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Projekt der Woche #177: „DDR an Wänden“

24.07.2017
Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer, Foto: Frédéric Bußmann

Das Museum der bildenden Künste Leipzig realisiert gemeinsam mit der 35. Oberschule der Stadt Leipzig von März bis August 2017 eine Ausstellung zur Rezeption der Malerei aus der DDR-Zeit durch Jugendliche. 16 Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse wurden mit ihrer Kunstlehrerin Frau Örtel-Köpping eingeladen, zusammen mit der Kunstvermittlerin Margret Rost und dem Kurator Frédéric Bußmann das Projekt zu entwickeln und umzusetzen. Maßgeblich unterstützt wurden sie durch die Praktikantinnen Ella Falldorf und Anne Zühlke, die das Projekt unter anderem mit einem Webblog begleiten. Seit dem 30. März und noch bis zum 6. August ist als Ergebnis dieses intensiven Prozesses nun die Ausstellung mit dem Titel DDR an Wänden. Junge Perspektiven auf die Leipziger Malerei nach 1949 im MDBK zu sehen. Das Projekt wird gefördert durch die LEIPZIGSTIFTUNG und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat den Kurator Dr. Frédéric Bußmann zum Projekt befragt:

Ulrike Plüschke: Herr Bußmann, was ist die Zielsetzung dieses Projekts, bei dem Schülerinnen und Schüler selbst eine Ausstellung kuratieren?
Frédéric Bußmann: Die Schülerinnen und Schüler sollten zum einen Museen und die Ausstellungsarbeit kennenlernen, zum anderen sich speziell mit der Bildsprache der DDR auseinandersetzen. Die Ziele waren also, allgemein eine ästhetische Sensibilisierung und den Umgang mit Kunstwerken zu fördern, aber auch die Beschäftigung mit der jüngeren Geschichte und die Analyse der Bildrhetorik unter den Bedingungen eines autoritären Regimes zu entwickeln. Dem Projekt war der Versuch eingeschrieben, unterschiedliche Blickwinkel auf diesen wichtigen, aber auch konfliktbeladenen Bestand zu ermöglichen und zugleich die Auseinandersetzung mit der DDR als Teil der eigenen Geschichte zu fördern. Leitfrage war neben der historischen Sichtweise immer auch: Was macht das Gemälde heute mit mir, was geht es mich an, was hat es mit der Gegenwart zu tun? In der Ausstellung kommen nicht nur Widersprüche und Ambivalenzen dieser vergangen Zeit und ihrer Gesellschaft zum Ausdruck, sondern sie zeigt auch die unterschiedlichen Haltungen zur Kunst aus der DDR, die man aufgrund unterschiedlicher biographischer Hintergründe haben mag.

Für unsere eigene Museumsarbeit stand ferner die Frage im Raum, welche unterschiedlichen Perspektiven auch jenseits des professionellen Umgangs mit Kunst können entwickelt und in einem Museum gezeigt werden? Wie positionieren wir uns als Kuratoren mit anderen Meinungen und Ansichten, wie lassen wir verschiedene Stimmen zu und wie bereichert das wiederum unsere Arbeit. Letzten Endes ist das ein sehr demokratischer Ansatz in einer Institution, der man häufig genug und meines Erachtens meistens zu Unrecht elitäre Züge vorwirft.

Seit wann haben die Schülerinnen und Schüler mit dem Museumsteam an dem Projekt gearbeitet und welche Projektphasen haben sie gemeinsam durchlaufen? Gab es dabei Überraschungen oder unerwartete „Richtungsentscheidungen“?
Die wenigen Vorbedingungen für das Projekt waren der Eröffnungstermin Ende März 2017 (und in der Folge ein ziemlich straffer Zeitplan für die Projektrealisierung beginnend im August 2016) und der Gegenstand der Ausstellung, nämlich Malerei aus der DDR-Zeit aus dem eigenen Sammlungsbestand. Alles andere haben die Jugendlichen zusammen mit ihrer Kunstlehrerin und dem Museumsteam entwickelt: Erste Ausstellungskonzeption und grobe Struktur, dann die Sichtung der Gemälde im Magazin, Werkauswahl, Festlegung der Gruppen und Unterthemen, Katalogtexte schreiben, Präsentation und Hängung diskutieren, Titel festlegen, Vermittlungsformate und Öffentlichkeitsarbeit entwickeln, Plakatmotiv und Kataloggestaltung bestimmen, Wandtext schreiben, Eröffnung planen – und nicht zuletzt die Eröffnung der Ausstellung dann auch feiern! Wichtig war bei der Entwicklung der Ausstellung, dass die Jugendlichen sich direkt mit den Werken beschäftigten. Wichtig war aber auch, dass sie sich direkt mit DDR-Geschichte, mit der Gesellschaft und der Kunst beschäftigten. Dazu haben sie zum Beispiel in Vorbereitung der zweiten Sitzung Interviews mit ihren eigenen Eltern und Großeltern über das Leben in der DDR im Sinne einer oral history geführt. Dazu gab es aber auch zwei Gespräche mit sehr unterschiedlichen Künstlern und Lebensläufen, zum einen mit Sighard Gille und zum anderen mit Lutz Dammbeck, die offen und bereitwillig Auskunft über ihr Leben und ihre Kunst gaben und alle Fragen der Jugendlichen beantworteten.

Ich bin von vielen Entwicklungen überrascht worden: Zuerst von dem Engagement, der Begeisterung und der Ernsthaftigkeit der Jugendlichen für das Projekt und die Sache, zumal zum Ende der Ausstellungsvorbereitung hin ihre Prüfungen anstanden. Dann muss ich zugeben, dass ich nach sechs Jahren Tätigkeit als Kurator im Leipziger Museum auch unter einer gewissen ‚déformation professionelle‘ leide, so dass es gut tat, von den Jugendlichen bei der Sichtung der über 700 Gemälde aus der DDR-Zeit auf so manches Werk hingewiesen worden zu sein, dass mir nicht so präsent war und durchaus von guter Qualität ist. Wir hatten auch unterschiedliche Ansichten, etwas was den Titel betrifft, der ursprüngliche Arbeitstitel war gewesen DDR im Blickwechsel, der den Jugendlichen aber wohl zu akademisch war, so dass sie den mehrdeutigen Titel DDR an Wänden gewählt haben. Überrascht war ich dann aber auch bei einigen Gemälden, die ich persönlich entweder etwas bieder, ja vielleicht belanglos fand oder die mir aber zu propagandistisch ausfielen. Aber die Prämisse des Projekts war, dass die Jugendlichen, wenn sie gute Argumente hatten und mit dem Museumsteam auch Kontroversen ausdiskutierten, die Entscheidungsfreiheit für die Auswahl besaßen – schließlich sollte es ihre Ausstellung sein!

Wie ist das Feedback der Projektbeteiligten und der Museumsgäste?
Das Feedback bei den Beteiligten, aber auch bei den Gästen ist durchweg positiv, ohne dass ich verschweigen möchte, dass es auch die eine oder andere Kritik gab. Die Jugendlichen haben voller Energie und mit viel Freude mitgearbeitet, waren sichtlich stolz auf das Erreichte, ebenso wie wir im Museum, aber auch die Schulleitung und ihre Kunstlehrerin stolz auf sie waren, dass sie alle durchgehalten haben und eine ansehnliche und professionelle Ausstellung zustande gebracht haben. Die Resonanz im Besucherbuch ist weitgehend wohlwollend. Viele Besucherinnen und Besucher haben sich gefreut, wieder so viele Bilder aus der DDR-Zeit im Museum zu sehen, darunter auch lange nicht gezeigte Werke. Die Führungen, die zum Teil von den Schülerinnen und Schülern selbst durchgeführt wurden, waren sehr gut besucht und wurden wie sonst selten zu einem Moment des Austauschs und der durchaus auch kontroversen Diskussion. Viele Menschen waren sehr interessiert an der Arbeit und den Ansichten der Schüler, an dem frischen Blick aus der Gegenwart auf die DDR-Kunst – entsprechend waren wir sehr erfreut, dass wir die kleine Broschüre drei Mal nachdrucken mussten, ein deutliches Zeichen des Zuspruchs zum Ausstellungsansatz und ein Zeichen der Relevanz des Themas DDR-Kunst heute!

Das Projekt wurde im August 2016 von der Sächsischen Staatsministerin für Kultus, Brunhild Kurth, mit dem Preis LernStadtMuseum ausgezeichnet. Was bedeutet dies für das für das Projekt? Wird es möglicherweise eine Weiterführung geben?
Wir haben die Auszeichnung zum Projektbeginn erhalten, das war ein sehr wichtiges Zeichen der Anerkennung, aber auch eine Bestärkung. Für die 35. Oberschule, deren Direktor uns von Anfang an unterstützt hat, war das natürlich auch ein deutliches Signal, das solche Kooperationen ein guter Ansatz des außerschulischen Lernens sind und wichtige Impulse für die Bildung der Schülerinnen und Schüler setzen. Wir wurden dann auch von der Bundesstiftung Aufarbeitung und von der Leipzigstiftung gefördert, was das gesamte Team ebenfalls als wichtige Auszeichnung und Anerkennung empfunden hat und was uns die Realisierung der Ausstellung in der jetzigen Form ermöglicht hat.

Diese Kooperation war ein Pilotprojekt für uns, ein Experiment, das als gelungen bewertet werden muss. Es bietet sich an, über Folgeprojekte nachzudenken, vielleicht mit neuen Akzenten, mit neuen Ansätzen, aber immer mit Blick auf die Kunst und im demokratischen Geist einer offenen Gesellschaft.

Vielen Dank!

 

Weitere Informationen

Projekt-Weblog
Ausstellungsseite „DDR an Wänden. Junge Perspektiven auf die Leipziger Malerei nach 1949“
Museum der bildenden Künste Leipzig
35. Oberschule der Stadt Leipzig
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
LEIPZIGSTIFTUNG

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Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

 

Kategorie: 
Allgemeine News
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Region: Sachsen | Sparte: Museum | Textsorte: Projekt der Woche |