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Projekt der Woche #183: KULTURISTENHOCH2

04.09.2017

Das Hamburger Generationenprojekt KULTURISTENHOCH2 wendet sich speziell an Seniorinnen und Senioren mit kleiner Rente. Sie sind eingeladen, regelmäßig und kostenlos gemeinsam mit einem jungen Menschen aus ihrem Stadtteil die kulturelle Vielfalt Hamburgs zu nutzen. Das Projekt regt den Austausch und das Kennenlernen zwischen den Generationen an. Durch wechselseitige Achtsamkeit soll der Zusammenhalt im gemeinsamen Stadtteil gestärkt werden. Dabei nutzt das Projekt die Kraft von Kunst und Kultur, Mittler zwischen den Generationen zu sein.
KULTURISTENHOCH2 ist ein Projekt der GEMEINSAM! Jung und Alt für Teilhabe und Lebensfreude gUG in Kooperation mit Hamburger Schulen und dem KulturLeben Hamburg e.V.

Christine Worch, Initiatorin und Leiterin des Projekts, wurde von Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion befragt:

Ulrike Plüschke: Frau Worch, wie ist die Idee für KULTURISTENHOCH2 entstanden und seit wann gibt es dieses Angebot? Ist es eine Antwort auf die immer stärkere Altersarmut und damit einhergehende Vereinsamung?
Christine Worch: Vor nun 4 Jahren bin ich als Fundraising-Beraterin bei unserem heutigen Kooperationspartner KulturLeben Hamburg e.V. mit dem Thema Armut, Ausgrenzung und Teilhabeverlust sehr intensiv in Berührung gekommen. Der Verein vermittelt ehrenamtlich und telefonisch gespendete Karten von über 100 Hamburger Kulturveranstaltungen an arme Menschen in unserer Stadt – immerhin durchschnittlich etwa 1.500 Karten im Monat. Es hat mich 2013 zutiefst berührt, wie dankbar die „Kulturgäste“ sind, die diese je zwei Karten für sich und einen Partner ihrer Wahl – der nicht wirtschaftlich bedürftig sein muss - erhalten. Ganz besonders gilt das für ältere Menschen, die es als eine Art Auszeichnung empfinden, mit der zweiten Karte einen Menschen einladen zu dürfen und nicht mehr nur Empfänger von „Leistungen“ zu sein, die sie zu einem kargen Leben zwingen. Meist sind es Frauen. Doch viele Seniorinnen und Senioren haben damals auch schon die tollen Angebote ablehnen müssen: „Ich würde ja gerne annehmen, aber da ist ja keiner mehr, der mit mir geht. Und alleine traue ich es mir nicht zu.“ Das war der Moment, wo in mir die Idee zu KULTURISTENHOCH2 zu keimen begann. Über einen Zeitraum von einem Jahr habe ich das Vorhaben mit mir und vielen Gesprächspartnern erwogen. Ab 2015 sind wir dann konkret geworden und mein Mann und ich haben die gemeinnützige Organisation GEMEINSAM! Jung und Alt für Teilhabe und Lebensfreude gUG gegründet, unter deren Dach wir das Projekt entwickelt haben und betreiben! Als erstes habe ich unsere Schirmherrin, die Zweite Hamburger Bürgermeisterin Katharina Fegebank angesprochen, die vor Ihrer Wahl in das zweithöchste Amt unser Stadt sozialpolitische Sprecherin ihrer Fraktion war und uns das treffende Geleitwort gab: „Das Projekt ist ein starker Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und eröffnet allen Teilnehmern neue Perspektiven. Denn soziale Bedürftigkeit im Alter ist kein sozialpolitisches Nischenthema, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Und ja: natürlich ist KULTURISTENHOCH2 eine – von hoffentlich immer mehr – Antwort(en) auf das Thema wachsende Altersarmut in unserer Gesellschaft. Älteren Mitmenschen mit geringen Einkommen sollen mit der Projektteilnahme neue Perspektiven im Kontakt mit jungen Menschen aus ihrem näheren Lebensumfeld aufgezeigt und beiden Gruppen die Teilhabe an kulturellen Veranstaltungen ermöglicht werden. Ziel ist es, sozial bedürftigen älteren Menschen, die von Isolation, Ausgrenzung und Einsamkeit besonders bedroht sind, Teilhabe an Kultur und Kontakt zu jungen Menschen zu ermöglichen. Rentnerinnen und Rentner ab 63 Jahren sollen erreicht werden, die nach den gängigen Kriterien als arm gelten – Einkünfte bis max. 1000 € netto oder weniger – und/ oder von altersbedingten Einschränkungen eventuell so sehr betroffen sind, dass sie sich nicht alleine in Veranstaltungen trauen.

Darüber hinaus haben wir die jungen Menschen im Blick, die als ganze Generation angesichts des demografischen Wandels vor enormen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen stehen.  

Wieviele Menschen nutzen das Angebot bislang und wie ist das Feedback der Teilnehmenden?
Projektstart war dann im Juli 2016 mit einer großen Auftaktveranstaltung im Hamburger Ernst Deutsch Theater, wo sich alle – junge wie alte – Teilnehmende aus damals drei Stadtteilen erstmals begegnet sind. Ab September 2016 startete dann die Pilotphase der Kulturbegleitungen von Jung und Alt. Bis zum Beginn der Sommerferien konnten wir nahezu 100 Begleitungen realisieren und sind oft zutiefst bewegt über die frohen Feedbacks von beiden Seiten, die wir von den Teilnehmerinnen erbitten.

Seniorin: "Meine Begleitung war sehr gebildet und dabei auch sympathisch. Die jungen Leute sind ja alle so plietsch (hamburgisch für „schlau") - man kann echt viel von ihnen lernen!“

Und ein 18-jähriger Schüler: "Es war ein sehr schöner Abend und ich habe unglaublich viel von Frau M.´s Leben erfahren. Die Erzählung von San Francisco fand ich am besten. Es war wunderschön, weil wir uns unglaublich gut unterhalten und gelacht haben."  

Wie geht es nach der Pilotphase weiter?

Wir freuen uns, dass KULTURISTENHOCH2 zum neuen Schuljahr 2017/18 in nunmehr sechs Hamburger Stadtteilen mit insgesamt 127 ehrenamtlich engagierten Oberstufenschülerinnen und -schülern starten kann. Auf Seiten der Seniorinnen und Senioren konnten wir bis dato 87 Teilnehmende gewinnen und sind in dieser Gruppe permanent dabei neue zielgruppenaffine Multiplikatoren wie z.B. Grundsicherungsämter, Service-Wohnanlagen, Wohnungsbaugenossenschaften und Senioren-Treffs auf unser Angebot aufmerksam zu machen und die Teilnehmerzahlen durch Projektpräsentationen zu erhöhen. Unser Ziel sind 150 teilnehmende Seniorinnen und Senioren am Ende des Schuljahrs 2017/18.

Wie finden die beiden Generationen - junge und alte Menschen – im Rahmen des Projekts zueinander? Welche Rolle spielen dabei Ihre Kooperationspartner Kulturleben Hamburg e.V. und die beteiligten Schulen?
Als erstes suchen wir uns Partnerschulen in solchen Stadtteilen, in denen statistisch ein hoher Anteil an Grundsicherungsempfängerinnen und -empfängern 63+ ausgewiesen wird. Unsere „Projektmanagerin Schulen“ stellt KULTURISTENHOCH2 Oberstufenschülerinnen und -schülern vor bereitet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach der Anmeldephase in einem schulinternen Workshop vor. In einem externen Training unter fachlicher Anleitung unseres Partners Hartwig Hesse Stiftung – Spezialist für Altersfragen – werden sie vor dem Projektstart mithilfe von Alterssimulationsanzügen, Rollatoren und Rollstühlen etc. auf ihr künftiges freiwilliges Engagement vorbereitet.

In einem zweiten Schritt werden Hamburger Seniorinnen und Senioren aus der Umgebung der Schulen mit dem Angebot von KULTURISTENHOCH2 vertraut gemacht und für die Teilnahme gewonnen. Sie erhalten zwei Karten, laden den jugendlichen Gast ein und erleben gemeinsam z.B. ein Konzert, eine Lesung, ein Schauspiel. Eventuell anfallende Kosten für Bus und Bahn werden für die Seniorinnen und Senioren übernommen. Auch Garderobengeld und ein Pausengetränk sind inklusive.

Am 26. Juni 2017 wurde das Projekt in der Kategorie „Generationenübergreifendes Miteinander“ mit dem Smart Hero Award 2017 geehrt. Hierzu möchten wir Ihnen herzlich gratulieren. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Der Smart Hero Award 2017 ist eine großartige Anerkennung, über die wir als Team uns freuen, die wir letztlich aber dem großartigen Einsatz der 53 jungen Menschen verdanken, die sich in der Pilotphase engagiert haben. Sie sind es, die nach dem der einzelne – recht aufwendige – Vermittlungsprozess abgeschlossen ist, sich etwa 4-5 Stunden Zeit nehmen, „ihren“ Tandem-Partner pünktlich treffen oder auf Wunsch daheim abholen und sich auf dem Weg zum Veranstaltungsort oft schon sehr angeregt mit ihm austauschen. Gemeinsam geht´s dann auf Konzerte, Lesungen, in´s Theater und zurück. Dafür können wir den Jugendlichen nur immer wieder danken!

Wie finanzieren Sie das Projekt und wie lange wird es voraussichtlich fortgeführt? Sind Erweiterungen z.B. auf andere Städte angedacht?
KULTURISTENHOCH2 wird zur Gewährleistung von ehrenamtlicher Arbeit, Organisation, Know-How-Transfer und ehrenamtlicher Begleitung professionell geführt. Die Kosten im ersten Jahr der Umsetzung belaufen sich mit den Veranstaltungen und Trainings auf rund 100.000 €, die bislang ausschließlich durch Spenden und Stiftungsförderungen realisiert wurden. Alle Aktivitäten sind von Anfang an darauf gerichtet, eine höhere Reichweite und Verbreitung zu erzielen, was sich derzeit bei der Ausweitung in neue Stadtteile bereits abzeichnet. Wir sehen KULTURISTENHOCH2 ganz sicher auch in anderen Städten Deutschlands, denn Altersarmut gibt es ja nicht nur in Hamburg.

Um diese Initiative, die wir gerne für den bundesweiten Transfer vorbereiten möchten, auf ein solides Fundament zu stellen, suchen wir aktuell für ca. 3 Jahre einen Partner für eine Strukturförderung. So wollen wir die Weichen für schlanke Prozesse stellen und ein perspektivisches und nachhaltiges Fundraising entwickeln. Einen Schritt in diese Richtung geht ab dem 7. September 2017 um 10 Uhr unser geschätzter Partner die Beiersdorf AG in Zusammenarbeit mit Betterplace. Jede Spende die über den nachfolgenden Link getätigt wird, wird ab diesem Zeitpunkt bis zu einem Betrag von 200 €uro verdoppelt. Wir danken schon jetzt allen Spenderinnen und Spendern!
www.betterplace.org/de/projects/39178-das-generationen-projekt-fur-wirtschaftlich-bedurftige-senioren-und-schuler

Weiterhin viel Erfolg und vielen Dank für Ihre Antworten!

Weitere Informationen

Projektwebsite www.kulturisten-hoch2.de

Facebook   www.facebook.com/kulturistenhoch2/

GEMEINSAM! Jung und Alt für Teilhabe und Lebensfreude gUG (haftungsbeschr.) www.gemeinsam-lebensfreude.de/

KulturLeben Hamburg e.V.  www.kulturleben-hamburg.de/ 

Hartwig Hesse Stiftung  www.hartwig-hesse-stiftung.de/ 

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Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Deutsches Schauspielhaus  – Angeregter Austausch zwischen Jung und Alt; Foto (c) Michael Hagedorn
Deutsches Schauspielhaus – Angeregter Austausch zwischen Jung und Alt; Foto (c) Michael Hagedorn
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Hamburg | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend, Erwachsenenbildung, Seniorenbildung | Textsorte: Projekt der Woche |