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Projekt der Woche #160: Bandboxx®

27.03.2017
Band „Krieg & Frieden“, v.l.n.r.: Abdullah (Git.), Saman (Drums), Muhammed (Bass), Sylian (Keyboard) und Fares (Gesang), Foto: Thomas Himmel
Band „Krieg & Frieden“, v.l.n.r.: Abdullah (Git.), Saman (Drums), Muhammed (Bass), Sylian (Keyboard) und Fares (Gesang), Foto: Thomas Himmel

Das Hamburger Konservatorium ist Musikschule und Akademie zugleich. In sein vielfältiges Programm zur Musikvermittlung hat das Hamburger Konservatorium unter dem Motto „Willkommenskultur statt Ausgrenzung – gemeinsam musizieren“ auch mehrere Projekte zur kulturellen Integration von Geflüchteten aufgenommen. Dazu gehört neben dem seit 2015 in der Zentralen Erstaufnahme für Asylbewerber (ZEA) durchgeführten Musikunterricht für Kinder und neben einem Benefizkonzert für Geflüchtete auch das Projekt Bandboxx.

Die in Kooperation mit bandboxx gemeinnützige GmbH entstandene mobile Musikschule ist ein zum Musikstudio umgebauter Container. Bandboxx® ist ein soziokulturelles Musikprojekt, welches der Musiker Thomas Himmel entwickelt hat und leitet.

Zum Konzept von Bandboxx 

Im Rahmen des Projekts erleben und gestalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine eigene Musikproduktion von der ersten Idee bis zur Aufnahme. Unter Anleitung komponieren die Bands ihren eigenen deutschsprachigen Song und im Ergebnis halten alle eine eigene Musik-CD in den Händen.
Die Bandboxx in der Zentralen Erstaufnahme Schnackenburgallee Hamburg als Teilprojekt von „Willkommenskultur – gemeinsam musizieren“ wird gefördert im Rahmen des BMBF-Programms „Kultur macht stark“ und erhält weitere Unterstützung durch die Zeit-Stiftung, die Hamburger Sparkasse, die Stiftung Maritim Hermann und Milena Ebel, die Gerhard Trede-Stiftung sowie von privaten Spendern.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat Thomas Himmel befragt:

Herr Himmel, wie ist die Idee für die „Bandboxx in der Zentralen Erstaufnahme“ entstanden? Welche Ziele verfolgen Sie damit?
Der Leiter des Hamburger Konservatoriums, Herr Menke, schaute sich meine Arbeit in einem der bestehenden Bandboxx-Studios an. Wir entwickelten daraufhin die Idee, dieses Projekt auch in der Zentralen Erstaufnahme Schnackenburgallee zu installieren. Nachdem es Herrn Menke gelang, die Finanziellen Mittel einzuwerben ging es los. Es entstand die Bandboxx im Container.

Es soll ein klares Statement zur Selbstverständlichkeit von musischer Förderung (selbst in dieser Ausnahmesituation) sein. Durch die musikalisch- kreative Bandarbeit werden besonders der Spracherwerb, das Training von Gruppenfähigkeit, das Wertschätzen der eigenen Ideen und damit das Selbstwertgefühl, sowie die Traumabewältigung  gefördert.  

Wer hat bisher am Projekt teilgenommen und wie erreichen Sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer? Wie oft treffen sich die neuformierten Bands in der Regel von der ersten Idee bis zur fertigen Aufnahme?
Es haben zahlreiche Kinder, Jugendliche sowie auch Erwachsene aus vielerlei Staaten an der Bandarbeit teilgenommen. Die Meisten kommen aus den Krisengebieten des mittleren Ostens,  den Balkanländern und Somalia. Es gibt offene Angebote und einen regelmäßigen Kurs in Koordination mit der lokalen Grundschule.
Die Kurse laufen wöchentlich. Die musikalischen Produktionszyklen sind  so individuell wie die Geschichten der geflüchteten Menschen. Die Bandbreite der Texte erstreckt sich von lustigen Kinderliedern bis hin zu Kriegsberichten mit Inhalten von brutalster Härte.

Wie ist das Feedback der Teilnehmerinnen und Teilnehmer? Wie erleben sie das Band-Dasein und das sehr ergebnisorientierte gemeinsame Musizieren?
Musik produzieren heißt ständig Entscheidungen zu treffen und Strukturen zu schaffen. Das macht besonders den Kindern großen Spaß. Spielerisches Ausprobieren, Verwerfen, alles wieder von vorne usw. Darüberhinaus gibt es im Studio viel zu entdecken. Die Arbeit mit dem Computer, der Musiksoftware dem Grafikprogramm (für die Arbeit an den CD Covers) macht den meisten viel Spaß. In dieser Situation ein Produkt mit eigenen Inhalten fertigzustellen kommt sehr gut an. Die CDs sind sehr begehrt.

Die Kinder und Jugendlichen sind hier ausgesprochen lernhungrig. Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell sich die Kinder im Rahmen der Textarbeit sprachlich entwickeln.

Gibt es auch für Außenstehende eine Möglichkeit, die entstandenen Musiktitel zum Beispiel online anzuhören? Treten die Bands öffentlich auf?
Auf der Bandboxx-eigenen Homepage stehen Songs zum hören und downloaden. Dadurch, dass die Menschen nur für eine begrenzte Zeit in einer Erstaufnahme bleiben ist die Planbarkeit von Auftritten schwierig. Es geht bei dieser Arbeit aber in erster Linie um die Prozesse und die Lernerfahrung im Rahmen einer Studioproduktion.

Abschließend noch ein Blick in die Zukunft: wie lange wird die „Bandboxx in der Zentralen Erstaufnahme“ voraussichtlich weitergeführt? Gibt es bereits Anschlussideen?
Das Hamburger Konservatorium bemüht sich momentan um die Mittel für den Betrieb bis 2022.

Die eigentliche Integration findet ja nach dem Aufenthalt in den ZEA statt. Die geflüchteten Menschen ziehen dann oft für längere Zeit in sogenannte Folgeunterkünfte. Es ist durchaus möglich, dass auch wir, bei Bedarf, den Standort des Bandboxx-Containers zu einer solchen Unterkunft verlegen.

Vielen Dank!

Weitere Informationen

Bandboxx-Website

Website des Hamburger Konservatoriums

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Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Detail des CD-Covers der Band "Krieg & Frieden"
Detail des CD-Covers der Band "Krieg & Frieden"
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Hamburg | Sparte: Musik, Soziokultur | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |