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Projekt der Woche #203: "PINX öffnet Welten – Eine Kunstschule für alle"

05.02.2018
Quelle: Hildegard Strutz
Quelle: Hildegard Strutz

Seit 2013 öffnen sich wöchentlich die Türen der Kunstschule PINX im niedersächsischen Schwarmstedt für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines "Offenen Ateliers", das das Herzstück des Projekts "PINX öffnet Welten – Eine Kunstschule für alle" bildet. Im "Offenen Atelier" ist von Malerei über Bildhauerei bis zur Entwicklung und Umsetzung eines Stop-Motion-Films alles möglich. Zusammen mit Bündnispartnern wie dem Samtgemeinde-Jugendring Schwarmstedt, der Schule An Der Alten Leine, der Oberschule Hodenhagen und dem Kinderheim Zeppernick setzt die Kunstschule PINX das Projekt mit Förderung durch das BKJ-Programm "Künste öffnen Welten" um. "Künste öffnen Welten" fördert schon seit 2013 im Rahmen des BMBF-Programms "Kultur macht stark" Angebote der kulturellen Bildung für Kinder und Jugendliche, die aus Verhältnissen kommen, die den Zugang zu Bildung erschweren. In der Kunstschule PINX begrüßt die Projektleiterin Hildegard Strutz seit 2013 daher eine sehr vielfältige Gruppe von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sowohl aus den beteiligten Förderschulen als auch aus den Gymnasialklassen der Kooperativen Gesamtschule ihren Weg in das offene Atelier finden. Hildegard Strutz wurde von "Kultur bildet."-Redakteurin Ulrike Plüschke befragt.

Ulrike Plüschke: Frau Strutz, wie ist die Idee für "PINX öffnet Welten – Eine Kunstschule für alle“ entstanden und was genau bietet Ihre Kunstschule im Rahmen dieses Projekts an?

Hildegard Strutz: Wir sind mit unserer Kunstschule PINX eine Kunstschule im ländlichen Raum und auch die einzige im Heidekreis. Mit unserem Projekt "PINX öffnet Welten“ haben wir ein dauerhaftes und nachhaltiges Netzwerk innerhalb Schwarmstedts zu Gunsten von Kindern aus benachteiligenden sozialen Zusammenhängen installiert. Besonders durch unser "Offenes Atelier“ ermöglichen wir diesen Kindern /Jugendlichen in der Kunstschule ein "2. Zuhause“. Das Netzwerk aus Kunstschule, Schule, Kinderheim und Jugendring hat sich über die 5 Jahre bewährt, und es kamen neue Partner hinzu. Neben Schnupperangeboten "Klasse trifft PINX“, an denen wir ganze Schulklassen zu uns in die Kunstschule eingeladen haben und auch gemeinsame Ausflüge und Präsentationen sind das Kernstück des Projekts unser "Offenes Atelier2.

Was ist das Besondere am "Offenen Atelier – PINX für Alle“ – worin unterscheidet es sich von anderen Angeboten Ihrer Kunstschule?

Um den Charakter unseres offenen Ateliers zu verstehen, ist es wichtig, den Ablauf eines solchen Mittwochs zu beschreiben, an dem regelmäßig und für die Kinder/Jugendlichen verlässlich das "Offene Atelier“ stattfindet. Direkt nach der Schule kommen die Schüler*innen in die Kunstschule, werfen ihre Ranzen aufs Sofa und setzen sich in unserem Unterrichtraum alle gemeinsam an den Tisch. Wir beginnen diesen Kunstschultag immer mit einem gemeinsamen einfachen Essen. Die Kinder und Jugendlichen kommen freiwillig und unverbindlich, die jüngsten sind 6 Jahre und unsere ältesten 17 Jahre alt. Da sie aus mindestens 4 verschiedenen Schulformen kommen, bringen sie auch immer wieder eine heterogene Schar von Freunden mit. Unser inklusiver Ansatz beinhaltet natürlich auch, dass die Kinder und Jugendlichen eigenständig entscheiden dürfen, was sie interessiert und was sie an diesem Tag tun möchten. Auch zuschauen ist erlaubt, mal etwas für sich ganz allein tun und auch das Verwirklichen von Spielideen gehört genauso dazu wie malen, bauen und entwerfen. Allen, die kommen, ermöglichen wir Formen der Selbstaufmerksamkeit, Ausdrucks-und Wahrnehmungserfahrungen und, wenn es glückt, Vollkommenheitserlebnisse. Viele unserer Kinder kommen nun schon über 4 -5 Jahre zu uns und würden immer sagen: „Das Offene Atelier ist extra für uns gemacht worden“. Einer unserer älteren Schüler sagte beim Ausstellen des KompetenzNachweisKultur: „Hier kann ich von einer Welt träumen, wie ich sie haben will, und ich hab‘ sie mir auch schon gebaut.“ Unser Ziel ist es, unsere Kinder und Jugendlichen durch ihre Erlebnisse im „Offenen Atelier“ zu befähigen, ihr Leben selbst zu gestalten. Grundlage dieser angestrebten Teilhabegerechtigkeit unserer Kunstschule PINX ist der Befähigungsansatz/Capabilities Approach von Martha Nussbaum. Am Ende eines solchen Kunstschultages gehen die Kinder/Jugendlichen nicht unbedingt glücklich nach Hause, aber auf jeden Fall immer um ein Stück bereichert.

Wie gehen Sie methodisch/pädagogisch vor? Könnten Sie bitte ein, zwei Beispiele nennen!

Um Kinder und Jugendliche tatsächlich zu befähigen, ihr Leben selbst zu gestalten, bedarf es einer besonderen pädagogischen Haltung der Kunstschule/Kunstschuldozent*innen gegenüber unseren Schüler*innen. Wir versuchen allen Schüler*innen ästhetische Erfahrungen zu ermöglichen und sehen Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Experten ihrer selbst. Ohne die Beurteilung von „richtig“ oder „falsch“ begegnen wir unseren Schüler*innen auf Augenhöhe, nehmen uns selbst als Künstler und Pädagogen zurück und unterstützen Sie auf ihrem Weg als Künstler, Forscher, Sachenfinder oder Gestalter. Um ästhetische Erfahrungen und Wahrnehmungen in der Kunstschule machen zu können, bedarf es Raum und Zeit für Selbstaufmerksamkeit und Empfindung. Diese Wirkungsräume zu ermöglichen ist die Aufgabe der Dozierenden unserer Kunstschule. Frei von Beurteilung kann so ein identitätsstiftender Ausdruckscharakter und eine künstlerische Teilhabe ermöglicht werden. Die Dozierenden/Künstler*innen nehmen ihre eigenen künstlerischen Maßstäbe zurück und geben sich begleitend mit in den Prozess der Kreativität des Gegenübers. Dieser Prozess kann partizipatorisch oder auch begleitend sein, aber immer sind die Schüler*innen Konstrukteure ihrer künstlerischen Entwicklung und ihres Könnens. Wir gehen als Künstler*innen und Pädagogen davon aus, dass jedes Kind am besten weiß, was es braucht. Durch unsere offene Haltung kann es so mit Energie und Neugierde die Entwicklung der eigenen Kompetenzen verfolgen. Im „Offenen Atelier“ bereiten wir regelmäßig Angebote vor, die den Kindern als „Vorschlag“ dienen sollen. Regelmäßig nehmen die Kinder diese Angebote nur teilweise an und kommen auf der anderen Seite aber auf erstaunliche eigene Ideen.

Durch diese diversitätsbewusste Handlungsbefähigung ermöglichen wir auch eine Vielfalt des künstlerischen Denkens und Handelns und eine Vielfalt der Kompetenzen unserer Schüler*innen.

Offenheit, Gelassenheit, Geduld, Unterstützungs- und Kommunikationsbereitschaft so wie auch eine authentisch künstlerische Begegnung des Gegenübers, sind die Kompetenzen unserer Dozierenden, die den Schüler*innen in unserer Kunstschule neue Perspektiven ermöglichen und dabei helfen, ihre eigene kulturelle Identität zu bilden. Gesellschaftliches Empowerment und politische Selbstermächtigung können wir als Dozierende dadurch unseren Schüler*innen mit auf den Weg geben. Studierende der Leibniz Universität Hannover, die das „Offene Atelier“ für zwei Semester mit begleitet haben, stellten fest, dass das vermeintliche Chaos der Kinder tatsächlich nur ein vermeintliches Chaos ist, das es gilt von den erwachsenen Dozierenden auszuhalten, damit dann etwas Neues entstehen kann. So wurde aus dem Setting von Licht und weißem Tuch ein selbst inszeniertes Theaterstück, in dem ein eher zurückhaltendes Kind plötzlich zum Regisseur wurde und auch die Kartenproduktion organisierte.

Erfahren haben wir als Kunstschule in diesen Jahren, dass die Voraussetzung einer Teilhabegerechtigkeit, einer Erfüllung des Menschenrechts auf Kunst und Kultur eine wertschätzende pädagogische Haltung, die künstlerisches Handeln mit einschließt, zwingend erfordert.                                                                  

Wie sehen die Zukunftspläne für das Projekt aus?

Dadurch, dass unsere Angebote freiwillig sind, zeigen die Kinder schon allein durch ihre regelmäßige Teilnahme, dass Sie gerne in die Kunstschule kommen und dass dieser Ort tatsächlich zu ihrem 2. Zuhause geworden ist.

In Zukunft würden wir gerne als Leitidee die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen an der Gestaltung des Heidekreises mit einbeziehen: „Wie schaffen wir es, auf unsere Belange und Ideen bei der Gestaltung unseres Ortes aufmerksam zu machen?“ Besonders Jugendliche auf dem Land brauchen das Gefühl, sich ihren Lebensraum zurückzuerobern und an der Gestaltung des Ortes teilzuhaben. Auch würden wir gern dieses offene Format durch eine erweiterte Zeitschiene ergänzen, so dass wir Kinder und Jugendliche verschiedener Schulzweige erreichen bzw. ihre Teilhabe ermöglichen können. Anhand der Methode der „Pattern Language“ (Christopher Alexander) und der sogenannten „Ästhetischen Forschung“ könnten wir gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen Themen und Fragen aufgreifen, die sie bewegen. Da wir als Kunstschule nicht nur im Schwarmstedter Raum aktiv sind, sondern auch in Fallingbostel, haben wir vor, dieses bewährte Format des offenen Ateliers wöchentlich auch im Ort Fallingbostel zu etablieren und somit zur Inklusion und Interaktion der geflüchteten Familien außerhalb des Ankunftszentrums Fallingbostel beizutragen. Hier würde ein transkulturelles offenes Atelier der Kunstschule stattfinden, zu dem besonders auch die Kinder der geflüchteten Familien eingeladen werden. Wir freuen uns darauf, auch dort möglicherweise durch unser „Offenes Atelier“ den Kindern ein zweites Zuhause zu geben.   

Vielen Dank!

Weitere Informationen 

http://www.kunstschule-pinx.de/

http://www.kunstschule-pinx.de/pinx-oeffnet-welten.html

https://www.kuenste-oeffnen-welten.de/

https://www.buendnisse-fuer-bildung.de/

Schule An der Alten Leine/ Förderschule Schwarmstedt

Samtgemeinde Jugendring/ Schwarmstedt

Kinderheim Zeppernick/  Schwarmstedt

Oberschule Rethem

Oberschule Hodenhagen

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Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Quelle: Hildegard Strutz
Quelle: Hildegard Strutz
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Niedersachsen | Sparte: Bildende Kunst | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |