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Projekt der Woche #193: "Landart" & "Kunst und Alltag"

13.11.2017
Projektgruppe "Landart" vor einer Arbeit aus Holz, (c) Foto: Paul Mignot
Projektgruppe "Landart" vor einer Arbeit aus Holz, (c) Foto: Paul Mignot

Das Heidelberger Forum für Kunst führte im Sommer und Herbst 2017 zwei Projekte mit geflüchteten Erwachsenen durch: „Landart“ und „Kunst und Alltag“. Ziel war es, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch Vermittlung künstlerischer Techniken einen Zugang zu Kunst, Kultur und zur eigenen Kreativität zu eröffnen. Gefördert wurden beide Projekte mit Finanzmitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Pogramms "MIT KUNST“, das lokale Bündnisse unterstützt, welche Projekte ästhetischer Bildung für geflüchtete junge Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren durchführen. Beantragt und koordiniert wurden die Projekte vom Bundesverband Bildender Künstler und Künstlerinnen. Das Heidelberger Forum für Kunst führte in diesem Rahmen in den vergangenen Monaten die zwei Projekte „Landart“ unter Projektleitung der Künstlerin Elisabeth Kamps und „Kunst und Alltag“ unter der Leitung von Hartmuth Schweizer durch.

Elisabeth Kamps, Projektleiterin "Landart" und Hartmuth Schweizer, Projektleiter "Kunst und Alltag" sowie Michael Rosler, Geschäftsführer des Heidelberger Forum für Kunst wurden von Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion befragt.

Ulrike Plüschke: Frau Kamps und Herr Schweizer, wie ist die Idee für die beiden Projekte entstanden und welche Ziele verfolgen sie?
Elisabeth Kamps, Projektleiterin "Landart": Da ich im Vorfeld schon mehrere künstlerische Einzelaktionen in Flüchtlingsunterkünften durchgeführt habe, wollte ich nun mit den Fördermitteln die Möglichkeit nutzen, auch außerhalb der Unterkünfte in ungewohnter Umgebung mit ungewohnten Techniken und Materialien zu arbeiten. Durch das Arbeiten in der Natur lernten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre direkte Umgebung kennen, kulturell geprägte Landschaften wie Streuobstwiesen, Mischwälder, Ackerbau, Weiden etc. boten ihnen ein umfassendes Gesamtbild ihres neuen Lebensraumes. Da sich die Geflüchteten meist in den Unterkünften und in der Stadt aufhalten, konnten sie durch die Projekte nun ihre Umgebung besser kennenlernen. Die Techniken der Landartprojekte erforderten keinerlei künstlerische Vorkenntnisse. Gemeinsam wurde mit den Materialien wie Schafwolle, Unterholz im Wald, Gräsern, Blüten und Pflanzen gearbeitet, es entstanden Werke in der Natur. Sie konnten durch ihre eigene Arbeit ihre Umgebung mitgestalten und ein ganz eigenes Zeichen hinterlassen.

Hartmuth Schweizer, Projektleiter "Kunst und Alltag": Die Idee war, im Sinne des Fördertitels, vermittels Kunst und künstlerischen Gestaltens den jungen Geflüchteten eine Teilhabe an der Kultur unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Der erste Schritt war, Kenntnisse über die unterschiedlichen Kunstepochen Europas durch den Besuch bedeutender Museen der Region zu vermitteln. Diese dort erlebte Kunst sollte in ihrer jeweiligen historischen Funktion mit dem verglichen werden, was die Geflüchteten in ihrem Alltag sehen und erleben. Reflektiert werden konnte auf diese Weise die Vielfalt der Kulturen und noch wichtiger der Standort des einzelnen Geflüchteten mit seinen kulturellen Erfahrungen in der für ihn neuen Welt und ihrer alltäglichen Herausforderungen. Das war u.a. durch die praktische Arbeit möglich, in der durch Collagetechnik Alltagsszenen mit den in den Museen erlebten Kunstwerken verbunden wurden. Das wichtigste Ziel erscheint mir nachträglich zu sein, dass durch die künstlerische Arbeit und ihre Aufwertung durch Vermittlung in der Öffentlichkeit (Presse und Ausstellungen) das Selbstwertgefühl der Projektteilnehmer gestärkt wurde, sowie der Respekt vor einer eigenständigen, nicht auf das "Geflüchtetsein" reduzierten Persönlichkeit, in den Vordergrund rückte.

Wie wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für beide Projekte gefunden und wer nahm teil?
Elisabeth Kamps, Projektleiterin "Landart": Durch die enge Zusammenarbeit der Bündnispartner wie der Internationale Bund und das Deutsche Rote Kreuz war es möglich, die Zielgruppe direkt anzusprechen. Der Internationale Bund in Sinsheim betreut junge Geflüchtete zwischen 14 und 28 Jahren und berät sie zu Fragen der Ausbildung, der Schulwahl etc. und stellte den Kontakt zu den Vorbereitungsklassen her, in denen die Geflüchteten zunächst hauptsächlich deutsch lernen. Das DRK in Sinsheim betreute in Sinsheim eine der großen Erstunterkünfte und stellte den Kontakt zu jungen Geflüchteten her und bot mit einer offenen Kontaktwerkstatt einen festen Treffpunkt der Gruppe. Die Teilnehmergruppe war sehr gemischt, insgesamt nahmen drei Frauen und zehn Männer zwischen 17 (wurden im Laufe der Projekte 18) und 24 Jahren teil. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus Somalia, Gambia, Togo, Irak, Syrien, Palästina, Rumänien und Bulgarien.

Hartmuth Schweizer, Projektleiter "Kunst und Alltag": Durch die Vermittlung einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin, Monika Peters-Schweizer, im AK-Asyl in Walldorf, die auch als Projektbegleiterin tätig war und durch engagierte Teilnahme eines syrischen Flüchtlings, Fayez Murad, der auch als Übersetzer mitarbeitete, konnten Geflüchtete junge Männer aus dem Irak und aus Syrien für das Projekt begeistert werden.

Könnten Sie bitte kurz skizzieren, wie Sie in den beiden Projekten inhaltlich-methodisch vorgegangen sind? Wie verlief die Umsetzung?
Elisabeth Kamps, Projektleiterin "Landart": Die Landartprojekte fanden an insgesamt acht Projekttagen statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mussten sich zuvor anmelden. Acht Personen konnten pro Projekt teilnehmen. Wir trafen uns immer in der Kontaktwerkstatt des DRK in Sinsheim. Dort holte ein Großraumtaxi die Gruppe ab und fuhr sie direkt an Ort und Stelle, wo das Projekt stattfand. Sämtliche erforderlichen Materialien hatte ich natürlich zuvor schon dorthin gebracht, damit wir direkt anfangen konnten. Die Gruppe lief zunächst die Umgebung und die Fläche ab, auf der wir arbeiten konnten. Danach wurden einige Versuche mit dem bereitgestellten Material unternommen und anschließend gemeinsam eine Idee umgesetzt. Es entstand nicht immer eine Gruppenarbeit, einige Projekte waren auch für viele Einzelwerke konzipiert. Die fertigen Arbeiten sowie der Entstehungsprozess wurden fotografisch dokumentiert und festgehalten. Die Teilnehmehmenden hatten immer ca. 5 Stunden Zeit zu arbeiten. Natürlich wurden Pausen gemacht um sich auszutauschen, gemeinsam zu betrachten und beratschlagen. In den Pausen wurde gegessen, manchmal auch ein Lagerfeuer gemacht und gegrillt. Am Ende des Projekttages wurden alle wieder nach Sinsheim gebracht.

Hartmuth Schweizer, Projektleiter "Kunst und Alltag": Einstieg und Vorausstzung für die praktische Arbeit war der Besuch der Museen in Karlsruhe (Staatliche Kunsthalle, ZKM) in Frankfurt (Städel) und Stuttgart (Kunstmuseum). Sie lieferten mit ihren Kunstwerken aus den unterschiedlichsten Epochen einen Teil des Materials für die Collagearbeit. Den zweiten Teil des Projektes bildete eine Fotosammlung, in der die Teilnehmer ihre persönliche Umwelt und die der jeweiligen Städte, die wir besuchten, dokumentierten. Das Material lag schließlich in Fotokopien vor und wurde für die Collagen auseinandergenommen und in neuen Sinnzusammenhängen wieder zusammengefügt. Diese Methode ermöglichte die schon erwähnte reflektierende Auseinandersetzung mit Kunst und Alltagsrealität.

Vom 25. Bis 29. Oktober 2017 wurde die Ergebnisse beider Projekte im Forum für Kunst in Heidelberg ausgestellt: Wie waren die Reaktionen sowohl der Projektbeteiligten als auch der Gäste?
Michael Rosler, Geschäftsführer des Heidelberger Forum für Kunst: Die Ausstellung wurde in der Presse angekündigt und über den regulären Postverteiler der Galerie beworben. Zur Vernissage kamen etwa 50 Besucher, in den nächsten 4 Tagen noch einmal deutlich mehr als 100. Die Reaktionen auf die Ergebnisse der beiden Projekte waren überwiegend sehr positiv. Besonders bemerkenswert war, dass einige der Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer beim Aufbau der Präsentation mithalfen und auch bei der Vernissage anwesend waren, obwohl sie nicht mehr in der Nähe wohnen. Schön war auch, dass die Sprachmittler, teilweise mit Familie, und die ehrenamtlichen Helferinnen und Herfer anwesend waren. Sehr gut  war ebenfalls, dass Sigrid Zweygart-Pérez, die als Pfarrerin seit Jahren in der Betreuung von Flüchtlingen tätig ist, zur Einführung sprach und bei der Einordnung der Projekte helfen konnte durch ihre Erfahrungen und Beobachtungen. Gut angekommen sind auch die beiden Broschüren, die als Dokumentation der Projekte in kleiner Auflage gedruckt wurden.

Vielen Dank für Ihre Antworten!

Weitere Informationen

www.heidelberger-forum-fuer-kunst.de/archiv17.html#fluechtlingsprojekt

www.heidelberger-forum-fuer-kunst.de

Förderung "MIT KUNST" foerderung.buendnisse-fuer-bildung.de/massnahmebeschreibung/117/

Bundesverband Bildender Künstler und Künstlerinnen - www.bbk-bundesverband.de

kultur-bildet.de/artikel/kurz-nachgefragt-beim-bundesverband-bildender-kuenstlerinnen-und-kuenstler-bbk

Projektgruppe "Kunst und Alltag" im Kunstmuseum Stuttgart, (c) Foto:  Hartmuth Schweizer
Projektgruppe "Kunst und Alltag" im Kunstmuseum Stuttgart, (c) Foto: Hartmuth Schweizer
Kategorie: 
Allgemeine News
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Region: Baden-Württemberg | Sparte: Bildende Kunst | Thema: Erwachsenenbildung | Textsorte: Projekt der Woche |