auf der Hand. Zum einen: Keiner kann von Musik leben, wenn es nicht auch jemanden gibt, der diese Musik genießt, der sich damit auseinander setzt und der letzten Endes auch die Tatsache akzeptiert, dass er dafür bezahlen muss. Zum Teil sind die Projekte, die wir fördern, durchaus mit einer ökonomischen Bewusstseinsbildung verbunden, beispielsweise die „Schooltour“, die wir in der Vergangenheit unterstützt haben. Es geht also auch um eine gesamtgesellschaftliche Bildung im Interesse unserer Berechtigten.

Zum anderen sind diese Projekte sehr häufig mit Musikausübenden verbunden. Unsere Kooperationen haben dann auch eine wirtschaftliche Bedeutung für die Künstler, die häufig sogar ehrenamtlich involviert sind und auf diese Weise von der Projekt-Förderung durch die GVL profitieren.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Förderprojekte aus?

Gerlach: Natürlich haben wir nicht genügend Geld, um auch nur annähernd das zu fördern, was förderungswürdig wäre. Unsere Satzung sieht vor, dass wir für kulturelle, soziale und auch kulturpolitische Zwecke bis zu 5 Prozent der Verteilsumme verwenden können. Der Bereich der kulturpolitischen Zwecke ist davon nur ein Bruchteil, weil wir ja auch die kulturelle und soziale Unterstützung der Direktberechtigten aus diesem Topf schöpfen, zum Beispiel für die Teilnahme an Wettbewerben, Kostenzuschüsse für Kurse und dergleichen. Ein von der GVL gefördertes Projekt muss auf jeden Fall eine überregionale Signalwirkung haben. Unsere Förderung ist in aller Regel eine Anschubfinanzierung. Wir können eigentlich nur Impulse setzen. Insofern kommen auch nie dieselben in den Genuss dieser Gelder. Wichtig ist die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Projekte, die durch einen entsprechenden Finanzierungsplan nachgewiesen werden muss. Klar muss außerdem sein, dass die GVL immer nur einen Teil leistet. Ein weiterer Punkt ist, dass durchaus ein Bezug zu ausübenden Künstlern oder Tonträgerherstellern gegeben sein muss.

Wenn wir über die GVL hinaus schauen: Wie sollte sich „die Musikwirtschaft“ aus Ihrer Sicht in Sachen kulturelle Bildung engagieren?

Gerlach: Es gibt natürlich ein riesiges Interesse der Musikwirtschaft, dass Musik geschätzt wird. Da wird ja auch einiges auf die Beine gestellt. Das fängt bei den kommerziellen Aktivitäten an, mit dem Entdecken neuer Künstler, mit der Herausgabe neuer Produktionen. Wer ein Angebot zur Verfügung stellt, tut bereits den ersten Schritt im Bereich der kulturellen Bildung. Darüber hinaus gibt es vom Bundesverband Musikindustrie diverse Aktivitäten, gerade auch den Nachwuchs zu sensibilisieren. Nicht nur, was den Musikgenuss angeht, sondern auch hinsichtlich des Wertes der Rechte.

Sie sagten am Anfang, dass Sie auch staatsentlastende Aufgaben wahrnehmen. Ist das denn die Aufgabe der Musikwirtschaft oder der Wirtschaft ganz allgemein?

Gerlach: Nein, das ist sogar eine große Gefahr. Wir springen nicht in die Bresche, wenn der Staat sein Engagement zurückfährt. Auf Bundesebene ist das zum Glück nicht der Fall. Aber wenn Sie sich kommunale Aktivitäten in diesem Bereich angucken, dann ist das durchaus besorgniserregend. Es darf keinesfalls sein, dass durch Mittel von privater Seite – und letztlich sind auch die GVL-Gelder Mittel von privater Seite – die entsprechenden öffentlichen Haushalte zurückgefahren werden können.

Als Geldgeber und Akteur im Bereich der Musik(-Wirtschaft) haben Sie auch einen Blick auf das, was im Bereich der musikalischen Bildung in Deutschland passiert. Wie ist Ihre Prognose? Sind Sie eher optimistisch oder ängstlich?

Gerlach: Das ist gemischt. Es gibt ganz tolle Initiativen. Bürgerschaftlich tut sich enorm viel, wofür die von uns Geförderten ja ein gutes Beispiel sind – ob das „Rhapsody in School“ ist oder auch das Projekt „SING!“. Ganz schlecht sieht es allerdings mit der musikalischen Bildung im Schulbereich aus. Das erlebe ich als Vater schulpflichtiger Kinder ganz unmittelbar. Es gibt keinen qualifizierten Musikunterricht, die wenigsten, die in der Grundschule Musik unterrichten, sind dafür ausgebildet. Der Ausfall in diesem Bereich ist, zumindest im Raum Berlin, katastrophal. Da wird heute leider deutlich weniger vermittelt, als das früher der Fall war.

 

Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Musik | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Interview |