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Angst in Neugierde verwandeln - Interview mit Christoph Bongert vom Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven

17.08.2017
Detail des Titels (c) Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven
Detail des Titels (c) Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

Am Deutschen Auswanderhaus in Bremerhaven (DAH) eröffnete im April 2017 das "Studio Migration" als Ergebnis des bundesweit einzigartigen Pilotprojektes "Forum Migration". Ein weiteres Ergebnis dieses Pilotprojekts ist die ebenfalls im April erschienene Publikation des DAH mit dem Titel „Angst in Neugierde verwandeln“, die die Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt zusammenträgt und aufbereitet.

Christoph Bongert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Auswanderhaus in Bremerhaven und Redakteur der Publikation hat auf die Fragen von „Kultur-bildet.“-Redakteurin Ulrike Plüschke geantwortet.

Ulrike Plüschke: Herr Bongert, worum ging es im Pilotprojekt „Forum Migration“ und wie wurde es umgesetzt?
Christoph Bongert: Das „Forum Migration” ist ein Bildungs- und Forschungsprojekt am Deutschen Auswandererhaus, das zwei Jahre lang von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde. Inzwischen wird es vom Museum selbst und der Stadt Bremerhaven finanziert. Ziel war es, innerhalb unseres Migrationsmuseums – und darüber hinaus – einen angstfreien und partizipativen Dialog über Migration, „Integration“ und Pluralität zu initiieren.

Wir leben in einer Gesellschaft, deren Normalität von vielen Menschen nicht als normal empfunden wird. Unsere gesellschaftliche Normalität ist bestimmt durch Veränderung und Vielfalt; aber die allerorten erfahrbare Unmöglichkeit, so etwas zu sagen wie „Das war schon immer so“, „Das wird immer so sein“ oder „Wir sind eben die und die“ – gilt vielen anscheinend nicht als normal, oder eben: als nicht normal. Vielmehr sorgt es für Verunsicherung und Angst. Das ist nicht mal notwendigerweise schlecht. Es kommt nur darauf an, dass Verunsicherung und Angst nicht zu starrem Festhalten an Identitäts- und Homogenitätsfiktionen führen, dass sie sich nicht zu Hass und Ressentiment verhärten. Es gilt, die Angst in Neugierde, die Verunsicherung in Offenheit zu verwandeln und damit ein Normalitätsbewusstsein zu schaffen. Und das ist doch eine Aufgabe wie gemacht für die Institution Museum! Das Museum kann die Menschen auf den Normalfall vorbereiten.

Ein Migrationsmuseum kümmert sich um den „Normalfall Migration“. Wir am Deutschen Auswandererhaus wollen mit dem Forum Migration ein Bewusstsein von der sozialen Normalität bilden durch die Begegnung von Meinung und Gegenmeinung, von Meinungen und Fakten und von Fakten und Fakes. Wir wollen Vielfalt erfahrbar werden lassen durch die Begegnung von Migranten, Postmigranten und Non-Migranten, von Wissenschaftlern und Laien, von Engagierten, Interessierten und Gleichgültigen – sprich: durch die Begegnung all jener, die zufällig gemeinsam zur gleichen Zeit an einem Ort sind: auf der Welt wie im Museum.

Dieser Ansatz erforderte dreierlei: Wir wollten erstens erkunden, mit welchem Vorwissen und welchen Meinungen über Migration unsere Besucher in unser Haus kommen. Zweitens wollten wir noch umfangreicher die Lebensgeschichten von Migranten – und übrigens auch von Postmigranten und Non-Migranten – unterschiedlicher Herkunft sammeln, erforschen und aufbereiten. Und drittens wollten wir das, was nach heutigem Stand als gesichertes Wissen der Migrationsforschung gelten kann, in Rücksicht auf jenes erkundete Besuchervorwissen und unter Berücksichtigung der gesammelten Migrationsgeschichten in eigens entwickelten Lernangeboten vermitteln.

Zwei Jahre lang legten Mitarbeiter die Fundamente für diese drei Bereiche des Forum Migration: das Evaluationszentrum zur Erforschung des Migrationsverständnisses, das Oral History-Archiv zur Sammlung und Bewahrung von Migrationsgeschichten und die Lernstationen und Workshops zur Vermittlung von Migrationsgeschichte. Im April 2017 eröffnete dann das „Studio Migration“ als eigener Raum innerhalb der Dauerausstellung, der diese drei Aufgaben umsetzt: Ein eigenes Tonstudio dient der Aufzeichnung von Zeitzeugen-Gesprächen, verschiedene digitale Lernstationen fragen, zum Teil auf spielerische Weise, Vorwissen und Meinung unserer Besucher ab und vermitteln andererseits darauf abgestimmte Fakten zum aktuellen Migrationsgeschehen.

Was erwartet denn die Leserinnen und Leser der Broschüre? Welche Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Projekt sind in die Broschüre eingeflossen und an wen richtet sie sich?
Die Broschüre richtet sich an alle kulturellen Einrichtungen und ihre Mitarbeiter, die mit interkultureller (Kompetenz-)Vermittlung beschäftigt sind. Sie zeigt Beispiele, wie man als Museum nah an Wissensstand und sozialen wie politischen Einstellungen der Besucher sein kann, um entsprechend in der Vermittlungsarbeit darauf zu reagieren. In ihr werden Ergebnisse aus den beiden quantitativen Besucherbefragungen veröffentlicht, die in den Jahren 2015 und 2016 zu den Themen „Geflüchtete“ und „Islam“ am Haus mit über 1.000 Befragten durchgeführt wurden. Als besonders interessant erwiesen sich dabei die Schätzfragen: „Was schätzen Sie, wie viele Muslime leben in Deutschland?“ und: „Was schätzen Sie, wie viel Prozent der Deutschen haben einen Migrationshintergrund?“. Inwiefern hier Wissen besteht oder bloße Meinung, lässt sich auf diese Weise sehr schön nachvollziehen... Und natürlich nicht nur für diejenigen, die die Fragebögen auswerten, sondern auch für die, die sie ausfüllen!

Die Broschüre bringt darüberhinaus eine Analyse der im gleichen Zeitraum durchgeführten qualitativen Interviews. Auf deren Grundlage werden drei Einstellungstypen unterschieden und charakterisiert – die befürwortende, skeptische und ablehnende Einstellung gegenüber Migration. Solche Kategorien sind nützlich, wenn es um die Untersuchung der Frage geht, wie sich Angst auf Meinungen und Haltungen auswirkt: welche Urteile sie vor-, welche Handlungen sie eingibt usw.
Auch die anderen zwei Bereiche des Forum Migration kommen in der Broschüre vor: Neben einer kurzen Darstellung unseres Oral History-Ansatzes inklusive Checkliste für Leitfragen-Interviews stellen wir auch die entwickelten Lernstationen bzw. Workshops vor.

Wie können mit Methoden der Kulturellen Bildung im Allgemeinen und der Museumspädagogik im Besonderen die Vorbehalte oder Ängste vor dem Fremden in Neugier und Interesse verwandelt werden? Gibt es konkrete Beispiele, die auf andere Museen und Kultureinrichtungen übertragbar sind?
Die klassische Formel „Erkenntnis gewinnen, Angst verlieren“ scheint heute von vielen als ‚naiver Glaube der Aufklärung’ abgetan zu werden. Da muss man nicht unbedingt zustimmen. „Das Gefährlichste für den Menschen ist die Herrschaft dunkler Begriffe“, wie der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling um 1800 geschrieben hat. Ist das obsolet?

Klarheit in Bezug auf solche Begriffe wie „Zuwanderung“, „Flucht“, „Integration“ oder „Einwanderungsgesetz“, die stets Gegenstand von Streitigkeiten sind, erfordert nun aber ein Zusammenspiel von Kenntnissen und Fertigkeiten, wie sie gerade kulturelle Bildung zu vermitteln verspricht: die Kenntnis von „facts and figures“ und das Vermögen, nach deren Bedeutung zu fragen, sie einzuordnen, sie kritisch gegen „fakes“ abzugrenzen und empathisch auf „faces“ zu beziehen. Solch ein Vermögen wiederum setzt eine gewisse Kenntnis historischer oder auch aktueller Vergleichsphänomene voraus – wer etwa auf die sogenannte „europäische Flüchtlingskrise“ und Geflüchtete von heute schaut, tut gut daran, seinen Blick auf andere große Fluchtbewegungen zu weiten, seien es außereuropäische oder die europäischen von gestern. Was kann aber dazu motivieren, sich solche Kenntnisse anzueignen und die Erkenntnismittel des Vergleichs, der Kontextuierung, Relativierung, Perspektivierung einzusetzen?

Vielleicht am ehesten etwas, das selber kein Wissen und kein Vermögen, sondern ein Nichtwissen und Unvermögen ist – nämlich nicht sagen zu können, was das Eigene „eigentlich“ ausmacht, was es zum Eigenen macht. Dieses Nichtwissen ist paradox, insofern es einerseits am Anfang der kulturellen Bildung als deren Motiv steht, andererseits aber auch als ihr Effekt an deren Ende. Es ist, wie ich mit Robert Musil sagen möchte, der „Möglichkeitssinn“, den kulturelle Bildung schärfen sollte – die Wahrnehmung, es könnten diese oder jene Sache, und alle Dinge überhaupt, auch anders sein.

Insofern ist es tatsächlich nicht die ‚Beibringung von Wissen’ über „das Fremde“, Andere als solche, die geeignet ist, die Abwehrhaltung der Angst von innen aufzuschließen. Wohl aber eine Folge der Vermittlung von Wissen – die Kultivierung des Nichtwissens. Die Idee ist gewissermaßen: Verunsicherung durch den Anderen zu verwandeln in Verunsicherung über das Eigene. Ist das nicht gerade das, was unsere gesellschaftliche Normalität uns zu tun aufgibt? Veränderung und Vielfalt als Normalität bedeuten doch in letzter Instanz, als „normal“ zu verinnerlichen: Es könnte alles auch anders sein. Die Angst sagt: „Es könnte alles anders werden – halten wir also fest und schließen wir aus.“ Die Neugier sagt: „Es kann alles anders kommen – lassen wir also los und schließen wir ein.“
Die Aufgabe, Möglichkeitssinn zu schärfen und also Neugierde zu wecken, ist die gleiche für alle Museen – und deren Kooperation, gerade sparten- oder themenübergreifend, dem gewünschten Ziel nur förderlich. Die Idee der kooperativ entwickelten, mobilen Lernstationen, wie sie in der Broschüre vorgestellt wird, ist ja von vornherein auf die Übertragbarkeit und Zusammenarbeit von Museen angelegt. Bei ihnen geht es darum, ein aktuelles gesellschaftliches Thema in unterschiedliche Kontexte zu stellen und so aus verschiedenen Perspektiven betrachtbar zu machen. Übertragbar ist sicherlich auch der Ansatz, durch das Mittel der Besucherevaluation (Selbst-)Reflexion sowohl bei den eigenen Wissenschaftlern als auch bei den Besuchern in Gang zu setzen, die eben darüber miteinander in einen Dialog zu treten eingeladen werden.

Weitere Informationen
http://dah-bremerhaven.de
http://dah-bremerhaven.de/studio-migration/
http://dah-bremerhaven.de/forum-migration/

Bestellmöglichkeit: http://dah-bremerhaven.de/shop/

 

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Bremen | Sparte: Interdisziplinär, Museum | Thema: Altersübergreifend, Aus- und Weiterbildung | Textsorte: Interview |