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Projekt der Woche #205: Tanzkomplizen

19.02.2018
Meyer Originals

Die Künstlerinnen und Künstler des Choreograf*innen-Netzwerks Barnes Crossing - Freiraum für TanzPerformanceKunst im Kunstzentrum Wachsfabrik in Köln-Rodenkirchen führten bereits seit 2015 die Reihe Tanzkomplizen durch. Gemeinsam mit verschiedensten Bündnispartnern realisieren sie Tanzkomplizen als Stadtteilprojekt im Rahmen der Förderung durch „ChanceTanz“, dem Programm des Bundesverbands Tanz in Schulen e.V. im Rahmen von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“. Eine vielseitige Broschüre mit dem Titel „Tanzkomplizen p/arti/zipiert!“ zeigt die Vielschichtigkeit der Tanzkomplizen-Reihe verdeutlicht den partizipativen Ansatz: „Tanzkomplizen konzentriert sich auf das Besondere des Live-Erlebnisses: Das unmittelbare Teilnehmen und -haben am Tanzereignis für Performer und Zuschauende gleichermaßen – egal ob auf einer klassischen Bühne oder im Alltagsgeschehen an öffentlich zugänglichen Orten.“
Die Tanzkünstlerin Sonia Franken und Projektleiter Kristóf Szabó wurden von „Kultur bildet.“-Redakteurin Ulrike Plüschke befragt.

Würden Sie bitte zunächst Barnes Crossing vorstellen.

-Barnes Crossing ist ein selbstverwaltetes Netzwerk für TanzPerformanceKunst auf dem unverwechselbaren Gelände der Wachsfabrik in Köln-Rodenkirchen. Barnes Crossing ist Veranstaltungsort, Probenraum, Kommunikationsplattform, Produktionsstätte, Fortbildungsforum, Verein, Netzwerkträger und Nachwuchsförderstelle. Mit 15 Tanzschaffenden vertritt Barnes Crossing ein großes Spektrum des zeitgenössischen Tanzes und einen bedeutenden Teil der Kölner Tanzszene.

-Kunstschaffende erhalten Stärkung, können produzieren, aufführen und sich beheimaten. Das Zusammenwirken erlaubt ständige lokale Präsenz von zeitgenössischem Tanz und ermöglicht damit gleichzeitig international und lokal zu arbeiten. Barnes Crossing schafft durch Rückhalt und Unabhängigkeit Freiräume in denen innovative Experimente gewagt und ausgearbeitet werden können. Mit unserer Arbeits- und Herangehensweise, nicht zuletzt in unseren Projekten für und mit Kindern und Jugendlichen, zielen wir auf Partizipation und das Erleben und Ausweiten des eigenen Aktions- und Spielraums. Unser beim Publikum und Fachwelt beliebtes Internationales Tanzfestival Solo Duo NRW + Friends zeigt seit 2009  jährlich ein Programm von 24 short-cut-Choreografien aus Europa und Übersee unter dem Motto Diversität des zeitgenössischen Tanzes.

Wie ist die Idee für „Tanzkomplizen“ entstanden und welche Ziele verfolgen Sie mit der seit 2015 insgesamt viermal aufgelegten Projekt-Reihe?

-Die Idee zu Tanzkomplizen geht auf das Projekt URBAr macheN aus der ersten Jahreshälfte 2015 zurück. Es wurde von Gitta Roser und Julia Rierakünstlerisch geleitet und in das Projekt Tanzkomplizen überführt, welches Kristóf Szabó als künstlerischer Leiter im Winter 2015 übernahm. Die zentrale Idee von URBAr macheN und Tanzkomplizen I-IV war die Auseinandersetzung mit dem urbanen Lebensraum mit den Mitteln des Tanzes mit dem Schwerpunkt Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen.

-Die einzelnen Projekte gingen stets eine Kooperation untereinander ein, desweiteren mit je einer schulischen Einrichtung oder einem Jugendzentrum mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche aus bildungsbenachteiligten Familien an den Tanz als ein Medium heranzuführen. Kurz gesagt, sollten die Teilnehmenden die Erfahrung machen, Tanz könnte als ein Mittel der Kommunikation über die eigene Lebensrealität genutzt werden. Die Diversität der konzeptuell erwarteten und verwirklichten Projekt-Ergebnisse zeigte auf, dass der zeitgenössische Tanz viele Seiten hat, auch mit anderen Medien kann und in seiner Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit die Gesellschaft adäquat widerspiegelt. Die Zielsetzung war, die einzelnen Projekte entsprechend nicht zu Homogenisieren, sondern ihre Verschiedenheit zu wahren und die Begegnung von Verschiedenem im urbanen Raum im Rahmen eines gemeinsamen Parcours-Programms zu organisieren und als öffentliche Veranstaltung zu präsentieren.

Wer nahm bisher am Projekt teil und welche Projektformate oder -module haben sich seit 2015 entwickelt?

-Die Teilnehmer*innen von Tanzkomplizen waren hauptsächlich Kinder und Jugendliche aus bildungsbenachteiligten Familien, denen meist die Chance verwehrt bleibt, an künstlerischen Bildungsprojekten teilzunehmen. Im Rahmen von 4 Tanzkomplizen-Projekten erarbeiteten Künstler*innen des Netzwerks Barnes Crossing mit Gruppen von jeweils 10-30 Teilnehmer*innen im Alter von 6 bis 18 Jahren insgesamt 16 Projektformate. Chrakteristisch war das Experimentieren mit anderen Medien, so z.B. mit  Artistik, Videoarbeit, Klang-Experimenten, Literatur.  Die Projektbeiträge wurden jedes Mal (Tanzkomplizen I, II, III, IV) gemeinsam einer Öffentlichkeit präsentiert - und in diesem Rahmen zu einem begehbaren Performance-Parcours im urbanen Raum miteinander verzahnt. Die Diversität der Beiträge wirkte jedes Mal sehr bereichernd auf alle, auf die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen, auf das Publikum, und genauso auf die Projektleitung und die beteiligten Tanzkünstler*innen. Sie inspirierte zu neuen Crossover-Formaten, zu Begegnungen, Parallleitäten, Dialogen, allgemein gesagt zu einem inspirierten Austausch. Die Resonanz aller Beteiligten war entsprechend positiv und die Bündnisse (Kooperationen mit Grundschulen, Schulen, Veranstaltungsort) wurden über mehrere Projekte erfolgreich fortgesetzt.Der partizipative Charakter spielt bei „Tanzkomplizen“ eine wichtige Rolle: wie setzen Sie diesen um und wie sind die Rückmeldungen seitens der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und auch des Publikums?

-Allen unseren Projekten war die Arbeitsmethode der Improvisation gemeinsam. Uns allen, der Projektleitung und den Dozentinnen und Dozenten der Kurse, lag viel daran, die Kinder und Jugendlichen kennenzulernen, sie dazu zu ermutigen, ihre persönliche Bewegungssprache zu entdecken und mit einzubringen in die künstlerische Arbeit. Frontalunterricht gab es in den seltensten und in Ausnahmefällen und auch dann nur für einzelne Motive einer längeren Choreographie. Stets haben wir auf den Dialog gebaut. Die Grundhaltung ist dabei das Wichtigste, bereit zu sein, von den Teilnehmer*innen zu lernen, offen zu sein für ihre Welten und für ihre Konflikte. So kamen wir zu gemeinsam entwickelten Formsprachen und inhaltlichen Auseinandersetzungen. Man mag befürchten, auf diese Art ließe sich kein Lernstoff vermitteln, unsere Auffassung ist, es gibt keinen Lernstoff, der zu vermitteln wäre. Die Welt muss, - oder kann, was viel besser ausdrückt, was unsere Haltung ist, jedes Mal aufs Neue entdeckt werden. Und da die Welt so ist wie sie ist, wird es Fragen, Konflikte, Formen und Inhalte geben. Diese reflektieren den Alltag der Teilnehmer*innen in einer gemeinsam gewachsenen Sprache, und vielleicht ist dieser Weg zu der gemeinsamen Sprache der Lerninhalt, der am meisten zählt. Wir sind jedenfalls davon überzeugt, dass der Weg stimmen muss, sonst ist das Ergebnis nichts wert. Die Kinder und Jugendlichen waren immer sehr dankbar dafür, dass von unserer Seite wahres Interesse daran gezeigt wurde, wie sie sind und wie sie denken und fühlen. Als ob sie aus der Schlinge der Verwertungsmaschine einen Fuß, einen Arm, den Kopf frei bekommen hätten für die Dauer einer Unterrichtseinheit, blühten sie auf. Die freien Energien beflügelten alle und es entstanden in einem sehr kreativen Prozess kleine Stücke, die bezaubernd waren und das Publikum mitrissen. Im Ansatz nicht Ergebnis,  sondern Prozess-orientiert, stimmten die Ergebnisse unserer Projekte immer und kamen bestens an beim spontan versammelten und eingeladenem Publikum. 

Welche Zukunftspläne haben Sie für Tanzkomplizen?

Das Barnes-Crossing-Team  hat Tanzkomplizen gern mitgestaltet und wird auch in Zukunft Projekte dieser Art entwickeln und umsetzen. Derzeit sind wir im Gespräch über Formate, die unsere Grundsätze fortsetzen und weiteres Experimentieren ermöglichen. Unsere Kooperationspartner signalisierten uns bereits, dass sie an der Weiterführung der Zusammenarbeit interessiert sind. Uns beschäftigt vor allem die Frage, wie unsere Projektergebnisse noch besser sichtbar gemacht werden können - vielleicht auch in einer partizipativen Form. 

Vielen Dank!


Weitere Informationen

Barnes-Crossing
Tanzkomplizen-Broschüre als PDF

tanz in Schulen+
Bündnisse für Bildung
Solo-Duo. Festival
Link zur Seite von Kristóf Szabó

 

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Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Nordrhein-Westfalen | Sparte: Tanz | Textsorte: Projekt der Woche |