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Projekt der Woche #156: Starke Frauen - mutige Mädchen

28.02.2017
Gemeinsam sind wir musterhaft - Teilnehmerinnen und Schlossnäherin beim Entwerfen, Foto Anika Tauschensky  (c) Schlossmuseum Jever
Gemeinsam sind wir musterhaft - Teilnehmerinnen und Schlossnäherin beim Entwerfen, Foto Anika Tauschensky (c) Schlossmuseum Jever

Das museumspädagogische Projekt im Schlossmuseum Jever mit dem Titel "Starke Frauen - mutige Mädchen" bringt seit Herbst 2016 Mädchen und Frauen ganz unterschiedlicher Altersgruppen und Hintergründe zusammen. Sie bilden ein Team aus Schülerinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Museumspädagoginnen und nähern sich im Museum gemeinsam prominenten Frauengestalten vergangener Jahrhunderte an. Ausgangspunkt sind dabei die in der Museumssammlung vorhandenen unterschiedlichen Kleidungsstücke, Metallobjekte, Porträts und Spielzeuge. In drei Projektgruppen gehen die Teilnehmerinnen den Weg vom schmückenden Beiwerk zur Schmuckmacherin, vom fashion victim zur Designerin des eigenen Modestils, aber vor allem vom Spielkind zur Spielemacherin, die die Regeln setzt und zum Spiel einlädt.

Das Schloss Jever  zählt zu den schönsten Baudenkmälern in Nordwestdeutschland. Architektonisch geht es auf eine Wehranlage des späten 14. Jahrhunderts zurück, die unter Maria von Jever (1500-1575) maßgeblich ausgebaut wurde. Heutzutage ist das historische Ensemble mit englischem Landschaftsgarten kulturgeschichtliches Museum, das seinen Schwerpunkt in der Regional- und Landesgeschichte hat.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat die Projektleiterin Anja Marrack befragt:

Ulrike Plüschke: Frau Marrack, wie ist die Idee für das Projekt entstanden und welche Ziele verfolgen Sie damit?
Eine Gruppe aus Mädchen und Frauen über die Beschäftigung mit historischen Frauengestalten zusammenzuführen? Nach dieser Idee muss man in Jever wirklich nicht lange suchen. Sie liegt quasi in der Luft, und das bestimmt nicht erst seitdem Jever vor einem Jahr offizieller Frauenort geworden ist. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Während es anderenorts vielfach um wichtige Männer geht, dreht es sich im Jeverland in den entscheidenen Momenten in der Geschichte sehr häufig um intelligente Frauen – angefangen natürlich mit Maria von Jever.

Die Artefakte, die auf Frauen als Handlungs- und Entscheidungsträgerinnen verweisen, finden sich natürlich in den Sammlungsbeständen des Schlossmuseums. Also machen wir uns mit unserem Team aus Mädchen und Frauen auf, um ihnen an diesem historischen Ort zu begegnen, um gemeinsam über sie zu forschen. Um aber wirklich zu verstehen und zu begreifen, dass jede Kulturleistung eine Handlungsentscheidung voraussetzt, liegt der Fokus des Projektes ganz besonders auf dem selbst ausprobieren.

Wie ist das Projekt aufgebaut welche Etappen durchlaufen die drei Gruppen? Wer nimmt teil?
Zum Start des Projektes haben wir eine Woche lang jeden Tag, über die lokalen Medien - die uns dabei ebenso wie unsere Kooperationspartnerinnen von den Integrationslotsen in Jever und dem Wangerland unterstützt haben - und durch Besuche in den Schulen zu uns ins Schloss eingeladen. Das war sozusagen unsere Housewarming-Party zu der alle interessierten Mädchen und Frauen aus und um Jever kommen konnten. Jeden Tag gab es andere Aktionen und Workshops. Immer aber einen Spaziergang durch die Sammlung. Das hat einigen Mädchen soviel Spaß gemacht, dass wir, als wir auf die drei Gruppen und ein wöchentliches Treffen pro Team übergegangen sind, zunächst sogar die Anfrage hatten, ob sie nicht einfach an allen drei Terminen teilnehmen könnten. Dadurch, dass wir eine thematische Spezialisierung auf einen konkreten Sammlungsbestand – Kleidung, Porträts&Spielzeug, (Edel-)Metall – in den drei Teams gesetzt hatten, haben sich dann aber doch sehr schnell Interessengruppen gebildet.

Der Rundgang im Museum, der immer wieder aufs Neue Fragen aufwirft, aufregende Objektentdeckungen mit sich bringt, oder eine neue Sicht auf vermeintlich Bekanntes mit sich bringt, ist bei allen drei Teams Grundlage der wöchentlich stattfindenen museal-medialen Workshops. Hier werden die Fragestellungen des Teams aufgegriffen, besprochen und Antworten gesucht. Aus diesen Gesprächen wurden die Inhalte der Kreativworkshops entwickelt. Die Gruppen gestalten, was ihnen für ihren Bereich und für die von ihnen ausgewählten weiblichen Persönlichkeiten wichtig erscheint: bei den jüngeren Mädchen war das zunächst ein Kartenspiel zu vier für Jever wichtigen Frauenfiguren, denen bestimmte Gegenstände, die ihre Selbstdarstellung bestimmten, geklaut werden konnten. Inzwischen sind es die Guckkästen und die Marionetten in der Spieleabteilung, die sich zu eigenen Spielideen, z.B. um Katherina die Große oder um die Malerin Therese von der Vring, herum entwickeln. Für die Verbindung zwischen museal und medial wurden bei allen drei Projekten externe Fachkräfte in Tagesworkshop zu den Teams hinzugebeten. Streetgamerin, Fotografin, demnächst noch Visagistin und Graphiker sind Impulsgeber für die eigenen Gestaltexperimente der Mädchen. Die Edelmetallgruppe arbeitete in den vergangenen Monaten nicht nur im Atelier einer lokalen Goldschmiedin, sondern hatte ihre eigene Goldschmiedin im Team. Jede Woche sind Freundinnen und Familienangehörige mit dabei, die sich von den neuen Schlossexpertinnen das Museum und das erlernte Handwerk zeigen lassen.

Ganz aktuell geht es nun daran aus den drei Gruppen heraus ein gemeinsames Objekt zu entwickeln, das als Spiegel der musealen Sammlung, als Wissenvermittlung über die historische Frauengestalten und als originelle gestalterische Präsentation des Projektes selbst funtkioniert. Am 7. April soll mit einer ganztägigen Aktion das Schloss von den Schlossexpertinnen bespielt und ihre Ergebnisse mit der Öffentlichkeit geteilt werden.

Bereits im Projekttitel klingt der intergenerationelle Aspekt an. Frauen und Mädchen verschiedener Generationen durchlaufen im Projekt miteinander einen Lernprozess. Könnten Sie bitte anhand eines Beispiels genauer darauf eingehen?

Etwas Besonderes ist die Projektteilnahme unser ehrenamtlichen Schlossnäherinnen.
Das ist ein Luxus und etwas ganz Besonderes, etwas was nur hier vor Ort im Schlossmuseum zu finden war. Es gibt eine Gruppe von sechs bis acht Frauen, die ehrenamtlich und mit hohem Können für das Museum Kostüme für die Kindergeburtstage und Stofffiguren nähen. Ich glaube, dass ihre Anwesenheit die Projektidee für mich ganz wesentlich mitbestimmt hat. Sie beherrschen diese ganzen handwerklichen Tätigkeiten, mit denen es so fantastisch und ganz ohne belehrendes Beiwerk möglich ist den jungen Frauen klar werden zu lassen, dass es von Selbstbewusstsein zeugt, wenn man sich seine Kleidung nach seinen eigenen Wünschen und der eigenen Beweglichkeit entwerfen kann und sich nicht an das anpassen muss, was da ‚auf der Stange’ hängt. Aber hier geht es mitnichten um ein einseitiges Belehren. Das forschende Fragen und das immer wieder eingeforderte „Noch-mal-genau-Nachschauen“ vor den Sammlungsobjekten und im Museum, das entweder der Neugierde oder dem Wunsch geschuldet ist, sich sein Kleidungsstück genau so, wie gesehen, herzustellen, hat aus der Mädchengruppe, die von den Schlossnäherinnen lernen, längst eine ‚Modeteamgruppe’ mit hoher Eigendynamik werden lassen. Für mich, als Entwerferin der Projektidee, ist das fast so, als ob mein Schwarzweißentwurf auf Papier plötzlich farbig wird und anfängt sich zu bewegen.

Wie ist das Feedback der Teilnehmerinnen? Wie nehmen die Museumsbesucherinnen und  -besucher das Projekt wahr?
Ein großer Erfolg für das Projekt ist, dass fast alle der insgesamt 30 Teilnehmerinnen durchgehend die gesamten fünf Monate mit Spaß und Engagement dabei geblieben sind. Unser Frauenkostümtag anlässlich der Zeugnisferien, der Tag der offenen Tür im Dezember und ganz aktuell der Abendsalon "Hut ab", zu dem das Team des Frauenortes, auch die Projektteams von "Starke Frauen – mutige Mädchen" eingeladen hatte, werden von den Mädchen, ihren Freundinnen und ganz besonders auch ihren Familien begeistert angenommen und besucht. Aber es bleibt nie, und das ist das eigentlich Besondere und Schöne, bei einem reinen "wir kommen". Die Teams haben zu jeder öffentlichen Präsentation eigene Mitgestaltungsformate entwickelt. Beim Tag der offenen Tür haben sie interessierten Besuchern eine Führung durch IHR Schlossmuseum und den Sammlungsbestand, für den sie die Expertinnen sind, angeboten und zum "Hut ab"-Salon gab es eine kleine Präsentation verschiedenster Kopfbedeckungen aus verschiedenen Zeiten und Kulturen.

Da die meisten der Veranstaltungen, drei bis vier Mal unter der Woche, direkt in den Ausstellungsräumen stattfinden, ist das Projekt auch für die Museumsbesucher stets präsent. Von den Besuchern wird es durchweg interessiert und als Belebung der Museumsräume wahrgenommen. Und wer mit den Teams z.B. beim Nähen ins Gespräch gekommen ist, der bekam häufig auch noch gleich Tipps für seinen Schlossrundgang.

Die Freundschaften, die sich inzwischen zwischen den Projektteilnehmerinnen - aus Jever stammende und Neuhinzugekommene - entwickelt haben sind dabei der Bonus!

Vielen Dank!

Realisiert wurde das Projekt durch Mittel vom Deutschen Museumsbund im Programm „Von uns - für uns! Die Museen unserer Stadt entdeckt.“ im Rahmen der bundesweiten Initiative „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Weitere Informationen zum Projekt "Starke Frauen - mutige Mädchen"

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Eine Übersicht der bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

 

Sich zusammen ein Bild machen - Schlossnäherin und Teilnehmerin vor einem historischen Kleid, Foto Anika Tauschensky
Sich zusammen ein Bild machen - Schlossnäherin und Peer-Teamerin vor einem historischen Kleid, Foto Ursula Lücke
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Niedersachsen | Sparte: Bildende Kunst, Design, Interdisziplinär, Museum | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |