Kultur bildet.

Das Portal für kulturelle Bildung.

Projekt der Woche #199: Dehnungsfuge - Auf dem Lande alles dicht?

08.01.2018

Das von der Landesvereinigung für kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e.V. umgesetzte Bundesmodellprojekt "Dehnungsfuge – auf dem Lande alles dicht?"  unterstützt seit 2015 junge Menschen dabei, Leerstand im ländlichen Raum durch Kultur und Bildungsprojekte mit Leben zu füllen. Der Begriff Dehnungsfuge ist dabei bewusst aus dem Baujargon gewählt. Diese besondere Fuge gleicht das Quellen und Schwinden von Rissen aus – reale Risse zwischen Bauteilen und Materialien, symbolische Risse in der Gesellschaft zwischen Alt und Jung, zwischen Arm und Reich oder auch zwischen Kultur und Kommerz aus. Das Projekt “Dehnungsfuge” ist flexibel und elastisch, prozessorientiert und stabilisierend. Die Kunst der Dehnungsfuge besteht darin, in einem Gemeinwesen unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse auszutarieren und zu variieren. Das Modellprojekt "Dehnungsfuge" ist auf fünf Jahre angelegt und wird finanziert aus Mitteln des Bundesprogramms "Demokratie leben!" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

An vier Orten in unterschiedlichen Bundesländern - Viesen in Brandenburg, Stendal und Eisleben in Sachsen-Anhalt und Mestlin in Mecklenburg-Vorpommern - laufen nun seit gut zweieinhalb Jahren ganz unterschiedliche Projekte und Initiativen im Rahmen der Dehnungsfuge. Einen Blick zurück und nach vorn wirft Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Projektmitarbeiter und Interkulturreferent bei „Dehnungsfuge“, der von „Kultur bildet.“-Redakteurin Ulrike Plüschke befragt wurde.

Ulrike Plüschke: Herr Dr. Hotopp-Riecke, Leerstand neu zu beleben, zu "besetzen" und durch Beteiligungsformate zum "eigenen Ding" für die Ansässigen machen, so etwas braucht einen langen Atem. Welche Zwischenbilanz können Sie mit Blick auf die ersten zweieinhalb Jahre ziehen? Was lief gut, was war eher schwierig?
Dr. Mieste Hotopp-Riecke: Wir gingen davon aus, dass Leerstand im ländlichen Raum nur darauf wartet, gefüllt zu werden und durch unser Projekt eine Art roter Faden, ein Masterplan entwickelt werden könnte. Grundsätzlich können wir rückschauend sagen, stimmt dies zwar, doch anders als erwartet: Die einzelnen Standorte sind viel zu verschieden von den Grundbedingungen, von der Infrastruktur, der Bevölkerung, dem Partner*innen-Netzwerk vor Ort her. In und um kleinere Städte wie Eisleben und Stendal funktioniert der öffentliche Nahverkehr noch, in Gegenden wie um Viesen und Mestlin herum nur sehr bedingt zum Beispiel. In manchen Orten sind Jugendliche entschlossen etwas zu beginnen, aber es fehlt an Raum, in anderen Orten gibt es jede Menge Leerstand, aber die Jugend ist nicht mehr da. Trotz dieser unterschiedlichen Startbedingungen können wir sagen, dass der Leitgedanke trägt. Ja, es ist möglich, gewünscht und erfolgversprechend, mit Jugendlichen – sowohl aus alteingesessenen als auch aus zugezogenen Familien – gemeinsam Leerstand zu füllen. Werden Möglichkeiten aufgezeigt, mit Know how in Projektmanagement, durch Workshops, Seminare und engmaschige Kommunikation begleitet, kann dies an fast jedem Ort funktionieren. Schwierig ist dabei anfangs meist nicht der Kontakt zu Jugendlichen, interessierte Gruppen zu finden, die etwas verändern wollen, sondern einerseits den Kontakt zur Verwaltung, zur regionalen Privatwirtschaft herzustellen und zu halten oder die Hierarchien z.B. von städtischen Theatern und Wohlfahrtsverbänden zu durchschauen, sie für Jugendliche zu öffnen. Andererseits wurde klar: Auch mit den besten Konzepten und recht guter Ausstattung kann keine Kampagne für Hierbleiben gewinnen, wo schlicht keine Jugendlichen mehr sind. Doch auch das ist ein Ergebnis.

Wie wird das Projekt und sein Grundgedanke des "selber machen" angenommen? Welche lokalen Akteure konnten Sie gewinnen?
Der abstrakte Gedanke, die Idee, Leerstand mit selbst kreierter Kultur und Bildung zu füllen, war anfangs schwierig zu "bewerben". Doch als es konkret wurde, als Jugendliche ihre eigenen Ideen im öffentlichen Raum wiedererkannten, sei es in Form von gestalteten Glascontainern, als Flashmob, als Theaterstück im Leerstand geprobt und aufgeführt oder in Form von selbstgebauten Möbeln, da sprang der Funke über. Wir haben in allen Standorten Theater oder Theaterinitiativen als Partner*innen gewinnen können, die in die Region hinein wirken und aus der Region heraus ihre kulturbegeisterten Mitwirkenden rekrutieren. Diese wirkten dann als Multiplikator*innen, halfen neue Teilnehmer*innen zu begeistern. Da läuft viel über persönliche Begeisterung, über informelle Aktivierung, die dann gehegt, gestützt, flankiert werden muss.

Könnten Sie bitte an zwei konkreten Beispielen erläutern, auf welche Art und Weise Projektbeteiligte den Leerstand mit kulturellem Leben füllen?
Da möchte ich zwei völlig gegensätzliche Projektstandorte skizzieren: einmal unsere Kampagne "Deine irre Leere" im Land Brandenburg und die "Kleine Markthalle" in Stendal. Die Brandenburger Dehnungsfugen-Kampagne "Deine irre Leere" startete mit der Intention, Jugendliche selber Theater machen zu lassen, auf dem flachen Land mit unseren Projektpartner*innen von der LehnschulzenHofbühne Viesen. Doch die schlechte ÖPNV-Situation und die weiten Wege ließen dies nicht zu. Da wurde dann umgesteuert, nun soll etwas Mobiles entstehen, so dass es möglich wird, dass die Jugendlichen nicht an einen festen Ort müssen, sondern selbst an Orte gegangen wird, wo Leerstand nutzbar ist. Nachdem Tanz- und Videoworkshops in leerstehenden Fabriken und Ladenlokalen die Basis bereitet hatten, herausgefiltert wurde, was die Jugendlichen begeistert, wurden mittels der Workshops namens "Verrückte Möbel" kleinteilige, kombinierbare Holzmodule gefertigt, die mit auf Tournee gehen können. Bürgerversammlungen als Performance, als Info-Veranstaltung z.B. im Theater Brandenburg nahmen hier die Öffentlichkeit mit. Nun konnten größere Projekte angegangen werden: Die Irre Platte. Hier wurde ein Kunstfestival auf die Beine gestellt, das selbst gemachte Videos, Performance, Kreativität in den Mittelpunkt stellte in einem leerstehenden Plattenbau bei Brandenburg. Eigentümer, viele Enthusiast*innen, lokale Vereine und wir zogen an einem Strang und es wurde gezeigt, was mit Plattenbauten wie dem in Brandenburg auch möglich ist.

In Stendal lief es genau anders herum: Die leerstehende "Kleine Markthalle", wo bis vor ein paar Jahren Fleischer und Bäcker arbeiteten, ist mittlerweile zu einem stetig gefüllten Bürgertreff gewachsen, der von fast einem Dutzend Initiativen mitgetragen wird. Hier war Leerstand vorhanden und Ideen und Partner*innen mussten gefunden werden. Zusammen mit dem "Club der Experten" – der Laienbühne vom Theater der Altmark -, dem Deutschen Roten Kreuz (zuständig z.B. für Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten), mit Musiker*innen, Rentner*innen, emsigen Schüler*innen und Handwerker*innen kann nun die "Kleine Markthalle" als Treffpunkt, Ideen-Schmiede, Theaterbühne oder Frühstückssalon genutzt werden, es gibt eine Bibliothek, Veranstaltungstechnik, eine Küche usw. Notwendig sind dafür neben unserer Prozess-Steuerung immer vor allem begeisterte Personen, Mitmacher*innen, die vor Ort netzwerken, mitnehmen, kommunizieren. Diese Menschen mit den bescheidenen Mitteln unseres Projektes zu finden, zu halten, zu motivieren, ist eine Herausforderung, die wir gemeinsam mit den lokalen Projektteams angehen: Für individuelle Standortentwicklungen beantragen wir Drittmittel bei weiteren Stiftungen und in der Privatwirtschaft. Auch hier ist die „Dehnungsfuge“ mittel zum Zweck: Jugendliche lernen für Verstetigung selbst zu sorgen.

Stichwort Verstetigung und Nachhaltigkeit: 2019 läuft die Projektförderung für „Dehnungsfuge“ durch das Programm „Demokratie leben!“ aus. Werden in den Konzepten und Strategien von „Dehnungsfuge“ auch schon Ideen für die Finanzierung nach 2019 entwickelt?
Bedingung für mein persönliches Engagement in dem Projekt war, dass wir es schaffen, etwas Nachhaltiges zu initiieren, etwas was nach Projektende Bestand hat. Denn ich selbst stamme aus der Altmark, ich komme vom Land und kenne etliche Beispiele von gut gemeinten Projekten mit zu kurzer Laufzeit und ohne nachhaltige Wirkung. Die fünfjährige Förderdauer dieses Modellprojektes gibt uns da genau die richtigen Möglichkeiten: Es darf auch im Projektzeitraum umgesteuert werden einerseits und wir haben Zeit, um uns gerade um Strategien für die Fortführung zu kümmern. Auch ohne die Dehnungsfuge werden Standorte bestehen bleiben, das können wir jetzt schon absehen und freut uns sehr. Dies geht nur durch Netzwerken und Kommunikation. Deshalb ein großer Dank an die dutzenden Vereine, Initiativen, Künstler*innen und Jugendlichen, die vor Ort wirbeln und den Leerstand mit selbstbestimmtem Leben füllen.

Vielen Dank für Ihre Antworten und weiterhin viel Erfolg!

Weitere Informationen

https://www.dehnungsfuge.com/

http://www.lkj-sachsen-anhalt.de/

https://www.demokratie-leben.de/

Hier finden Sie eine Übersicht aller bisherigen Projekte der Woche.

Verrückte Möbel selber bauen für mobile Kultur im ländlichen Raum, © dehnungsfuge/ Wolfram Scheller
Verrückte Möbel selber bauen für mobile Kultur im ländlichen Raum, © dehnungsfuge/ Wolfram Scheller
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |