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OECD-Studie: „Kunst um der Kunst willen?“

19.06.2013
Cover-Ausschnitt der OECD-Studie

Musik macht intelligent, Theaterspielen fördert empathische Kompetenzen, kulturelle Bildung trägt zur Entwicklung von Kreativität bei: Solche und andere Erkenntnisse machen seit vielen Jahren die Runde und werden gerne von den Sachwaltern der jeweiligen kulturellen Sparte oder der kulturellen Bildung im allgemeinen als Argument dafür genutzt, dass hier mehr und intensiver gefördert werden muss. Die Forschung über mögliche Korrelationen zwischen kultureller Bildung und beispielsweise schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen, sprachlichen Kompetenzen oder ihrem Sozialverhalten ist aber noch gar nicht so weit gekommen. Das ergibt eine Publikation der OECD mit dem Titel „Arts for Art‘ Sake? The Impact of Arts Education“ von Ellen Winner, Thalia R. Goldstein und Stéphan Vincent-Lancrin. Unterstützt wurde diese Studie von der Mercator Stiftung. Ein „Überblick“ in deutscher Sprache ist die leicht überarbeitete Fassung des Schlusskapitels des OECD-Berichts: „Kunst um der Kunst willen? Die Wirkungen der kulturellen Bildung“. Die Studie vermittelt eine Auswertung des bisher gesammelten empirischen Wissens über die Wirkung kultureller Bildung auf nicht-kulturelle Kompetenzen. Dabei wurde sowohl der schulische, als auch der außerschulische Bereich betrachtet.

Das Ergebnis: Es gibt zu wenige wissenschaftlich-empirische Erkenntnisse, die so genannte Transfereffekte belegen. Zwar haben verschiedene Studien zu Ergebnissen geführt, die solche Korrelationen vermuten oder auch als wahrscheinlich gelten lassen, aber insgesamt sind handfeste Beweise noch zu erbringen. Das Schlusskapitel gibt hierzu einen informativen und überzeugenden Überblick. Eine der wenigen offenbar belegten Ergebnisse ist übrigens, dass Musik tatsächlich den IQ steigert und die akademische Leitung verbessert. (Allerdings konnte bisher die gern behauptete Erklärung, musikalische Bildung verbessere die Leistung im Fach Mathematik, nicht nachgewiesen werden). Auch einen Nachweis über den Zusammenhang zwischen kultureller Bildung und Kreativität gibt es bisher nicht. Auch, wenn hier vieles vermutet wird, stehen belegbare Erkenntnisse noch aus. Weitere experimentelle Studien sind also erforderlich. Eine Beobachtung der Autoren: „Forschungen zur kulturellen Bildung stellen nur einen winzigen Anteil der Bildungsforschung dar.“ Das gibt zu denken!

Die Autoren machen schließlich einige Vorschläge für Forschungsprioritäten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten. Diese betreffen zunächst methodische Vorgehensweisen und Schwerpunktsetzungen. Außerdem lautet die Empfehlung, einen verbesserten „theoretischen Rahmen“ für die Forschungen zu entwickeln. „Es bedarf einer Theorie dazu, welche Auswirkungen die Implementierung der Künste auf das Lernen haben wird“, heißt es in der Studie. Außerdem wird auch eine Untersuchung der verschiedenen Didaktiken im Bereich der kulturellen Empfindung ans Herz gelegt.

Die Studie beschäftigt sich auch mit dem Nutzen, den kreative Fähigkeiten in angrenzenden Bereichen haben kann, also in allen den Feldern, die heute mit dem Begriff der „Kreativwirtschaft“ abgedeckt sind. Ein wunderbares Beispiel: Apple, so heißt es, verdanke die Gewinnspanne von 36 Prozent beim Verkauf des iPod der Tatsache, dass es das Design des iPod entwickelte, und nicht, das es seine Technologie erfand.

Allerdings – und dies ist eine sicher zentrale Erkenntnis des Berichts – sind alle zu untersuchenden Transfereffekte zu relativieren. „Falls man in erster Linie Kompetenzen in Geometrie entwickeln möchte, ist das Erlernen von Geometrie – und nicht Musik oder Tanz – wahrscheinlich immer effektiver“, erklären die Autoren der Studie. Heißt: „Die wichtigste Rechtfertigung für kulturelle Bildung sollte deshalb nach wie vor die intrinsische Bedeutung der Künste und die Kompetenzen, die sie entwickeln, sein.“

Der „Überblick“ über die OECD-Studie ist auf jeden Falls lesenswert. Er macht klar, dass die Forschung über kulturelle Bildung und ihre Wirkung ausbaubar und verbesserungswürdig ist. Und liefert – obwohl die Ergebnisse bisheriger Studien stark relativiert werden – gutes Futter für alle, die sich für den Erhalt und Ausbau kultureller Bildung einsetzen.

Enthalten in

Region: International, Bundesweit | Sparte: Bildende Kunst, Design, Film, Interdisziplinär, Literatur/ Lesen, Medien, Musik, Tanz, Theater | Thema: Aus- und Weiterbildung, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Schulische Bildung | Textsorte: Neuerscheinung |