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Projekt der Woche #119: BuchKinder

10.05.2016
Foto: Buchkinder Leipzig e.V.

Der rote Faden auf dem Weg zur eigenen Geschichte im Dialog zwischen Kind und Erwachsenem

Am 15. März 2016 feierte der BuchKindergarten seinen 3. Geburtstag. Wo vorher eine Brandruine, eine Asbestbaracke, verfallene Garagen und zwei vom Hausschwamm zersetzte Gründerzeithäuser standen, herrscht heute buntes Buchkindergartenleben. In dem Spannungsfeld von gesetzlichen Vorgaben und Rahmenbedingungen, dem Anspruch an die Arbeit mit dem Kind und den jeweiligen persönlichen Fähigkeiten jedes einzelnen Mitarbeiters, befinden wir uns in einem gemeinsamen Entwicklungsprozess. Die Wachheit zum Kind mit seinen eigenen Fragen und Ausdrucksmöglichkeiten stehen im Mittelpunkt dieses Prozesses. Die Grundlage des pädagogischen Konzepts für den BuchKindergarten mit der Übertragung der Buchkindermethodik auf die Alltagssituationen eines Kindergartens bildet die nunmehr 15-jährige Arbeit und Erfahrung des Buchkinder Leipzig e.V..

Haltung zum Kind

Der Verein Buchkinder e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder und Jugendliche auf dem Weg zum eigenen Ausdruck, zur eigenen Geschichte, zum eigenen Buch zu begleiten. Dieser Prozess zeigt ein Dialogfeld zwischen dem einzelnen Kind und einem erwachsenen Begleiter auf und ergibt einen roten Faden von der ersten Begegnung, der ersten Idee bis zum fertigen Buch oder dem persönlichen Vortragen der Geschichten vor anderen Menschen. Wenngleich dieser Dialog immer auch zwischen mehreren Kindern und mehreren Erwachsenen stattfindet, wird die Verantwortung des einzelnen Erwachsenen für die Gestaltung dieses Prozesses deutlich. Ein sechsjähriges Kind wäre ohne passendes Umfeld von sich aus nicht in der Lage, eine eigene Geschichte in Buchform zu verstetigen.

Die Frage lautet: Wie schafft der Begleiter die passenden Rahmenbedingungen, damit sich die jeweils einzigartigen Gedanken, Ideen, inneren Vorstellungen des Kindes in Text und Bild ausdrücken können? Das betrifft sowohl die konkreten räumlichen und materiellen Voraussetzungen als auch den gemeinsamen Dialog. Jedes Nachfragen – wie zum Beispiel „Mit wem lebt denn dein Dinosaurier zusammen?“ – ist ein klarer Impuls des Erwachsenen und beeinflusst den Fortgang der Geschichte. Das Nachfragen zeigt aber auch ein echtes Interesse des Erwachsenen an der Geschichte des Kindes und somit an dem Kind selbst. Jedes Kind spürt dieses Interesse. Das ist in unserer Arbeit ein ganz entscheidendes Moment: Wir nehmen die Kinder ernst in dem, was sie äußern! Die Neugierde des Erwachsenen an dem Fortgang der Geschichte, so wie sie sich im Kind entwickelt, ist eine grundlegende Voraussetzung für unsere Arbeit und gleichzeitig schützt diese Form der Offenheit vor Fragestellungen, die mögliche Wendungen oder Ergebnisse der Geschichte intendieren. Dieser schmale Grad in der Nachfrage macht die Verantwortung des Erwachsenen deutlich. Er trifft permanent Entscheidungen in diesem Dialog mit dem Kind. Relevant ist dabei, aus welcher Haltung heraus er dies tut.


Neben dem Zuhören und Nachfragen bedeutet diese innere Bewegung des Erwachsenen zum Kind hin auch, die jeweiligen Ausdrucksmöglichkeiten, die dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechend, zu beachten. Bei den Zwei- bis Sechsjährigen ist die naheliegende Ausdrucksform der eigenen Gedanken und Ideen vor allem das Bild. Wird dieses zu Papier oder auf Linoleum gebracht, eröffnet dies die Möglichkeit des unmittelbaren Austauschs über das, was der Erwachsene und das Kind jeweils sehen. Die Ideen beginnen zu sprudeln und der Erwachsene schreibt das Gesprochene mit. Das Vorlesen des Textes, das Vorzeigen der Bilder und die Freude über die Wirkung von Text und Bild wecken die Lust beim Kind am Selberschreiben. Buchstabe für Buchstabe und Wort für Wort erobern sich die Kinder lautierend die Schriftsprache. Dabei sind die Übergänge vom bildnerischen Ausdruck zum geschriebenen Wort fließend.

Das Präsentieren der eigenen Bilder, Texte, Geschichten oder Bücher vor anderen Kindern oder Erwachsenen schafft Begegnungsräume. Die Wirkung des eigenen Tuns kann erfahren werden und es entsteht ein direkter Austausch. Die Herausforderung der Anspannung und Aufregung zu meistern und bei Lesungen sogar teilweise mit Mikrophon vor 20 oder 30 Personen etwas vorzutragen, schafft spielerische Übfelder für die Entwicklung einer selbstbewussten, auf die eigene Wahrnehmung vertrauenden Persönlichkeit. Die Orte des Präsentierens können sehr verschiedenartig sein. So finden Lesungen in den eigenen Werkstätten, auf Buchmessen wie in Leipzig oder Frankfurt, in Cafés oder möglicherweise auf Lokomotiven statt, wenn es thematisch sinnvoll ist. Wichtig ist, dass das Kind wie bei allen Prozessen nach dem Prinzip der Freiwilligkeit agiert und auf Unterstützung zurückgreifen kann. Ein erster Schritt zum eigenen Vorlesen kann darin bestehen, dass der Erwachsene, das Kind neben sich sitzend, die Geschichte in dessen Namen vorträgt. In dem Sich-Zeigen der Kinder passiert aber auch noch etwas weiteres sehr Wesentliches: Die Kinder zeigen sich mit ihren Möglichkeiten mit ihrer Sicht auf die Welt und teilen sie nicht nur anderen Kindern, sondern auch Erwachsenen mit. Humorvoll werden längst vergessene und grundlegende Fragestellungen wachgerufen. Hier kann eine echte Berührung zwischen dem Kind und dem Erwachsenen geschehen. Für uns, die täglich mit den Kindern tätig sind, ist dies die eigentliche Quelle der Motivation.

Austausch zwischen den Erwachsenen ist wichtig

An der Umsetzung und Weiterentwicklung der Idee des Buchkinder Leipzig e.V. beteiligen sich mittlerweile 50 Menschen. Die Hälfte von ihnen arbeitet in dem vom Verein im März 2013 eröffneten BuchKindergarten, dem ersten seiner Art in Deutschland. Hier werden insgesamt 119 Kinder begleitet, darunter 24 Krippenkinder. Jeder dieser 50 Menschen hat eine eigene Persönlichkeit, hat unterschiedliche Prägungen im Leben erfahren und unterschiedliche Fähigkeiten entwickelt. Unserem Selbstverständnis nach ist es wichtig, dass die Kinder auch mit diesen verschiedenen Charakteren in Kontakt kommen. Jedes Kind ist willkommen und jedes Kind bringt, ebenso wie die Erwachsenen, eigene Voraussetzungen, Neigungen und Interessen mit, erlebt die Situationen unterschiedlich. In der Entwicklung des Kindes über mehrere Jahre kommt es selbstverständlich zu ganz unterschiedlichen Fragestellungen. Da bei uns kein vorgefertigter Lerninhalt vermittelt wird, sondern eigene Interessen des Kindes begleitet werden, kann nicht schablonenhaft vom Erwachsenen reagiert werden. So sind es die kleinen Signale, Gesten und Andeutungen des Kindes, die vom Erwachsenen wahrgenommen, in einem bis dahin noch unbekannten Prozess oder Ergebnis münden.

Aus dieser Sicht auf Entwicklungsprozesse des Kindes heraus, versuchen wir seit der Eröffnung des BuchKindergartens im März 2013 unser Handeln auszurichten. Obwohl die Kinder gerade im Kindergartenalter nichts anderes ausstrahlen, als „gib mir eine Antwort auf meine Frage“ und „hilf mir meine Sache machen zu können“, sind die Widerstände für das Offensichtliche groß und vielfältig. Die Lernerfahrungen und Biografien von uns Erwachsen sind zum großen Teil anders geprägt. Fehlersuche und defizitäres Beurteilen, reine Wissensvermittlung, das Abarbeiten von feststehenden Lerninhalten seien hier nur stichpunktartig genannt.

Es mangelt nun nicht an reformpädagogischen Konzepten, Ausarbeitungen, Theorien und wissenschaftlichen Betrachtungsweisen, die einer vom Kind aus interessengesteuerten Pädagogik genügend Argumente liefern würde. Wie auch in so vielen anderen Gebieten, sind es nicht mangelnde Erkenntnisse, die Herausforderung liegt in der Konsequenz der Umsetzung.

Um uns aus der Erfahrung der gelebten Alltagspraxis in Orientierung am Kind lernend weiterentwickeln zu können, bedarf es des permanenten Austauschs und stetigen Reflexion. Wir haben hierfür verschieden Formate entwickelt. Einmal in der Woche finden Gespräche zwischen Erziehern, Vorstand und der pädagogischen Leitung des BuchKindergartens statt, um an einzelnen Situationen Entwicklungsprozesse zu verdeutlichen. Vermeintlich banale Alltagssituationen entfalten über den Austausch ihre Bedeutsamkeit und bilden die Grundlage unserer Schatzkiste. Voraussetzung dafür ist die Wachheit des Erziehers, die Klarheit des Erzählens über die Beobachtung der jeweiligen Situation.

Voraussetzung für solch einen Prozess ist, dass das Kind in seinen Äußerungen ernst genommen wird; dass der Erzieher oder Erzieherin in der Lage ist, um die Ecke zu denken und natürlich im passenden Moment, die richtige Art der Hilfestellung leistet. Dazu gehört natürlich auch, die entsprechende Geduld in einem über mehrere Monate andauernden Prozess mitzubringen.

Es wird aber auch deutlich, wie vielfältig die Lernerfahrungen seinen können, wenn man dem Interesse des Kindes auf der Spur ist. Das Kind kann erleben, wie aus seiner Idee, eine Aufführung für andere Kinder und Erwachsene wird. Es kann Erfahrungen in handwerklichen Bereichen machen – wie gehe ich mit einer Nietzange um und forme und verbinde Metallstreifen zu Figuren. Es macht konkrete mathematische Erfahrungen, genauso selbstverständlich, wie musische Bildung. Die sozialen Kompetenzen werden ausgebildet, indem es das Bedürfnis verspürt, den anderen Menschen im Kindergarten, sein Ergebnis mitzuteilen: es werden Einladungen ausgesprochen und Möglichkeiten der Aufführung geschaffen. Hier bilden sich in einem komplexen spielerischen Prozess eines Kindergartenalltags alle Bildungsbereiche (somatische, soziale, kommunikative, ästhetische, naturwissenschaftliche, mathematische) des sächsischen Bildungsplanes ab. Der Impuls für diesen Prozess jedoch liegt im Kind begründet: Lernen darf Spaß machen!

Von Birgit Schulze Wehninck und Sven Riemer

„BuchKinder e.V.“ und „Freundeskreis Buchkinder“ sind nominiert für den BKM-Preis Kulturelle Bildung 2016 der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Hier erfahren Sie mehr über das Projekt der Woche.

Zu den bisherigen Projekten der Woche gelangen Sie hier.

Foto: Buchkinder Leipzig e.V.
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Sachsen | Sparte: Interdisziplinär, Literatur/ Lesen | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Frühkindliche Bildung | Textsorte: Projekt der Woche |