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Projekt der Woche #197: Flaschenpost der Generationen

11.12.2017
Die Flaschenpostbotinnen in Aktion, Foto: Kinder- und JugendKulturWerkstatt JOJO
Die Flaschenpostbotinnen in Aktion, Foto: Kinder- und JugendKulturWerkstatt JOJO

Das Projekt "Flaschenpost der Generationen" wurde 2016 von der Kinder- und JugendKulturWerkstatt JOJO in Leipzig gemeinsam mit der August-Bebel-Grundschule und dem Städtischen Altenpflegeheim "Martin Andersen Nexö" realisiert. Einmal pro Woche schickten sich die Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse mit und ohne Migrationshintergrund und die Bewohnerinnen und Bewohner des Altenpflegeheims Briefe und Bilder – als künstlerisch gestaltete Flaschenpost. Das Projekt wurde am 20. November 2017 mit dem ersten Preis des Bundeswettbewerbs "Rauskommen! Der Jugendkunstschuleffekt“  ausgezeichnet, den das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Bundesverband der Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen e.V (bjke) gemeinsam vergeben. "Die vielfältige Form der Begegnung und des Aufeinanderzugehens wurde – neben der literarischen und künstlerischen Form – schließlich durch das persönliche Zusammentreffen der Briefschreibenden gekrönt. Das Projekt realisiert auf herausragende Weise die Begegnung verschiedener Lebenswelten und bereichert sie mit verblüffend einfachen, aber äußerst wirksamen Mitteln“, heißt es auf der Urkunde der Bundesministerin Katarina Barley und des bjke-Vorsitzenden Peter Kamp.

Ute Eidson, Leiterin der Kinder- und JugendKulturWerkstatt JOJO und Projektleiterin Sabine Stein wurden von Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion befragt.

Ulrike Plüschke: Frau Eidson, Frau Stein: Wie ist die Idee für dieses generationenübergreifende Projekt entstanden und wie fanden die einzelnen Projektpartner zueinander?
Ute Eidson/Sabine Stein: Seit 2010 befindet sich unsere Einrichtung in einem Haus mit unterschiedlichen Mietern und in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Altenpflegeheim. Da für uns eine breite Netzwerkarbeit zum Konzept gehört, haben wir verschiedene Initiative ergriffen und bereits vor dem Flaschenpostprojekt mit den Mietern im Haus bzw. im unmittelbaren Umfeld gemeinsame Aktionen und Projekte initiiert. So bestand auch das Interesse, gemeinsam mit dem Städtischen Altenpflegeheim zu kooperieren. Der Kontakt zur Grundschule entwickelte sich im Rahmen des Bundesprogramms „Kultur macht stark“. Dank einer Fördermöglichkeit des Sozialamtes der Stadt Leipzig, welche sich auf das Zusammenbringen von SeniorInnen und jüngeren Menschen richtete, entwickelten wir die Idee des Flaschenpostprojektes gemeinsam mit einer freien Theaterpädagogin.

Würden Sie bitte kurz die Projektetappen und -methoden beschreiben?
Das Projekt startete mit einem Treffen mit den Seniorinnen und Senioren, bei dem durch Assoziations- und Gedächtnisspiele Erinnerungen an die eigene Schulzeit geweckt und anschließend in Briefen festgehalten wurde. Diese Briefe wurden in Flaschen gesteckt und zwei Tage später brachten zwei als "Flaschenpostbotinnen" verkleidete Kulturpädagoginnen die Post in eine 4. Klasse. Nach einer kurzen Sequenz, die eine Mischung zwischen Lecture Peformance zum Thema "Flaschenpost" (Was ist das überhaupt? Welche berühmten Flaschenpostschreiber gab es? Etc.) und theaterpädagogischen Spielen (Flaschenpost-Gymnastik, kunstvolles Öffnen einer Flaschenpost) darstellte, bekamen je zwei Kinder zusammen eine Flaschenpost und durften diese öffnen und entziffern. Anschließend wurde zurück geschrieben und die Flaschen verziert. Die Flaschenpostbotinnen brachten die Flaschen zurück ins Altenpflegeheim und so entspann sich ein Briefwechsel zwischen jeweils einem Senior und zwei Kindern. Die inhaltlichen Themen der Briefe wurden teilweise von den Flaschenpostbotinnen angeregt, teilweise von den Kindern vorgeschlagen und je länger das Projekt voranschritt, desto individueller entwickelte sich die Kommunikation. Die Themen reichten vom richtigen Umgang mit Geschwistern, über Haustiervorlieben bis hin zu Umweltfragen. Der Briefwechsel wurde über die nächsten 5 Wochen fortgeführt und mündete in einem Treffen der beiden Parteien. Dieses wurde umrahmt von der Ausstellungseröffnung in den Räumen der Kinder- und Jugendkulturwerkstatt JOJO, bei der Ausschnitte der Briefe sowie Fotos des Projektablaufs gezeigt wurden. Während des Treffens hatten die Kinder Zeit, ihren Briefpartner kennenzulernen. Auf beiden Seiten herrschte großes Interesse aneinander und in den mühelos aufkommenden Gesprächen wurden die Themen aus den Briefen sofort aufgegriffen und vertieft. Gemeinsam wurde die Ausstellung betrachtet, es wurde gesungen und Spiele gespielt und am Ende tauschten die Briefeschreiber untereinander Adressen aus, um auch weiterhin schriftlich in Kontakt bleiben zu können.

Neben dem Briefverkehr zwischen den SeniorInnen und den Kindern, fand eine - von den Schülerinnen und Schülern angeregte – Aktion statt, bei der beide Parteien eine Flaschenpost an einen Unbekannten verfassten und diese im Stadtraum von Leipzig aussetzten. Einige Flaschenposten wurden traditionsgerecht in den Fluss geworfen, andere wurden von den beiden Kulturpädagoginnen in der Stadt verteilt, um einerseits auf das Projekt aufmerksam zu machen und andererseits die Wahrscheinlichkeit von Antworten zu erhöhen. Tatsächlich wurden im Laufe des nächsten halben Jahres ca. 15 Antwortbriefe eingeschickt, die hauptsächlich von Touristen, Studenten, älteren Menschen und Kindern verfasst waren.

Wie war das Feedback der Projektbeteiligten – sowohl der Schülerinnen und Schüler als auch der Seniorinnen und Senioren?
Beim ersten Treffen mit den Senioren und Seniorinnen herrschte große Skepsis. Viele waren der Meinung, dass sie nichts zu erzählen hätten, sich nicht an früher erinnern könnten oder mit dem Verfassen eines ganzen Briefes überfordert wären. Durch die Assoziationsspiele und das gemeinsame Erzählen konnten sich jedoch etwa die Hälfte der Anwesenden für das Projekt begeistern und beschlossen „es zumindest mal zu versuchen“. Schon nach dem ersten Briefwechsel waren die Vorbehalte verschwunden. Das Betreuungspersonal des Städtischen Altenpflegeheims „M. A. Nexö“ berichtete, dass die Briefe der Kinder zum Gesprächsstoff auf den Fluren des Altenheims und beim gemeinsamen Mittagessen wurden. Auch untereinander kamen die Senioren und Seniorinnen stärker in Kontakt, da bei den gemeinsamen Briefrunden Erinnerungen ausgetauscht wurden. Ebenfalls erzählten die Pflegerinnen, dass die beiden von Demenz betroffenen Seniorinnen wieder aktiver am Geschehen um sich herum teilnahmen. Das Treffen mit den Kindern am Ende des Projekts stellte für die meisten Seniorinnen einen Höhepunkt dar, wobei auch die Briefe, die als Antwort auf die ausgesetzten Briefe eintrafen, mit großer Gewissenhaftigkeit beantwortet wurden.
Bei den Kindern war durch das Auftreten der Flaschenpostbotinnen sofort die Bereitschaft da, an dem Projekt teilzunehmen. Als es an die schriftliche Beantwortung der Briefe ging, waren einige Kinder zunächst zögerlich. Besonders die, denen das Schreiben noch sehr schwer fiel, brauchten immer wieder Ermutigung und Unterstützung, aber da zur Not immer auf das Zeichnen von Bildern zurückgegriffen werden konnte, waren die meisten die ganze Zeit mit viel Eifer dabei. Einige Kinder beschlossen auch außerhalb des Unterrichts Briefe in Flaschen zu verschicken. Auch hier war das gegenseitige Kennenlernen am Ende des Projekts eine der wichtigsten Komponenten. Eine der Schülerinnen schloss sogar ohne zu zögern die wildfremde Seniorin, die ihr als ihr Briefpartner vorgestellt wurde, voller Begeisterung in die Arme.

Das Projekt hat den 1. Preis des Bundeswettbewerbs "Rauskommen! Der Jugendkunstschuleffekt“ gewonnen, zu dem wir natürlich auch an dieser Stelle gratulieren. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie? Wird es eine Fortführung dieses generationsübergreifenden Projektformats geben?
Natürlich freut uns diese Auszeichnung sehr. Sie ist Anerkennung für unsere langjährige Arbeit in der Vernetzung unterschiedlicher Zielgruppen und für das Flaschenpostprojekt im Besonderen. Es war schön, dass unsere Partner zur Preisverleihung alle anwesend waren und mit uns gemeinsam den Preis in Empfang genommen haben. Gemeinsam werden wir überlegen wie wir mit dem Preisgeld ein neues Projekt initiieren. Besonders hat uns auch die Resonanz von verschiedenen Ämtern der Stadt gefreut, die uns in der Umsetzung unterstützt haben. Auch 2017 gab es ein Flaschenpostprojekt Dank der Förderung durch das Sozialamt.

Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg!


Weitere Informationen

www.jukuwe-leipzig.de/projekte/national/flaschenpostprojekt/

www.jukuwe-leipzig.de/aktuelles/neuigkeiten/

www.bebel-grundschule.de

www.sah-leipzig.de/pflege/pflegeeinrichtungen/pflegeeinrichtung/sah-martin-andersen-nexoe/

http://kultur-bildet.de/artikel/bundeswettbewerb-rauskommen-der-jugendkunstschuleffekt-2017-preise-gehen-nach-leipzig

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Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Begegnung der Generationen in der JuKuWe, Foto: Kinder- und JugendKulturWerkstatt JOJO
Begegnung der Generationen in der JuKuWe, Foto: Kinder- und JugendKulturWerkstatt JOJO
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Sachsen | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Schulische Bildung, Seniorenbildung | Textsorte: Projekt der Woche |