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Projekt der Woche #202: Moabees – Ein PilotInnenprojekt in Berlin-Moabit

29.01.2018
Ausstellungsprojektion zu „Kunst und Fliegen“ im ZK/U Berlin – Flugpionier Otto Lilienthal über einem vergrößerten Bienenflügel, Fotografin: Katja Marie Voigt
Ausstellungsprojektion zu „Kunst und Fliegen“ im ZK/U Berlin – Flugpionier Otto Lilienthal über einem vergrößerten Bienenflügel, Fotografin: Katja Marie Voigt

Im Bienen-Kunstprojekt Moabees – ein PilotInnenprojekt erarbeiten Kinder gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern neue Perspektiven auf Honigbienen in der Stadt und ihre Produkte Honig – Wachs – und Blütenstaub. Das PilotInnen-Projekt Moabees wird geleitet von der KünstlerInnen- und ImkerInnengruppe Moabees: Elisa Dierson, Bärbel Rothhaar und Katja Marie Voigt.
Moabees führt seit 2013 Praktiken aus dem Feld des Imkerhandwerks, der Kulinarik, der Architektur, der Phantasie und des spielerischen Forschens in Kunstprozessen zusammen. Am Zentrum für Kunst und Urbanistik – dem ZK/U in Berlin-Moabit – richteten die KünstlerInnen einen urbanen Bienenstand als Headquarter ein. Im angrenzenden Garten finden Kunstworkshops mit Bienen und Kindern statt.
Beim Mitimkern zoomt man in die Bienenvölker hinein und ist ihnen hautnah. Erfahrungen, die Kinder bei Begegnungen mit Bienen, bei Honigtastings oder im Umgang mit Imkerwerkzeug machen, führen zu Forschungsfragen, spielerischen Experimenten, Recherchen und Kunstproduktionen.
Das Programm „Künste öffnen Welten” fördert Moabees seit Herbst 2013 und die Projektleiterinnen hoffen, dass ihre bisher sehr erfolgreiche Kooperationspraxis den Moabiter Kindern auch noch in einer weiteren Förderrunde zugute kommt.

Das Leitungsteam Elisa Dierson, Bärbel Rothhaar und Katja Marie Voigt wurde von „Kultur bildet.“-Redakteurin Ulrike Plüschke befragt.


Ulrike Plüschke: Wie ist die Idee für das Projekt Moabees entstanden und welche Vermittlungsziele verfolgen Sie damit?

Bärbel Rothhaar: 2013 lernten wir uns über unser gemeinsames Interesse an Bienen und an Kunst kennen. Ich selbst hatte bereits viele Jahre künstlerisch mit Bienen zu tun. Katja Marie Voigt als Architektin und Künstlerin und Elisa Dierson als Kulturwissenschaftlerin und Gestalterin hatten mit „Bienenbewegung“ bereits ein sehr erfolgreiches Vermittlungsprojekt zum Thema Bienen durchgeführt. Zu dritt haben wir dann „Moabees“ entwickelt. Das Projekt sollte genau an den Schnittstellen von Imkerei, Kunstpraxis, Stadtforschung und Naturwissenschaft verortet werden. Bienen bilden eine ideale Brücke zwischen all diesen Bereichen und sind zudem anschaulich und zugänglich - auch für Kinder aus unterschiedlichen Kulturen. Wir nähern uns dem Metier häufig durch die künstlerische Praxis, durch Geschichten oder Spiele. Aber auch die reale Begegnung mit dem lebenden Insekt ist uns wichtig. Es erstaunt uns immer wieder, wie naturfern Kinder heute aufwachsen, selbst in einer doch relativ grünen Stadt wie Berlin. Speziell das Verhältnis zu Insekten ist häufig angstbesetzt. Diese Ängste abzubauen und ein entspannteres und positives Verhältnis zur Natur aufzubauen, ist uns ein großes Anliegen. Es zeigt sich immer wieder, dass damit auch andere Fertigkeiten und Wissensgebiete mit erschlossen werden, fast nebenbei und ohne den Druck, etwas leisten zu müssen.


Bei einem Projekt wie diesem sind die räumlichen Gegebenheiten - wie z.B. langfristig gesicherte Standorte der Bienenvölker - sehr wichtig. Mit welchen Partnerinnen und Partnern kooperieren Sie in diesem Bündnisprojekt, das ja bereits seit 2013 im Rahmen von „Künste öffnen Welten“ durch die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung gefördert wird?

Katja Marie Voigt: Unsere Bündnispartner sind auf dem gesamten Gebiet von Moabit, knapp 8 km², verteilt. Unser Hauptpartner und Träger des Projekts ist das ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik Berlin. Auf einem alten Schiffscontainer vor dem Kunst- und Kulturzentrum in Moabit befindet sich das Moabees-Headquarter mit unseren Bienenvölkern. Dort führen wir die Kinder immer wieder behutsam an die lebenden Bienen heran. Das ZK/U bietet uns eine gute öffentliche Plattform. Bei ihren Formaten wie Speisekino und Gütermarkt können wir uns einer sehr breiten Öffentlichkeit präsentieren und bekommen immer wieder neue Kontakte und Impulse von Künstler*innen, ebenso wie hier ansässigen Familien.
Neben dem ZK/U ist, der Moabiter Ratschlag e. V., für uns ein wichtiger sozialräumlicher Partner. Als Stadtteilverein betreibt er den Schulgarten Moabit, wo unsere großen Sommerworkshops stattfinden, sowie den Ottospielplatz, eine tolle Kinderbibliothek, Mädchenzentren und vieles mehr. Seit einiger Zeit ist auch der Naturwissenschaftliche und kulturelle Bildungsverbund Moabit als verlässlicher Partner dazu gekommen. Er leistet wertvolle Netzwerkarbeit für uns und organisierte mit uns z.B. letztes Jahr die Fortbildung „Bienen Kunst“ für Künstler*innen und Pädagog*innen und andere Interessierte.


Wie sieht die konkrete Umsetzung von Moabees aus, d.h. welche „Vermittlungsformate“ haben sich seit 2013 etabliert und wie werden diese von den adressierten Kindern und Jugendlichen, aber auch von den Familien der Kinder angenommen?

Elisa Dierson: Im Laufe der 5 Jahre Moabees haben sich unsere Methoden geschärft und wir haben in unserer Praxis immer wieder neue Themen im Kontext der Biene erschlossen. – „Von der Biene zur Kunst und von der Kunst zur Biene.“, war unser Slogan 2013. Er hat sich gewandelt zu: „Von der Biene zur Kunst und von der Kunst zu phantastischen, naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bienen-Phänomenen“. Besonders die Sommerworkshops im Schulgarten bieten uns die Möglichkeit, Themen und Phänomene wie das Fliegen, Insektenkunde und Insektenangst oder den Superorganisamus Bienenstaat intensiv mit künstlerischen Methoden zu erschließen und zu untersuchen.
Im vergangenen Sommer war es beispielsweise das Fliegen. Die Geschichte des Dädalus und Ikarus bildete den Einstieg in den Menschheitstraum vom Fliegen, den die Kinder sehr schnell mit ganz individuellen Ausdrucksformen interpretiert haben – von einer zwei Meter großen Insektenflügelskulptur bis hin zu Flugversuchen mit selbstgebauten überdimensionierten Papierfliegern! Der 8000 m2 große Garten ist ein ideales Gelände für diese forschende Kunstpraxis. Im Workshop „Blütenstaub und Sternenhimmel“ haben wir „Pollenlandkarten“ des Schulgartens erstellt, Pollen unter dem Mikroskop fotografiert und sie dann im Großformat nachgebaut. Die Mikroskopbilder sahen den Teleskopansichten von Planeten sehr ähnlich. Am letzten Abend haben wir in Zelten übernachtet, um gemeinsam mit einem Sternenexperten den Mikrokosmos mit dem Makrokosmos zu vergleichen und Sternbilder am Himmel zu finden und zu erfinden. So entstand eine Sternenkarte mit dem Sternbild der Moabiene.
Ernährung und sinnliche Genüsse im Garten sind Schwerpunkte von kulinarischen Kunst-Workshops, bei denen z.B. an experimentellen Kochbüchern gearbeitet wird. So entstand auch eine von den Kindern selbst illustrierte und layoutete Publikation, das „Wildkräuter- und Honigkochbuch“. Am ZK/U veranstalteten wir dafür extra einen großen Booklaunch. Die Kinder waren stolz, dass ihre Arbeiten so groß präsentiert wurden! Seitdem gibt es dort jährlich im Sommer eine große Moabees-Ausstellung mit Filmprogramm und Menü – das „Honigkino“ - zu dem wir die Familien und Nachbarn der Kinder einladen.


Das Thema Bildung für Nachhaltige Entwicklung und das Zusammenspielen von Umwelt- und Kultureller Bildung haben große Aktualität - wie sehen die Zukunftspläne für das Projekt aus?

Bärbel Rothhaar: Wir planen, vor allem die außerschulischen Aktivitäten im Schulgarten Moabit auszubauen. Inzwischen arbeiten auch zunehmend geflüchtete Ehrenamtliche in unserem Projekt mit. Die gesellschaftliche und ökologische Thematik wird in den kommenden Jahren vermutlich im Vordergrund stehen.
Eine politische Dimension erschließt sich über die Beschäftigung mit dem Bienenstaat. Er wird schon seit der Antike von Theoretikern als Vorbild für jede denkbare Staats- und Gesellschaftsform genutzt. Nach heutigen Erkenntnissen ist der Bienenstaat demokratisch organisiert und der Begriff der „Honeybee Democracy“ führt uns zur Frage, wie wir als Menschen zusammenleben wollen.
Neben den sozialen und politischen Fragestellungen legt die Arbeit mit Bienen auch die Beschäftigung mit der Ökologie nahe. Die Kinder werden zusammen mit uns den Lebensraum erforschen, den wir Menschen mit Tieren und Pflanzen in enger Symbiose bewohnen. Wir werden künstlerische Interventionen initiieren, die auf den Stadtraum und seine Bewohner zurückwirken.
Langfristig haben wir die Vision, am ZK/U ein „internationales Zentrum für Kunst, Bienen und Urbanistik“ (ZK/BU) aufzubauen. Damit möchten wir Bienen-Kunst und die kulturelle Bildung mit Bienen institutionalisieren, unsere Methoden weiter schärfen und sie an Pädagog*innen und Künstler*innen weitergeben. Unter anderem wünschen wir uns die Einrichtung einer temporären Künstlerresidenz für Künstler*innen, die sich auch mit Bienen beschäftigen, um das Projekt auf eine noch breitere Basis stellen zu können.

Vielen Dank!

 
Weitere Informationen

Kunstprojekt Moabienen & Moabees

Projekt-Broschüre als PDF-Download

ZK / U - Center for Art and Urbanistics

"Künste öffnen Welten”

Moabiter Ratschlag e.V.

Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Die TeilnehmerInnen sind in den Winterferien im Bienenwellnessurlaub, Fotografin: Katja Marie Voigt
Die TeilnehmerInnen sind in den Winterferien im Bienenwellnessurlaub, Fotografin: Katja Marie Voigt
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Berlin | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |