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Über das Hören und die Stille: Interview mit Karl Karst

05.05.2013
Karl Karst. Foto: WDR

Sein Dialogforum Kulturelle Bildung I“ veranstaltete der Deutsche Kulturrat im Rahmen der Frankfurter Musikmesse – auf der Messebühne des ConBrio Verlags in Kooperation mit dem Kulturradio WDR 3 und Deutschlandradio. In einer der Diskussionsrunden ging es um die Frage der außerschulischen kulturellen Bildung. Mitten im akustischen „Dauerstress“ der Musikmesse trafen wir im Anschluss an das Podiumsgespräch einen der Teilnehmer, Karl Karst, den Vorsitzenden der Initiative Hören, zum Gespräch.

Herr Karst, worum geht es bei der Initiative Hören?

Karl Karst: Die „Initiative Stiftung Hören“ wurde 2001 im Funkhaus des WDR von rund 30 Bundes- und Landeseinrichtungen mit dem Ziel gegründet, langfristig eine "Stiftung Hören" als Pendant zur "Stiftung Lesen" ins Leben zu rufen. Heute ist die Initiative Hören die europaweit größte lobbyübergreifende Plattform für das Themenfeld Hören, von der kulturellen, musischen Fragestellung über die medizinischen Implikationen, die gesellschaftliche Relevanz – Straßenverkehr, Gerätindustrie, Gewährleistungsgesetze -  bis hin zur Medien- und Sinneserziehung für Kinder und Jugendliche sowie die Ausbildung entsprechender Medienpädagogen. Motiv der Gründung war die Zusammenführung der unterschiedlichen gesellschaftlichen Ansätze aus den Bereichen Kultur, Medizin und Medien zu einer gemeinsamen Interessensvertretung. Diese Gesamtvertretung des Themas Hören drückte sich in der Berufung der drei Gründungs-Botschafter aus: Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt für den Bereich der Medizin, WDR-Intendant Fritz Pleitgen für den Bereich der Medien und Prof. Dr. Max Fuchs, Präsident des Deutschen Kulturrats, für den Bereich der Kultur. Impulsgeber war seinerzeit eine Expertenrunde des Bundesministerium für Gesundheit, in die ich gemeinsam mit anderen Vertretern berufen war.

Wer ist Mitglied in der Initiative Hören?

Karst: In der Initiative Hören sind, überschlägig gesprochen, alle großen Verbände der Bundesrepublik Deutschland vertreten, die sich direkt oder indirekt mit dem Themenfeld des Hörens befassen, also im weitesten Sinne mit den Geräten, den Medien und den Instrumenten bzw. Organen der Produktion wie der Rezeption von Klang, Geräusch  und Musik, aber auch von Lärm. Zu den ordentlichen Mitgliedern gehören u.a.: Der Deutsche Kulturrat, der Deutsche Musikrat, der Deutsche Berufsverband der HNO-Ärzte, die Bundesinnung der Hörgeräteakustiker, die Deutsche Orchestervereinigung, der Verband Deutscher Schulmusiker, der Verband deutscher Musikschulen, die Deutsche Gesellschaft für Akustik und viele andere mehr, natürlich auch der WDR, der den Vorsitz des Verbandes wahrnimmt. Neben den ordentlichen Mitgliedern gibt es persönliche und fördernde Mitglieder, die sich lobbyübergreifend für den gesellschaftlich unterversorgten Bereich der akustischen Umwelt engagieren.

Zum Beispiel?

Karst: Ein persönliches Beispiel: Vor einigen Jahren kaufte ich einen neuen Kühlschrank ohne FCKW. Er war teurer als andere und ich war stolz auf mein umweltbewusstes Verhalten. In der Nacht nach der Erst-Inbetriebnahme wachte ich mehrfach auf und stellte fest, dass mein neuer Kühlschrank sehr häufig und sehr laut rotierte. Am nächsten Tag rief ich den Kundendienst an und verlangte den Austausch des Geräts. „Ja, hat´s einen Fehler?“ hieß es am anderen Ende. Na klar, sagte ich, der Kühlschrank ist eindeutig zu laut. Nein, wiederholte mein Gesprächspartner: „Hat´s einen Fehler?“ Erst nach weiteren Rückfragen meinerseits wurde deutlich, dass der Herr am anderen Ende Lärm nicht als Schaden oder schädigend einzustufen bereit war. Das Gerät wäre aber ohne jede Diskussion sofort ersetzt worden, wenn es einen winzigen Kratzer unten links in der Ecke gehabt hätte, der weder mich noch die Funktion des Geräts gestört hätte. Die Tatsache der erheblichen akustischen Belästigung, die auf Dauer auch eine Schädigung zur Folge haben könnte, war indessen kein hinreichender Grund für den Austausch! - Das Beispiel skizziert die eklatante Differenz der Bewertung von akustischen und optischen Erscheinungen in unserer Gesellschaft, in der Gesetzgebung, der alltäglichen Kommunikation, in Ausbildung, Schule und Universität. Überall gilt uns das Optische mehr als das Akustische, obwohl es seit langem nachgewiesen ist, dass wir wesentlich mehr akustisch orientiert sind als gemeinhin bekannt. Der Bereich des Hörens wird als minder bedeutend eingestuft und gesetzlich nicht angemessen berücksichtigt. Auch hier engagiert sich die Initiative Hören.

Was hat die Initiative Hören an Projekten und Publikationen realisiert?

Karst: Die Initiative Hören hat in Verbindung mit ihren Partnern und Mitgliedern einige der zur Zeit am häufigsten in der Bundesrepublik verbreiteten Schulungsmaterialien zum Thema Hören publiziert. Das ist, um mit dem letzten zu beginnen, die AUDITORIX Hörwerkstatt, die von der Initiative Hören gemeinsam mit der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) entwickelt und in einer Auflage von 60.000 Exemplaren als Datenträger kostenlos an Grundschulen, Radio- und Medienwerkstätten abgegeben wurde. Parallel entstand die AUDITORIX Onlinewerksatt, die ebenfalls kostenlos alle Materialien für Kinder, aber auch für Lehrer bereit hält, rechtefrei für den Unterricht nutzbar.  Ein anderes Medienpaket ist „Olli Ohrwurm“, das im Auftrag des Bayerischen Gesundheitsministerium und des Bayerischen Kultusministerium entstand und an alle Bayrischen Kindergärten und in einer zweiten Publikation an alle Bayerischen Grundschulen kostenlos ausgegeben wurde.

Neben den Publikationen, die allesamt für die Endnutzer kostenlos abgeben werden, entstehen Schulungs- und Vermittlungsprogramme für unterschiedlichste Zielgruppen. Um den gestiegenen Bedarf an Fortbildungen zu decken, bildet die Initiative Hören zertifizierte Referenten aus, die im Auftrag freier Träger eingesetzt werden können. Sehr wichtig ist neben den konkreten Projekten aber die Netzwerkfunktion der Initiative Hören . Bei jedem Treffen der Mitgliedsverbänden entstehen neue Projekte, die zum Teil auch nur unter den Mitglieder realisiert werden. Die Vernetzung der zuvor sehr divergenten Arbeitsziele von Kultur-, Medien- und Medizin-Institutionen hat sich hier in sehr positiver Weise – lobbyübergreifend – verwirklicht.

Versteht sich die Initiative auch als eine Art politischer Interessenvertretung für das Hören?

Karst: Genau darin besteht eine zentrale Aufgabe des Netzwerks der Initiative Hören, das schon von der puren Zahl seiner Mitglieder eine europaweit einzigartige Lobby-Plattform für das Thema Hören darstellt. Im Vorstand der Initiative Hören sind, wie es bei der Gründung angelegt war, die drei Bereiche Medizin, Kultur und Medien durch ranghohe Vertreter der Partnerverbände vertreten: Christian Höppner als Präsident des Deutschen Kulturrats und Generalsekretär des Deutschen Musikrats, Marianne Frickel als Präsidentin der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker und in meiner Person ein Vertreter des WDR.

Wenn ich noch einmal auf das Kühlschrankbeispiel zurückkomme: Setzen Sie sich auch dafür ein, dass es mehr Stille gibt?

Karst: „Stille“ würde ich immer als „relative Ruhe“ definieren, weil echte Stille nur im Vakuum möglich ist. Wo Luft ist, da ist Schwingung, da ist Klang. Sie gehören fest zu unseres Lebensform. Um so zutreffender kann man sagen: Ohne Ruhe und Pausen funktioniert kein menschliches System, weder die akustische Wahrnehmung noch das vegetative Nervensystem insgesamt. Ruhe ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass wir unterscheiden können zwischen Bedeutendem und Nicht-Bedeutendem, zwischen einer Botschaft und einer Nicht-Botschaft. Ohne Pausen und Ruhe keine Musik. Ohne Pausen und Ruhe zwischen den Buchstaben keine erkennbare sprachliche Struktur.

Wie ist aus Ihrer Sicht die „Beziehung“ zwischen Auge und Ohr?

Karst: Es ist vor allem kein hierarchisches Verhältnis! Kein Organ ist wichtiger als ein anderes. Keines steht über dem anderen. Sie haben sehr unterschiedliche Funktionen und sehr unterschiedliche Aufgaben. Wie stark sie miteinander in Verbindung stehen – und buchstäblich „vernetzt“ sind – zeigen zwei Phänomene, die den gleichen Vorgang illustrieren: Im Radio gibt es die sogenannten „schalltoten“ Räume, die natürlich nicht schalltot sind (das geht nur, wie gesagt im Vakuum), aber deutlich und hörbar schallreduziert. Nicht wenige Besucher fühlen sich in diesen Studios sehr unwohl und wollen es möglichst schnell wieder verlassen. Der Grund: Die Diskrepanz zwischen optischer und akustischer Wahrnehmung. Das Auge zeigt einen engen, kleinen Raum. Das Ohr erkennt einen großen Schallraum. Das passt nicht zusammen und führt im Gehirn zu entsprechender Irritation. Das umgekehrte Phänomen ist aus der Raumfahrt bekannt. Astronauten haben einen schier unendlich großen Raum vor Augen, aber einen winzigen akustischen Raum im Ohr, nämlich die schallreduzierten, per Funk in den Kopfhörer übertragenen Stimmen der Bodenstation. Der Effekt ist auch hier: Verwirrung bis hin zu Übelkeit und Schwindel.

Sie haben die kulturelle Bildung genannt und auch Ihre Projekte in diesem Bereich beschrieben. Wie kann man denn ein kindliches Ohr möglichst früh so heranbilden, dass es wirklich bewusst hört?

Karst: Das ist relativ einfach: Sinnlich, spielerisch und mit Faszination für die Sache. Ich habe dafür den Begriff „Prävention durch Faszination“ entwickelt. Danach sind alle Übungen in Olli Ohrwurm und auch in den späteren Projekten aufgebaut: Wenn ich Kinder (und ebenso Jugendliche und Erwachsene) für eine Sache begeistere, hören sie zu. Das Ohr ist ein so faszinierendes Organ, dass es ein leichtes ist, spannend davon zu erzählen und seine Fähigkeiten spielerisch und sinnlich zu vermitteln. Bin ich fasziniert von etwas und habe es sinnlich erfasst, verstehe ich es. Und schütze es! Etwas, das mir wichtig erscheint, stelle ich nicht zur Disposition.

 

Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Interdisziplinär, Literatur/ Lesen, Medien, Musik | Thema: Altersübergreifend, Aus- und Weiterbildung | Textsorte: Interview |