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Vorab-Interview mit Podiumsgast Ulrich Klemm, Geschäftsführer des Sächsischen Volkshochschulverbandes

13.11.2017

Im Vorfeld des 11. Dialogforums "Kultur bildet." zur kulturellen Bildung im ländlichen Raum am 30. November 2017 in Berlin führen wir Vorab-Interviews mit den Podiumsgästen. Wir beginnen die Interviewreihe mit Prof. Dr. Ulrich Klemm, Geschäftsführer des Sächsischen Volkshochschulverbandes.

Ulrike Plüschke: Herr Prof. Klemm, Volkshochschulen sind wichtige und seit Jahrzehnten etablierte Bildungsakteure, die auch in kleinen Ortschaften präsent sind. Welche Relevanz hat der ländliche Raum für die Volkshochschulen?
Prof. Dr. Ulrich Klemm: Traditionell spielt der ländliche Raum eine große Rolle in der VHS-Arbeit und kann in Deutschland auf eine 100-jährige Geschichte zurückblicken. Volkshochschulen verfügen in ländlichen Räumen über ein gleichsam flächendeckendes Netz von Bildungsorten. In vielen Fällen gibt es auch eine lokale Ausdifferenzierung mit Neben- und Außenstellen. In Sachsen betreiben die 16 Volkshochschulen 47 Außenstellen. 2016 unterhielten die ca. 900 Volkshochschulen in Deutschland knapp 3.000 Außenstellen mit haupt- bzw. nebenberuflichen Leitungen. Damit liegt ein einmaliges Netzwerk von Bildungsorten für den ländlichen Raum im außerschulischen Bereich vor.

Volkshochschulen decken ein breites inhaltliches Spektrum ab – von Sprachkursen über Computerschulungen bis hin zu Koch- und Handarbeitskursen. Welchen Stellenwert und Anteil haben Angebote kultureller Bildung im Programm der Volkshochschulen und wie stark werden diese nachgefragt?
Die kulturelle Bildung gehört zu einer der sechs Kernsäulen der VHS-Arbeit – neben den Programmbereichen politische Bildung, Gesundheit, Fremdsprachen/Deutsch, Arbeit/Beruf und Grundbildung/Schulabschlüsse – und macht bei den Veranstaltungsbelegungen bundesweit knapp 20% des Gesamtumfangs aus; das sind ca. 1.700.000 Belegungen jährlich. An Bedeutung gewinnt dabei ganz aktuell der interkulturelle Aspekt. Mit dem Ansatz des „Globalen Lernens“ wird auf die Herausforderungen durch Migration und Integration reagiert. Es zeigt sich dabei auch deutlich die Bedeutung des Querschnittdenkens: Eine große Herausforderung für Volkshochschulen ist derzeit die Vernetzung der sechs Programmbereiche. Der gesellschaftliche Wandel und die damit verbundenen neuen Bedarfe und Bedürfnisse bringen diese bewährte Struktur an die Grenzen ihrer pädagogischen Nachhaltigkeit.

Mit welchen Akteuren arbeiten Sie im ländlichen Raum zusammen?
Kooperationen mit anderen Bildungsträgern, mit Akteuren der Zivilgesellschaft, mit der Kommune und mit Arbeitsagenturen spielen eine wichtige Rolle. Netzwerke und Kooperationen erhalten vor allem in ländlichen Räumen, die über deutlich weniger Institutionen und Organisationen verfügen als urbane Räume, eine immer größere Bedeutung. Netzwerkmanagement ist eine der Schlüsselkategorien für gelingende Bildungsarbeit in ländlichen Räumen! Im Bereich der politisch-kulturellen Bildung haben die Volkshochschulen in Sachsen beispielsweise eine enge Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung, die speziell auf den ländlichen Raum hin orientiert ist. Gute Erfahrungen gibt es auch mit der Kooperation von Mehrgenerationen-Häusern mit der VHS. Andererseits sind wir bei einer Kooperationskultur erst am Anfang einer Entwicklung. Durch einen institutionellen Egoismus, der Jahrzehnte gepflegt wurde - auch bedingt durch eine unkoordinierte und klientelorientierte Förderpolitik von Land und Bund - fand eine Atomisierung von Ressourcen, Expertisen und Kompetenzen statt, die sich nachteilig auf eine nachhaltige Revitalisierung ländlicher Räume auswirkte.

Seit dem August 2017 führt der Sächsische Volkshochschulverband in Kooperation mit der Hochschule Mittweida ein Forschungsprojekt zur Erwachsenenbildung im ländlichen Raum durch. Könnten Sie bitte kurz etwas zur Zielstellung und Umsetzung dieses Projekts sagen?
Im Mittelpunkt stehen zwei Fragestellungen: 1. Welche Bildungsbedarfe liegen in ländlichen Räumen vor, welche didaktischen Formate werden bevorzugt und wie können wir die Bevölkerung mit Bildungsangeboten in ländlichen Räumen erreichen (Stichwort Bildungsmarketing)? Dazu werden sowohl Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Bildungsveranstaltungen als auch Nicht-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer befragt.  2. Wird nach Netzwerken gefragt, d.h. in welchen Netzwerken bewegen sich die Menschen in ländlichen Räumen und wie affin sind diese Netzwerke zum lebenslangen Lernen? 

Es geht um die Frage, wie formales, non-formales und informelles Lernen mit einander verbunden werden können. Bildung muss zunehmend „entschult“ werden bzw. Bildungsinstitutionen müssen sich zum Alltag hin öffnen. Aufsuchende Bildungsformate und gemeinwesenorientierte  Angebote sind eine wesentliche Zukunftsaufgabe in der außerschulischen Bildungsarbeit.

Vielen Dank für Ihre Antworten - wir freuen uns auf die Diskussion mit Ihnen am 30. November!

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Weitere Informationen

www.vhs-sachsen.de

Digitale Einladungskarte für das 11. Dialogforum PDF iconeinladung_11_dialogforum_am_30nov2017.pdf

Vorab-Interviews mit weiteren Podiumsgästen kultur-bildet.de/suche/aktuelles-dialogforum

 

 

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Bundesweit, Sachsen | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Erwachsenenbildung | Textsorte: Interview |