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Nachgefragt bei Clemens Höxter: Bundesweiter Protesttag des BDK am 21. Mai 2014

14.05.2014

kultur-bildet.de: Für den 21. Mai 2014 hat der BDK Fachverband für Kunstpädagogik zu einem bundesweiten Protesttag unter dem Motto „Bildung braucht Bilder und dafür guten Kunstunterricht in allen Schulen“ aufgerufen. Welches Ziel verfolgt der BDK mit dem bundesweiten Aktionstag? Was genau ist für diesen Tag geplant?

Clemens Höxter: Im Rahmen der Internationalen Woche der Kulturellen Bildung 2014 (UNESCO) ruft der Fachverband für Kunstpädagogik zu einer bundesweiten konzertierten Aktion am 21. Mai 2014 auf. Ziel ist es, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass fachlich fundierter Kunstunterricht lange schon keine Selbstverständlichkeit mehr ist, dass ästhetische Bildung nicht mehr garantiert ist. An der Basis beginnend wollen wir ein Bewusstsein für diesen Notstand schaffen: Bei den Schülerinnen und Schülern, den Kolleginnen und Kollegen anderer Fachschaften, den Schulleitungen und nicht zuletzt bei den Eltern. An Schulen aller Schulformen wird es dazu eine Vielzahl von lokal durchgeführten Protestaktionen geben, die auf die Folgen eines entprofessionalisierten und gekürzten Kunstunterrichts hinweisen.

kultur-bildet.de: Wie sieht die Situation des Schulfachs Kunst konkret aus? Was muss sich ändern?

Clemens Höxter:
Der Kunstunterricht ist gegenwärtig einem starken Legitimationsdruck ausgesetzt. Obwohl in Sonntagsreden hoch gelobt, findet auf der Stundentafel der Schule ein harter Verdrängungswettbewerb statt, den in der Regel die „Hauptfächer“ zu ihren Gunsten entscheiden. Die Logik in der Zeit nach Veröffentlichung der ersten PISA-Studie (2001) lautet: Gerade die Fächer, die besonders schlecht abschnitten, bekommen noch mehr Stunden zugewiesen.

So sind die Wahlmöglichkeiten für ein Unterrichtsfach Kunst in der Oberstufe in der Vergangenheit immer wieder erheblich eingeschränkt, der Anteil sogenannter verpflichtender Kernfächer dagegen ständig vergrößert worden. Man muss befürchten, daß Fächer, die außerhalb des Pflichtkanons in geringerem Maße gewählt werden, als Nicht-Kernfächer wieder zu Fächern geringerer Bedeutung werden. Eine Rückwirkung auch auf den Unterricht in der Mittelstufe wäre damit unvermeidlich. Es besteht die Gefahr, daß Kunstunterricht wieder zum „musischen Kompensationsfach“ wird, zum Begabungs-, Entlastungs- und Dekorationsfach.

Auch angesichts des Fachkräftemangels gerade in den künstlerisch-musikalischen Fächern gibt es in einigen Bundesländern Bestrebungen mehrere Unterrichtsfächer, deren Gegenstandsbereich im Wesentlichen – oder zumindest in Anteilen – ein künstlerischer ist, z. B. Musik, Kunst und Theater, zu einem „Lernbereich Künste“ zusammenzufassen. Über die fachübergreifende Unterrichtsgestaltung hinaus wird ausgeführt, dass die Zielsetzungen des Lernbereichs, der inhaltliche Zusammenhang zwischen den einbezogenen Fächern und der Anteil der jeweiligen Fächer in schulinternen Curricula festgelegt werden sollen.

Mit Blick auf die bildungspolitischen Zerreißproben und auf die Qualität des künstlerischen  Fachunterrichts ist die kontinuierliche Klärung didaktischer Dimensionen und Zielvorstellungen, aber auch ein nicht allein kompetenzorientierter Bildungsbegriff notwendig. Es gilt, künstlerische Entwicklungen (auch in den Nachbardisziplinen) zu beachten und aufzunehmen, einen weiten Bildungs- und Kulturbegriff sicherzustellen, sich für neue Praxen und Projekte zu öffnen sowie Inhalte und Methoden zu erweitern.

kultur-bildet.de: Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um den Kunstunterricht zukunftsfest zu machen?

Clemens Höxter: Soweit sich Schulen über Fächer organisieren, sind Bestrebungen abzulehnen, die Künste in einem gemeinsamen Kultur-Fach oder in einem Lernbereich aufgehen zu lassen, um die einzelnen Fächer zu ersetzen. Der Status als einzelnes Fach mit eigenen Fach- und Jahrgangsprofilen sowie konsekutiv aufbauenden Curricula muss in jedem Fall erhalten bleiben. Die Rezeption und Produktion der ästhetischen (Welt-)Zugänge sind in den Künsten verschieden. Sie setzen eine jeweils eigenständige fachliche und pädagogische Kompetenz und Professionalisierung durch ein Fachstudium und Referendariat voraus.

Kunstpädagogik braucht  zum ersten ein praktisch fundiertes Orientierungswissen im Bereich der Bilder, der Weltkunst und der Kunstgeschichte, im Bereich von Form und Gestaltung, im Bereich des Handwerks und der Verfahren und im Bereich kunstwissenschaftlicher Methoden. Und es braucht zum andern ein gut fundiertes Anwendungswissen und -können im Bereich des Bildverstehens und Gestaltens.

Die Orientierungsbegriffe sind:

  • verstehendes Sehen
  • gebildetes Weltwissen im Bereich der Bilder
  • solide erlernte Handwerklichkeit
  • verdichtete, intelligente Gestaltung
  • gesamtcurriculares Denken

Bild- und Gestaltungskompetenz müssen in allen Stufen altersgerecht als didaktische Struktur ausgewiesen werden, sie müssen schrittweise erarbeitet, eingeübt und in der gezielten persönlichen Anwendung erfahren werden. Diese nennenswerte Erfahrung mit gesamtcurricularem schulischem Kunstunterricht muss von  Hochschulen als notwendiger Orientierungs- und Entwicklungsbeitrag geleistet werden. Darüber hinaus ist im Besonderen auch die Bildung und die Fortbildung von Lehrer/innen gefragt, die gegenwärtig allerdings eher geschmälert als intensiviert werden.

Clemens Höxter ist Leiter des 2013 neu gefassten BDK-Referats Kulturelle Bildung.

Clemes Höxter / Foto: BDK Fachverband für Kunstpädagogik
Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Bildende Kunst, Design, Fotografie | Thema: Schulische Bildung | Textsorte: Interview |