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Nachgefragt bei Leseclub-Betreuer Tobias Horn

20.11.2014
Foto: Kinderparadies Bernsbach

Anlässlich des Bundesweiten Vorlesetags am 21. November 2014 befragt kultur-bildet.de in dieser Woche fünf Akteure der Leseförderung...

Heute: Tobias Horn, Leseclub-Betreuer im Kinderparadies Bernsbach

kultur-bildet.de: Was genau ist eigentlich ein Leseclub und wie können wir uns einen Tag bei Ihnen vorstellen?

Tobias Horn: Seit 2013 fungiert unsere Einrichtung als Projektpartner der Bundesstiftung Lesen, im Rahmen der Initiative „Leseclub“. Vorrangiges Ziel der Aktion ist es, die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen zu verbessern und niedrigschwellige Angebote zum Lesen zu schaffen. In unserer Horteinrichtung arbeiten wir innerhalb offener Strukturen mit circa 100 Kindern im Alter zwischen 6 bis 11 Jahren. Wir verstehen uns als sozialpädagogisches, familienergänzendes Angebot der Kinder und Jugendhilfe. Aufgrund der hohen Frequentierung durch Kinder, Jugendliche und Eltern in unsere Einrichtung und einem angemessen Raumangebot, war es uns möglich zwei große Räume innerhalb unseres Hauses, sowie die ansässige Bücherei für programmspezifische Angebote der Initiative Leseclub, zu nutzen. Von 10:00 Uhr bis 16:45 Uhr stehen unseren, als auch auswertigen Kindern diese Räumlichkeiten und alle dazugehörigen Medien (Bücher, digitale Medien, Zeitschriften usw.) zur Verfügung. Zusätzlich werden Dienstag, Mittwoch und Freitag spezielle „Leseangebote“ durch Ehrenamtliche realisiert. Dau gehören eine Schreibwerkstatt, ein Lesestunde für Jungs, eine Lesestunde für Mädchen, eine Hörbuchstunde und eine digitale Lesestunde. Zusätzlich ergänzen wir diese  „festen“  Termine mit Aktionen rund ums Lesen. In diesem Rahmen organisierten wir in der Vergangenheit eine Lesenacht, eine Leserallye, eine „literarische Osterwanderung“, ein „Waldfest mit Buch“ sowie einen kreativ Workshop, ausgehend von mehreren Handbüchern.

kultur-bildet.de: Welche Aufgabe(n) übernehmen Sie als Betreuer eines Leseclubs?

Horn: Meine „betreuende“ Arbeit beschränkt sich zum Großteil auf die Planung und Organisation sowie Verwaltung des Projektes „Leseclub Bernsbach“ Gemeinsam mit unserem Hortteam suchen wir nach Bedarfen bzgl. des Lesens und konzipieren entsprechende Angebote. Das Anwerben von ehrenamtlichen Mitarbeitern, die Terminierung aller Aktionen, die Abrechnung sowie die Präsentation / Veröffentlichung der Aktivitäten gehört zum Wesentlichen zu meiner Arbeit. Nach fast einjähriger Arbeit im und mit dem Leseclub differenzieren sich die Anforderungen der Ehrenamtler  zunehmend. Neben der tatsächlichen Durchführung der Angebote, spielt die „sozial“-pädagogische Betreuung der Kinder und Jugendlichen eine zunehmende Rolle. Wir verstehen die Aktionen unseres Leseclubs als vielschichtiges Medium, um mit den Nutzern in Kontakt zu treten. Auf Basis eines „Leseclubangebotes“ werden nicht nur die Lesekompetenzen der Kinder gestärkt, oder Ihre literarischen Interessen bedient. Die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Betreuer kommen mit einander ins Gespräch. Es bietet sich Raum Probleme zu besprechen, zu trösten, zu zuhören, gemeinsam zu lachen, nachzudenken, Lösungen zu schaffen.

kultur-bildet.de: Wie erreichen Sie Kinder und Jugendliche, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und vor allem keine Lust haben, in der Freizeit lesen zu üben?

Horn: Unsere Angebote strukturieren wir nach einfachsten Prinzipien des „Lernens“. Dazu konzentrieren wir uns auf drei Faktoren.  Beziehungsqualität, Emotion und Motivation. Am Standort Bernsbach sind wir in der ausgesprochen günstigen Situation, dass wir uns um die Akquise von Teilnehmern wenig kümmern müssen. Unser Haus wir täglich von bis zu 100 Kindern frequentiert. Daher richtet sich unser Augenmerk in erster Line auf ein „literarisches Thema“ und die Überlegungen, welche Person (Ehrenamtler) idealerweise dieses Angebot übernehmen könnte. Es hat sich gezeigt, dass keineswegs ein generelles Desinteresse der Kinder am Lesen vorherrscht. Die „Lust“ Dinge zu tun entspringt immer der Motivation, etwas erreichen zu wollen. Leider ist die Lesemotivation unserer Kinder allzu oft auf das hierarchische, notensanktionierte Schulsystem beschränkt. Immer dann, wenn es uns gelingt diesen „Makel des Lesens“ zu beseitigen, begegnen wir wieder der kindlichen Offenheit und Neugier, die das „Lesen üben“  aus der Langweiligkeit des „Müssens“ und „Sollens“ heraus holt. Gebunden an unkonventionelle  Aktionen (Schatzsuche, Wanderungen, Mottoveranstaltungen, Workshops) „übt“ es sich so nebenbei – da macht Lesen Spass.

kultur-bildet.de: Was sind, Ihrer Meinung nach, die häufigsten Defizite bei den Kindern und Jugendlichen? Wo muss die außerschulische Leseförderung ansetzen?

Horn: Das Buch, als wissensvermittelndes oder unterhaltendes Medium fordert von seinem Rezipient zwei wesentliche Voraussetzungen um seine Faszination zu entfalten.  Zum einen verlangt es eine  formaler Lesekompetenz (Buchstabenverständnis, Lesefähigkeit, Textverständnis), zu anderen ein bestimmtes Maß an Bereitschaft, Zeit und Ruhe zu investieren um sich darauf einzulassen. An dieser Stelle wird allerdings sehr deutlich, dass sich das Buch in direkter Konkurrenz  zu neuen, digitalen Medien befindet. Während der Laptop, der Fernseher, das Tablet jeden kleinste Wissensdurst mit wenigen Klicks stillen kann, setzt das Medium Buch auf Zeit und Intensität. An dieser Stelle zeigt sich, wie schwer es den Kindern fällt, sich zu entschleunigen,  um die Ruhe zu finden, sich auf ein Buch einzulassen. Eine weitere Schwierigkeit, ist die Tatsache, dass Lesen an sich eine, auf Konzentration und Ruhe ausgerichtete Einzelbeschäftigung ist. Hier zeigt sich ein klares  Spannungsfeld innerhalb der Initiative Leseclub. Um möglichst viele Interessenten zu erreichen zielt die Aktion auf Gruppenveranstaltungen und Gemeinschaft. Eine dritte Problematik äußert sich in der eigentlichen Wertschätzungen des Buches im Kindes –und Jugendalter. Neben Spielsachen, Sportgeräten, digitalen Medien und einer sehr effizienten kommerziellen Unterhaltungskultur (Tourismus –und Freizeiteinrichtungen) reit sich das Buch in den hinteren Rängen der beliebtesten Betätigungsfelder ein. In unserer Kindertagesstätte / Hort wurden in den vergangenen Jahren nur ein Bruchteil der Investitionen für Kinder in Bücher und Literatur getätigt. Nach Gesprächen mit Kindern, zeigt sich diese Situation ebenfalls in den Familien.

kultur-bildet.de: Am Freitag ist Bundesweiter Vorlesetag 2014. Welche Aktionen planen Sie in Ihrem Leseclub?

Horn: Am Freitag den 21.11.2014 veranstalten wir in unserer Einrichtung eine (Vor)-Lesenacht. Dazu haben wir unterschiedliche Vorleser angefragt und eingeladen. Ein  freischaffende Autor, eine Mitarbeiterin des westsächsischen Kinderhospizdienstes, der Bürgermeister und der ansässige Landrat  werden, entsprechend ihres Alters und ihres beruflichen Hintergrundes den Kindern spannende Geschichte präsentieren. Wir konnten zudem unseren Elternrat aktivieren um eine gastronomische Versorgung der Veranstaltung zu organisieren. Nach jeweils 2 x 25 min Vorlesezeit stehen die Gäste den Fragen der Kinder Rede und Antwort. Jeder einzelne Lesebereich wird dabei entsprechend ausgestaltet und vorbereitet. Aufgrund des Kontextes und unserer Vorleser hoffen wir zudem auf ein entsprechendes mediales Interesse und haben dazu verschiedene Pressevertreter eingeladen.

Enthalten in

Region: Sachsen | Sparte: Literatur/ Lesen | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Interview |