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Projekt der Woche #207: „my game, my home“

05.03.2018
Sulamith Sallmann

„my game, my home“ ist ein Projekt der Lichtburg Stiftung durchgeführt im AWO Refugium im Park Center Herzberge  / Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber mit den beteiligten Lernwerkstätten „Lernwerkstatt Literatur“, „Lernwerkstatt Museum“ und „Medienwerkstatt „junge Lichtburg“ / Studio Shiro“. In diesem multimedialen Projekt wurde auf verschiedene Weise mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Die Leiterin der Lernwerkstatt Museum, Sofia Orfila, stellte mit den Kindern Kunstobjekte her. Enkidu Leyendecker vom Studio Shiro arbeitete an der Musik- und Videoproduktion. Tuncay Gary von der Literaturwerkstatt schrieb mit den Beteiligten Texte und die Fotografin Sulamith Sallmann von der Medienwerkstatt fotografierte die Arbeit der einzelnen Akteure und dokumentierte das Projekt.

Ulrike Plüschke: Herr Yer, würden Sie bitte eingangs die Lichtburg Stiftung vorstellen, die Träger des Projekts ist und auch die ideelle und organisatorische Verantwortung für die Lernwerkstätten hat. Der Name geht ja auf das historische Großkino „Lichtburg“ zurück, das Teil der vom „Deutschen Werkbund“ 1927 preisgekrönten Wohnanlage „Gartenstadt Atlantic“ im Berliner Stadtteil Wedding Ortsteil Gesundbrunnen ist.
Der Name Lichtburg-Stiftung erinnert an das Großkino gleichen Namens. Es wurde 1929 eröffnet, überstand den Krieg, aber nicht die Abrissbirne des Westberliner Senats. Es gehörte zur Gartenstadt Atlantic und bot damals am eher eher proletarischem und kleinbürgerlichen Gesundbrunnen Hoch- und Volkskultur zu für alle bezahlbaren Preisen. Es verband also Kultur- mit Sozial- und Integrationspolitik. An diese Ziele knüpfen wir, den heutigen Rahmenbedingungen angepasst, an. Nicht mehr Kino, sondern Lernwerkstätten für Kinder und Jugendliche. Wir erreichen pro Jahr dabei ca. 50.000. wir bieten Lernwerkstätten für Physik, Musik, Kunst, Natur, Literatur, Theater, Philosophie und bald auch internationales Kochen.

Enkidu, Worum geht es im Projekt „my game, my home“ und wer nimmt/nahm daran teil?
Im Projekt “my game, my home” ging es inhaltlich um den schwierigen Begriff Heimat und wie er von den Geflüchteten, die in der Fremde eine neue / temporäre Heimat finden sollen / müssen / dürfen rezipiert und interpretiert wird. Diese Rezeption und Interpretation eines speziell für Deutschland so schwierigen Begriffs haben wir dann versucht künstlerisch mit den geflüchteten Kids umzusetzen. Daran teilgenommen haben ca 25 Kinder und Jugendliche  von 4 bis 18 Jahren. Das Projekt erstreckte sich über einen Zeitraum von 3 Wochen wobei wir konkret an 3 Nachmittagen mit den Kids gearbeitet haben und in der Zwischenzeit die Materialien auf- und verarbeitet haben. Als Ansatzpunkt bzw. Einstieg haben wir das Thema Sport (speziell Fußball genommen), was uns erst einmal geholfen hat, die Sprachbarriere zu überwinden, allerdings im Verlauf des Projekts immer mehr an Bedeutung verlor zugunsten der Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat.

Wie waren die Rückmeldungen der Beteiligten?
Die Rückmeldung der Kids und Eltern war teilweise herzzerreißend. Nach einer kurzen Phase des Misstrauens wurden wir mit offenen Armen empfangen und sofort voll integriert. Einige Kids “lauerten”, im positiven Sinne, beim zweiten Termin bereits im Hof und umarmten uns bei der Ankunft… ich denke es hat ihnen sehr gefallen. Da gibt es teilweise sehr begabte Kinder und Jugendliche, deren Lebensrealität sich so lange um das Thema Überleben, Durchkommen etc. gedreht hat und die richtig hungrig danach waren, ihre Erlebnisse kreativ zu verarbeiten. Das ist es ja, was Kunst und Kreativität vor allem leisten können: eine Möglichkeit, Erlebnisse zu verarbeiten und zu integrieren. Dazu hatten die Akteure bislang kaum Gelegenheit. Bei der Präsentation gab es dann schon auch schmerzliche Momente: ein Mädchen, welches in meinem Clip sehr aktiv gewesen war, wurde kurz vor der Präsentation um 6 Uhr morgens inkl.  Familie von der Polizei abgeholt und abgeschoben. Andere Kids waren traurig und enttäuscht, dass wir nur so kurze Zeit mit ihnen gearbeitet haben, von deren Seite aus hätte das Projekt noch sehr viel länger weitergehen können. Das war schon hart für mich, für uns. Aber ich denke, es war besser als nichts zu tun und wir sind (als Lernwerkstätten) deshalb auch bestrebt, das Projekt zu wiederholen bzw. es auszudehnen.
An uns soll es nicht liegen...

Welche Rolle spielen die Lernwerkstätten und für die Bewohnerinnen und Bewohner der Gartenstadt Atlantic - auch über das eben beschriebene Projekt „my game, my home“ hinaus?
Der Mikrokosmos Gartenstadt Atlantic hat sehr viel für die Entwicklungs des Ortsteils Gesundbrunnen und darüber hinaus geleistet. Ich lebe nun seit 21 Jahren in diesem Kiez und ich kann aus eigener Erfahrung sagen: es hat sich viel verändert und vieles zum Besseren. Es zahlt sich eben doch aus, anspruchsvolle Arbeit zu machen und hochwertige Angebote bereitzustellen. Eine reine Verwaltung von Kindern und Jugendlichen, so wie sie oft in anderen Einrichtungen stattfindet, reicht eben nicht aus; diese kleinen, aber feinen Gehirne wollen beansprucht werden, sie sind zu so viel mehr in der Lage. Als halber Franzose bin ich da ein echter Anhänger des Gedankens der Republik: hochwertige und säkulare Bildungsangebote für die Jugend, das ist das einzige was helfen kann sozio-ökonomische bzw. kulturelle Grenzen aufzulösen bzw. bedeutungslos werden zu lassen - wohlgemerkt nicht Unterschiede. Unterschiede sind gut, sie fördern die gesellschaftliche Dynamik. Aber Grenzen sollte es in dieser Hinsicht nicht geben. Und da macht die Lichtburg Stiftung enorm viel, um diese Grenzen zumindest durchlässig zu machen. Die Gartenstadt Atlantic ist hierfür ein Symbol und auch ein Keim des Wachstums.


Weitere Informationen
Gartenstadt Atlantic AG
Lichtburg-Stiftung
junge lichtburg
Tuncay Gary
Lernwerkstatt Museum
Sulamith Sallmann



Sulamith Sallmann
Kategorie: 
Allgemeine News
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Region: Berlin | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |