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Projekt der Woche #158: Letters from Wuppertal

14.03.2017

Die Stadt Wuppertal ist nicht zuletzt durch das Lebenswerk von Pina Bausch und das Wuppertaler Tanztheater eng mit dem zeitgenössischen Tanz verbunden. Der Wuppertaler Verein zur Förderung von Tanzfilmkultur Tanzrauschen e.V. produziert zusammen mit Wuppertalerinnen und Wuppertalern unter Leitung der Choreographin Jo Parkes eine Reihe von kurzen Tanzfilmen – die "Letters from Wuppertal". Diese Tanzkurzfilme sollen verschiedene Orte der Stadt aus der Perspektive ihrer Einwohner beschreiben, indem diese tanzend dafür einen Ausdruck finden.

Pilotfilm "Kaufhaus Michel"
Bereits im Januar 2015 fanden sich spontan 27 Wuppertaler zusammen um gemeinsam mit der Choreografin Jo Parkes und dem Kameramann Sven O. Hill einen Pilotfilm zu drehen. Entstanden ist der Film, der zum Beginn dieses Beitrags als Video eingebunden ist, im Fahrenkamp-Haus am Wall, dem ehemaligen "Kaufhaus Michel". Der Film hat das Aufblühen der Kaufhauskultur seit den 20er/30er Jahren zum Thema. Sie verbreitete die Idee von Glamour und Luxus für jedermann, besonders trostspendend in den Nachkriegsjahren. Andererseits förderten sie Konsum und Massenproduktion. Der kurze Schwarz Weiß-Tanzfilm entstand im Zusammenhang einer Ausstellung von "Documentary Dances" von Jo Parkes in Wuppertal im ehemaligen "Kaufhaus Michel" als Auftakt zu einer "Letters from Wuppertal"-Serie.

Ulrike Plüschke von der "Kultur bildet."-Redaktion hat Kerstin Hamburg, Projektleiterin und Vorstandsvorsitzende des Tanzrauschen e.V., befragt:

Ulrike Plüschke: Frau Hamburg, im Film "Kaufhaus Michel" tanzen Menschen unterschiedlicher Altersgruppen miteinander vor der Kamera. Wie ist die Idee für das Projekt entstanden? Wie haben Sie die Teilnehmer gefunden?
Kerstin Hamburg: Tanzrauschen hat es sich seit unserer ersten Ausstellung 2014 zur Aufgabe gemacht, den Tanzfilm, auch „Dance on Screen“ genannt, zu unterstützen und eine Plattform zu schaffen, die diese innovative Kunstform einer breiteren Öffentlichkeit vorstellt. Interessant ist die breite Vielfalt und das spannende Aufeinandertreffen der künstlerischen Kreativtechniken aus den Bereichen Tanz und Film, ergänzt durch die Sound- und Musikproduktion und die medienkünstlerischen Aspekte der digitalen Produktionen. Dance on Screen bietet ein weites Experimentierfeld und unterschiedlichste Möglichkeiten Synergien zu schaffen, wie z.B. mit der Innovationsfreudigkeit der Mode- oder auch der Games-Industrie. Aber auch gesellschaftlich-soziale Aspekte werden im Dance on Screen behandelt.

Das verbindet uns von Beginn an mit der Arbeit von Jo Parkes, deren Arbeiten Tanzrauschen im Januar 2015 in Wuppertal ausgestellt hat. Aus diesem Anlass beschlossen wir auf ihre Initiative hin, kurzfristig einen zweitägigen Workshop zu veranstalten, um gemeinsam einen kurzen Tanzfilm als Pilot für eine eventuelle weitere Zusammenarbeit zu produzieren, ihr Format „Postcards from ...“, z.B. aus East London oder Berlin, nach Wuppertal zu holen. Ein Aufruf über unterschiedliche Gruppierungen und noch am Abend der Vernissage brachte spontan die Gruppe von 27 Wuppertalern jeden Alters zusammen. Also erarbeiteten professionelle und nicht professionelle Tänzer aus Wuppertal gemeinsam mit der Choreographin und Filmemacherin Jo Parkes und dem Kameramann Sven O. Hill das Material zu diesem Film in einem Wochenendworkshop. Die Begeisterung der Teilnehmer führte zu einem längeren Filmformat von ca. fünf Minuten: Aus den "Postcards …" wurden die "Letters …"

Jo Parkes, Tanz- und Videokünstlerin aus Berlin/London, sie nennt sich selbst "Documentary Dance maker", hat langjährige Erfahrung im Arbeiten mit Communities und vermittelt durch ihr mitreißendes Engagement die Erfahrungen, die Tanz bieten kann. Darüber hinaus verknüpfen diese Projekte unterschiedlichste Menschen, Einrichtungen und Engagements miteinander.

Wie sehen die Pläne für die weiteren Projektetappen von "Letters from Wuppertal" aus?
Für 2017 planen wir mindestens drei weitere Filme. Eine Fortsetzung der Reihe in den nächsten Jahren ist auch gut vorstellbar. Die Projektidee wird von den vielen Tanzinteressierten in Wuppertal und auch von Filmemachern und Choreographen begeistert aufgenommen. Im Augenblick sind wir sehr gespannt auf den Findungsprozess der Gruppen, die miteinander arbeiten werden, die Orte, die eine Rolle spielen und die Geschichten, die erzählt werden. Da die "Letters …" ein partizipatorisches Tanzfilmprojekt sind, ist der gegenseitige Austausch zwischen den Wuppertalern und den professionell arbeitenden Künstlern, den unterschiedlichen Generationen, den Choreographen und den Filmemachern ein wichtiger Aspekt. Derzeit sind wir u.a. in Gesprächen mit der Else-Lasker-Schüler-Gesamtschule, dem Ev. Berufskolleg der Bergischen Diakonie, den WSW, die die Wuppertaler Schwebebahn betreibt, verschiedenen Sporteinrichtungen, oder auch mit dem Seniorentanztheater. Und gern möchten wir auch wieder die zusammengewürfelte Gruppe aus dem Pilotfilm einbeziehen. Dabei geht es um Themen wie Innovationsfreudigkeit und auch soziales Engagement, die in Wuppertal Tradition haben. Wie gesagt, der Prozess ist noch offen und bleibt spannend.

Im Herbst 2017 werden die Filme auf einer öffentlichen Premiere gezeigt und hoffentlich von da aus als Festivalbeiträge weltweit zu sehen sein.

Über die Spendenplattform "gut für Wuppertal", initiiert von der Stadtsparkasse Wuppertal und der Westdeutschen Zeitung haben wir zur finanziellen Unterstützung des Projektes aufgerufen. Da wir ein Non-Profit-Unternehmen sind, versuchen wir über diese Form der Identifikation mit dem Projekt die geforderten Eigenanteile in Bezug auf öffentlichen Förderungen zu finanzieren. Es klappt noch nicht ganz, aber es hilft sehr. Darüber hinaus machen diese Aufrufe unser Vorhaben bekannt und fördern die kulturelle Identität in Wuppertal.

Wir wünschen für die nächsten Projektetappen viel Erfolg und danken Ihnen für das Interview!

Weitere Informationen

Tanzrauschen e.V.

Vimeo-Kanal des Tanzrauschen e.V.

Website von Jo Parkes

Postcards-Projekte

Sven O. Hill und Jo Parkes während des Workshops mit tanzenden Teilnehmern, Foto: Claudia Scheer van Erp
Sven O. Hill und Jo Parkes während des Workshops mit tanzenden Teilnehmern, Foto: Claudia Scheer van Erp
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Nordrhein-Westfalen | Sparte: Medien, Soziokultur, Tanz | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |