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Projekt der Woche #187: "Musik verstehen mit Prof. Dr. Hartmut Fladt"

04.10.2017
Hartmut Fladt während einer Sendung "Musik verstehen mit  Prof. Dr. Hartmut Fladt" bei radioeins, Foto: © rbb/radioeins/Saupe
Hartmut Fladt während einer Sendung "Musik verstehen mit Prof. Dr. Hartmut Fladt" bei radioeins, Foto: © rbb/radioeins/Saupe

Prof. Dr. Hartmut Fladt ist Musikwissenschaftler, Musiktheoretiker und Komponist. Bei Radioeins vom rbb (Rundfunk Berlin-Brandenburg) analysiert er jeden Montagabend ein Musikstück in der Sendereihe "Musik verstehen mit Prof. Dr. Hartmut Fladt". In einem kurzen – in der Regel live gesendeten Beitrag – analysiert er musikalische wie auch inhaltliche Ebenen der jeweiligen Musikstücke und erklärt auf sehr kurzweilige Weise, warum der jeweilige Song so funktioniert, wie er funktioniert. Die Bandbreite der von ihm vorgestellten Titel reicht dabei zum Beispiel von Kultsongs wie "Smells Like Teen Spirit" von Nirvana bis hin zu etwas sperrigeren Titeln wie "Fille à Papa" von Camille. Im Anschluss an die Analyse ist der Song noch einmal in voller Länge zu hören und zu genießen. Wer die Sendungen verpasst hat, kann die Musikanalyse auf der Website von radioeins nachhören. 

Prof. Dr. Hartmut Fladt wurde von Ulrike Plüschke von der "Kultur bildet."-Redaktion befragt.

Ulrike Plüschke: Herr Prof. Dr. Fladt, eine Musikanalyse zur besten Vorabendzeit im Radio – wie ist die Idee für die Sendereihe "Musik verstehen mit Prof. Hartmut Fladt" bei radioeins entstanden und seit wann gibt es diese?
Prof. Dr. Hartmut Fladt: Da bin ich jetzt schon ein "Historiker meiner selbst". Vor 11 Jahren war von Pop, Rock noch nicht die Rede; da wurde ich von radioeins gefragt, ob ich zum Mozart-Jubiläum ein telefonisches live-Interview machen könne, mit eingespielten Musik-Schnipseln. Dann kam Bertolt Brecht/Kurt Weills "Dreigroschenoper"; schließlich fragten mich die Verantwortlichen, ob dieses Format nicht auch im Bereich Rock/Pop vorstellbar wäre – die Resonanz war da sehr ermutigend. Meine Antwort: Da kenne ich mich nicht sooo gut aus, als Komponist von avantgardistischer Musik, als Musiktheoretiker und Musikwissenschaftler, aber das Interesse ist da, und ich habe eine Tochter, die mir dabei prima helfen kann. Und: wir haben es versucht, Freitag am Frühabend, als Wochenend-Einleitungs-Geplauder per Telefon mit zwei munteren – und klugen! – Moderatoren. Ich bekam immer, wie noch heute, am Wochenbeginn mitgeteilt, welcher Song im Plan war, und so konnte ich mich vorbereiten und beispielsweise auch die Einspielungen festlegen, mit denen ich meine Erklärungen der Musik und der Texte verdeutlichen wollte. Es gab da eine technische Unzulänglichkeit, über die ich mich noch heute freue: ich war weiterhin daheim bei mir, und ich saß am Flügel oder E-Piano, je nachdem, hatte in der linken Hand den Hörer, und spielte (nur mit der rechten!!) noch einzelne Elemente der Songs zur Verdeutlichung vor. Das machte offensichtlich den Hörern sehr viel Spaß, und das Bedürfnis, die Musik dadurch besser zu verstehen, war riesengroß. Und es gelang, die Vorurteile oder sogar Angst vor "Analyse" zu beseitigen. Wichtig für den Sender: das war für ihn auch ein "Alleinstellungs-Merkmal" – so etwas gab es damals sonst gar nicht.

Ja – und dann gab es den Sprung in die Professionalisierung, ins Studio mit der Live-Sendung, damals noch im Admiralspalast am Berliner Bahnhof Friedrichstraße. Mit Headset, damit ich beide Hände für das Tasteninstrument hatte, auf den Montag verschoben mit der festen Zeit nach 19:30, mit wechselnden Moderatoren als Gesprächspartner, und aus den anfänglichen 5-10 Minuten wurden etwa 20. Ab und zu kommt, auch heute noch, wo der Haupt-Sendeplatz das Studio im Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz ist, die Sendung auch aus Potsdam-Babelsberg vom Hauptsitz der rbb-Radiosender.

Wie und nach welchem Kriterien werden die jeweiligen Musikstücke ausgewählt?
Da sind der Sender und die Redakteure erst einmal äußerst pragmatisch. Sehr viele der Songs oder auch Instrumentalstücke stammen von Künstlern oder Gruppen, die in der jeweils darauf folgenden Zeit in Berlin (oder Umgebung) auftreten werden, und bei vielen von ihnen ist radioeins auch der Veranstalter oder Mit-Veranstalter. Es soll sich also durchaus ein Werbe-Effekt des Neugierig-Machens ergeben, aber der betrifft selbstverständlich nicht die "großen Macher" der Szene, deren Konzerte in der Regel schon vor meiner Sendung ausverkauft sind.
Ich darf von der Redaktion ausgewählte Stücke auch ablehnen, wenn sie nach meiner Einschätzung nicht charakteristisch genug sind oder sogar Qualitätskriterien nicht erfüllen. Es kommt vom anzukündigenden Künstler dann ein anderes. Eigene Vorschläge sind selten, aber möglich; aus verständlichen Gründen geht die Sender-Pragmatik vor.

Was ist das Besondere daran, Musik für ein Radiopublikum zu analysieren? Sicherlich gehen Sie dabei anders vor, als wenn Sie ein Fachpublikum vor sich hätten.
Ja, das ist ganz selbstverständlich. Aber: den üblichen Pop-Smalltalk möchte ich vermeiden oder nur (kritisch) andeuten. Der gibt über Musik in der Regel keine Auskunft, sondern über Personen, Gruppen und ihre Stories und Skandale, über Rankings und Verkaufszahlen oder Clicks oder Likes, also über Moden und rezeptions-soziologische Phänomene und ihren Kontext mit Verkaufs-Strategien. Dabei verzichte ich bewusst NICHT auf einen Anteil sogar an musiktheoretischem Fach-Vokabular. Das ständige Operieren beispielsweise mit dem Prinzip "Formenlehre" prägt sich bei den Stammhörern so ein, dass sie den "Normalablauf" der Teile eines Popsongs so in ihrem Wissen gespeichert haben, dass Abweichungen von dieser Normalität als Originalität erkannt werden können. "Harmonielehre" ist zu komplex, aber harmonische Prinzipien wie die im Pop weit verbreitete "Pendelharmonik", das Hin- und Herpendeln von zwei Harmonien, kann unmittelbar gehört und verstanden werden. Es soll durch die Musik selbst, nicht durch simple Etikette verdeutlicht werden, was das Besondere an ihr ist – oder dass es sich um bloße Klischee-Erfüllung handelt. "Blues", "Reggae", "HipHop" – das sagt erst einmal gar nichts. Bei all solchen scheinbar identischen stilistischen Dingen gibt es gewaltige Qualitätsunterschiede; das will ich zeigen.

Und ich möchte immer wieder darauf verweisen, dass alle solche Phänomene in ihren grundlegenden Strukturen vom "klassischen" Tonsystem abgeleitet sind, auch, wenn das vielen Pop- und Rockmusikern nicht bewusst sein muss. Sie sprechen ja auch ganz selbstverständlich die Sprache Shakespeares, Goethes, Brechts, ohne ihre komplexe Struktur bewusst analysiert zu haben. Neu in der Rock- und Popmusik sind aber auf jeden Fall Sounds und Arrangements. Die „Produzenten“ haben den Rang von Mit-Komponisten erreicht. Auch das ist ein wichtiger Teil meiner Analysen.

Wie sind die Rückmeldungen auf Ihre Sendung und wird sie dem Radiopublikum noch lange erhalten bleiben?
Diese Rückmeldungen kommen, entweder via Sender (Facebook etc.) oder direkt an mich. Dabei gibt es auf der einen Seite allgemeine Reaktionen auf Gehörtes, die meist für mich erfreulich sind, aber auch kritische Töne haben können: so z.B. von Fans, die bei bestimmten Gruppen und Interpreten viel besser über auch persönliche Hintergründe informiert sind, als ich es jemals sein könnte. Aber es gibt auch Nachfragen zu analysierten Sachverhalten; darüber bin ich besonders erfreut, weil ich genau dieses lebendige Interesse wecken möchte. Solche Nachfragen beantworte ich gern.

So lange der Sender und meine Gesundheit, die geistige Frische und die Neugier das zulassen, möchte ich diese Sendung, die über das Internet-Radio schon lange auch nicht mehr nur im Berlin-Brandenburgischen gehört wird, fortsetzen. Und wenn Hörerinnen und Hörer behaupten, sie könnten erkennen, dass mir die Sendung Spaß macht, dann kann ich nur sagen: stimmt.

Noch ein Hinweis in eigener Sache: aus der Sendung ist auch ein Buchprojekt hervor gegangen: Der Musikversteher. Was wir fühlen, wenn wir hören ist 2012 im Aufbau-Verlag Berlin erschienen. Das Buch wendet sich auf 329 Seiten an musikalische Laien ebenso wie an "Informierte". Es wird versucht, mit 116 Musikanalysen aus allen möglichen Genres eine Art Gesamt-Panorama gegenwärtiger Musik zu entfalten – und auch acht Musik-Märchen nach den Grimm-Gebrüdern sollen zu einem erheiternden oder sogar satirischen Erkenntnisgewinn beitragen.  

Vielen Dank für Ihre Antworten und auf viele weitere "Musik verstehen..."-Sendungen!

Weitere Informationen

Kurzvita von Prof. Dr. Hartmut Fladt

Sendereihe "Musik verstehen mit Prof. Dr. Hartmut Fladt" bei radioeins

Zum Buch: Hartmut Fladt: Der Musikversteher im Aufbau-Verlag

 

Detail des Buchcovers, (c) Aufbau Verlag
Detail des Buchcovers, (c) Aufbau Verlag
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Berlin, Brandenburg | Sparte: Musik | Thema: Altersübergreifend, Erwachsenenbildung | Textsorte: Projekt der Woche |