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Ralf Niermann und Rainer Riemenschneider: "LandArt" im Mühlenkreis Minden-Lübbecke - Kultur und Lebensqualität im ländlichen Raum

16.01.2018

Blick in das Archiv von "Politik & Kultur" 

In unserer Rubrik "News Dialogforum" finden Sie seit Anfang Januar eine Reihe von Beiträgen und Interviews, die das Thema "Kulturelle Bildung im ländlichen Raum" unseres 11. Dialogforums vom 30. November 2017 aufgreifen. Im Sinne eines Blicks in das Archiv der Zeitung des Deutschen Kulturrates "Politik & Kultur" beleuchtet diese Beitragsreihe Kultur und kulturelle Bildung im ländlichen Raum aus unterschiedlichen Perspektiven.

Im nachfolgenden Beitrag, das erstmals in der Ausgabe 1/2017 (Jan./Feb. 2017) von "Politik & Kultur" abgedruckt wurde, stellen Ralf Niermann und Rainer Riemenschneider Kultur und Lebensqualität im ländlichen Raum am Beispiel der "LandArt-Route" und des "LandArt-Festivals" im Landkreis Minden-Lübecke vor. Dr. Ralf Niermann ist Landrat des Kreises Minden-Lübbecke. Rainer Riemenschneider arbeitet für das Amt für Wirtschaftsförderung und Kreisentwicklung des Kreises Minden-Lübbecke. In der PDF-Version der Ausgabe 1/2017 von "Politik & Kultur" finden Sie den Beitrag auf S. 9. 

»LandArt« im Mühlenkreis Minden-Lübbecke
Kultur und Lebensqualität im ländlichen Raum
von Ralf Niermann und Rainer Riemenschneider
 
D er Kreis Minden-Lübbecke hat ca. 313.000 Einwohner und liegt im Nordosten Nordrhein-Westfalens. Der Südosten des Kreisgebietes mit den Städten Minden, Bad Oeynhausen und Porta Westfalica grenzt an den ostwestfälischen Ballungsraum und ist eher städtisch geprägt. Der Norden und Westen des Kreises sind dagegen sehr ländlich geprägt. Diese Siedlungsstruktur hat auch Auswirkungen auf das Kulturangebot des Kreises. In Minden und Bad Oeynhausen gibt es attraktive Kulturangebote, z. B. das Stadt-Theater Minden und das GOP Varieté-Theater im Kaiserpalais Bad Oeynhausen, die auch von den Menschen des Umlandes genutzt werden. Darüber hinaus sind die Kulturangebote der näheren Umgebung in Bielefeld, Osnabrück, Bremen und Hannover gut erreichbar.

Aber welche kulturellen Angebote gibt es im ländlichen Bereich? Lokale Kulturzentren, die Stadthalle Lübbecke, Theatergruppen, das Neue Theater Espelkamp, drei Freilichtbühnen, Musikschulen, Volkshochschulen sowie dörfliche Kulturgruppen sorgen für ein vielfältiges kulturelles Angebot. Diese interessanten Angebote allerdings waren vor der Etablierung des LandArt-Festivals nicht vernetzt und wurden häufig nur lokal wahrgenommen. Im Kreis Minden-Lübbecke leben und arbeiten viele Künstlerinnen und Künstler, Akteure des Kunsthandwerks und andere kreative Menschen, die vor dem LandArt-Festival ebenfalls eher lokal bekannt waren.

Diese Situation war im Jahr 1999 der Ausgangspunkt für eine Idee: Lasst uns diese Initiativen sowie Künstlerinnen und Künstler, diese "Kultur-Inseln" im ländlichen Raum, miteinander vernetzen und zusammenführen. Die Idee der "LandArt-Route" mit über 70 Kultur-Stationen war geboren. Die Fahrradroute mit auffallendem Logo wurde im Sommer 1999 eingeführt. Bereits bei der Einweihung waren sich die Beteiligten einig, dass diese gute Vernetzung weiterentwickelt werden müsste. Es entstand die Idee eines Festivals, das durch die beteiligten Kulturakteure der Region gestaltet werden sollte. Bereits im Sommer 2000 fand das erste LandArt-Festival im Kreis Minden-Lübbecke mit über 150 Einzelveranstaltungen und vielen tausend Gästen und Besuchern statt.

Das Grundkonzept des LandArt-Festivals ist einfach: Die beteiligten Akteure führen in einem gemeinsam vereinbarten Festival-Zeitraum organisatorisch und finanziell eigenständig Kultur-Events durch. Der Kreis Minden-Lübbecke sorgt für das Dachmarketing mittels der Webseite www.landart-muehlenkreis.de, des "LandArt-Magazin" als Programmheft, Flyern, Plakaten, Radiowerbung etc. sowie für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Gesamt-Festival. Dadurch wird eine stärkere Resonanz in den lokalen und überregionalen Medien erreicht. Dieses Konzept hat sich bewährt und wurde seit dem Jahr 2000 fortgeführt und weiterentwickelt. Die Festivals finden immer im zweijährigen Rhythmus statt. So gibt es jeweils eine große zentrale Veranstaltung, bei der alle Kulturakteure der Region eingebunden werden und die auch einen größeren Teilnehmerkreis anspricht. Dadurch, dass das Festival schon vor Beginn der Sommerferien startet, können auch Jugendensembles und schulische Kulturgruppen teilnehmen. Bewährt hat sich auch, zu den Festivals jeweils ein verbindendes Motto festzulegen, das die beteiligten Veranstalter für ihre Events aufgreifen können. Beim Festival 2015 lautete das Motto: "Wasser – Element, Elixier, Emotion". Inzwischen ist das LandArt-Festival fest in der kulturellen Landschaft der Region etabliert. 150 Einzelveranstaltungen pro Festival, jeweils viele tausend Gäste und Besucher aus der Region, aber auch weit darüber hinaus – das Konzept und das Format passen. Einige besondere Highlights der Festivals haben sich tief im Bewusstsein der Bevölkerung verankert wie z. B. das mit blauem Licht illuminierte Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica oder die Abschlussveranstaltung 2002 an dem wunderschönen spätbarocken Schloss Hüffe mit Händels Feuerwerksmusik und einem Höhenfeuerwerk bei traumhaftem Sommerwetter.

Kultur kann dem Trend des Schrumpfens der Dörfer entgegenwirken

Was bringt dieses Kulturangebot dem Kreis und der Region? Zunächst einmal hat das Festival zur Stärkung der Kulturszene im ländlichen Raum beigetragen. Durch das entstandene Netzwerk ergeben sich für die Künstlerinnen und Künstler vielfältige Kontakte. Für die hier lebenden Menschen trägt das Kulturangebot über die LandArt-Stationen wesentlich zur Lebensqualität und zum Freizeitwert bei. Für einen vom demografischen Wandel betroffenen Kreis ist ein attraktives Kulturangebot ein wichtiger Standortfaktor, um die hier lebenden Menschen sowie auch zukünftige Fachkräfte der größeren Unternehmen für die Region zu begeistern. Eine vielfältige und bunte Kulturszene trägt besonders im ländlichen Raum auch stark zum Selbstbewusstsein der Menschen bei. Gerade in den letzten Jahren hat die regionale Kulturszene starken Zulauf aus den Ballungszentren bekommen: Die traditionelle Buchdruck-Künstlerin aus Stuttgart, die einen Resthof am Oppenweher Moor erworben hat; der holländische Maler, der auf einem Resthof in Stemwede heimisch geworden ist oder der Schauspieler und Theaterregisseur aus Dortmund, der heute in einem Dorf in Petershagen wohnt. Diese Beispiele zeigen: Kultur kann dem Trend des Wachsens der Städte und des Schrumpfens der Dörfer etwas entgegensetzen.

Weitere Informationen

http://www.landart-muehlenkreis.de

Quelle: http://www.landart-muehlenkreis.de/landart-route/
Quelle: http://www.landart-muehlenkreis.de/landart-route/
Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Nordrhein-Westfalen | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Bericht |