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Vorab-Interview mit Prof. Dr. Kai Niebert vom Deutschen Naturschutzring

06.06.2018

Beim 12. Dialogforum am 13. Juni begrüßen wir als Podiumsgast auch den Präsidenten des Deutschen Naturschutzrings, Prof. Dr. Kai Niebert. Vorab zur Diskussion zum Thema „Zukunftsfähig? Kulturelle Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ am nächsten Mittwoch hat ihn "Kultur bildet."-Redakteurin Ulrike Plüschke schriftlich befragt.

Herr Prof. Niebert, Sie fordern auf der Webseite des Deutschen Naturschutzrings, dass wir ein starkes gemeinsames Leitbild - das Leitbild Nachhaltigkeit – brauchen. Was genau meinen Sie damit?
Unendliches Wachstum ist in einer begrenzten Welt physikalisch unmöglich. Die Welt und damit auch Deutschland stehen vor einem grundlegenden Wandel der bisherigen Wirtschaftsweise, wenn sie nicht ihre Lebens- und Produktionsgrundlagen vernichten will. Dazu braucht es eine Politik der Nachhaltigkeit. Das bedeutet, dass Nachhaltigkeit gleichsam zentrale Leitlinie und integraler Bestandteil aller Politikbereiche werden muss. Deutschland hat sich mit der Unterzeichnung internationaler Vereinbarungen bereits dazu verpflichtet.  Umgesetzt wird es jedoch noch nicht: Während das Bundesumweltministerium den Kohleausstieg vorantreibt, werden im Wirtschaftsministerium immer noch Unsummen von Milliardenbeträgen in umweltschädliche Subventionen gesteckt. Nachhaltigkeit bedeutet vor allem die Klammer zu sein, die alle Bereiche unseres Lebens umfasst. Deswegen müssen sich die Ministerien – von Wirtschaft über Verkehr, Finanzen und Landwirtschaft bis hin zu Gesundheit und Soziales, Kultur und Bildung- stärker austauschen und zusammenarbeiten.

Aber auch wir, jede und jeder einzelne von uns, muss die eigene Lebensweise überdenken. Wir leben mittlerweile in einer Zeit des Turbokonsums: Höher, schneller, weiter – und vor allem billiger ist zum Ideal geworden.  Die Preise für Waren zeigen uns aber nicht an, welche Schäden sie für Mensch und Natur anrichten. Das muss sich ändern, damit sich auch hier ein nachhaltiges Bewusstsein etablieren kann. Nachhaltige Lebensstile müssen aus der Nische geholt und zum Massensport werden.

Wie setzt sich der Deutsche Naturschutzring bislang für die Umsetzung dieses Leitbildes ein?
Der DNR ist Dachverband von 89 Mitgliedsverbänden und erreicht 11 Millionen Menschen in Deutschland. Mit dieser Stärke haben wir Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbände in den letzten Jahrzehnten viel erreicht: Wir haben die Zahl der Schutzgebiete in Deutschland ausgeweitet, den Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankert und den Ausstieg aus der Atomenergie wiederholt durchgesetzt. Wir haben es geschafft, Umwelt-, Natur- und Tierschutzpolitik als ‚Zukunftspolitik’ zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Debatte werden zu lassen.

Unsere größten Herausforderungen bereiten derzeit die Folgen der Erderwärmung und die notwendige Gestaltung eines sozial gerechten Klimaschutzes. Die bisherige Umweltpolitik wird nämlich den immensen Auswirkungen menschengemachter Umweltzerstörung nicht mehr gerecht, erkennbar an der Überschreitung planetarer Belastungsgrenzen. Trotz aller Erfolge ist die Lage dramatisch: der Artenschwund nimmt weiter zu, der Flächenverbrauch ist viel zu groß, Stickstoff und Phosphat belasten unsere Böden und Gewässer. Und für die drängenden Fragen einer Verkehrs- und Energiewende gibt es in einem so hochentwickelten Land wie Deutschland immer noch keine Konzepte seitens der Politik.  

Hier sieht der der DNR als Dachverband seine zentrale politische Aufgabe: die Debatte um das Anthropozän, die Menschenzeit, in die Tagespolitik zu holen. Dafür müssen wir aus der Umweltpolitik heraustreten und bewusst Sozial-, Finanz, - und Wirtschaftspolitik mitgestalten. Konkret bedeutet das, Deutschland auf seine Verpflichtungen des Pariser Klimaabkommens sowie der Nachhaltigkeitsziele der Agenda2030 hinzuweisen und auf deren Umsetzung zu bestehen. Um der Tragweite dieser gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht zu werden, hat sich der DNR zunehmend mit weiteren gesellschaftlichen Akteuren wie dem Deutschen Kulturrat, dem Deutschen Gewerkschaftsbund oder den Kirchen vernetzt, um gemeinsam eine soziale und ökologisch gerechte Nachhaltigkeit zu gestalten.

Auf welche Art und Weise fördert der Deutsche Naturschutzring die Bildung für Nachhaltige Entwicklung?
Bildung ist die Grundvoraussetzung für nachhaltige Entwicklung. Eine Kernaufgabe des DNRs ist es deswegen, Informationen zu bündeln und seinen Mitgliedsverbänden bereit zu stellen. Aber auch durch unterschiedliche Aktivitäten wie Tagungen, Diskussionsabende und Positionspapiere stellen wir diese Informationen einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung und bringen unterschiedliche Akteure für einen weiterführenden Dialog zusammen.

Diesen Dialog versuchen wir auch in der MOVUM, unserem Debattenmagazin abzubilden. Vier mal im Jahr widmen wir uns strittigen Themen zur Transformation, beleuchten Hintergründe und stellen erfolgreiche Alternativen nachhaltiger Lebensweisen vor. Die aktuelle Ausgabe zum Kohleausstieg ist gerade erschienen.

Den wichtigsten Beitrag leisten unsere Mitgliedsverbände jedoch selbst: In zahlreichen großartigen Projekten fördern sie mit ihren 11 Millionen Mitgliedern das Wissen, die Begeisterung und das Engagement für eine intakte Umwelt und gerechte Gesellschaft. Dabei unterstützt sie der DNR beispielsweise durch die ZukunftsPiloten, ein eigens für die Nachwuchsförderung geschaffenes Qualifizierungs- und Weiterbildungsprogramm. Außerdem arbeitet der DNR an der Verbesserung der Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement, um auch nachfolgenden Generationen den Zugang zur Natur und der Beteiligung an ihrem Erhalt zu ermöglichen.

Vielen Dank für Ihre Antworten - wir freuen uns auf die Diskussion mit Ihnen am 13. Juni!

Weitere Informationen

Kai Niebert https://www.dnr.de/der-dnr/organisation/praesidium/praesident-prof-dr-kai-niebert/

Deutscher Naturschutzring https://www.dnr.de/

Digitale Einladung zum Dialogforum am 13. Juni: http://kultur-bildet.de/sites/default/files/einladung_12.dialogforum_kulturbildet_13.juni_2018.pdf

Die Teilnahme ist kostenfrei. Wir bitten um Ihre Anmeldung per E-Mail an kultur-bildet@kulturrat.de bis zum 12. Juni 2018. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Interview |