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Projekt der Woche #208: Maikäfer flieg...Korrespondenzen und Berichte von Tante Lili, Leila und Nawar

12.03.2018
Ausstellung "Maikäfer Flieg..." Teil 1, Orientalische Musikakademie Mannheim, (c) Foto S. Sanitvongs

Das Projekt „Maikäfer flieg... Korrespondenzen und Berichte von Tante Lili, Leila und Nawar“ will den universellen und diachronen Charakter von Leid, Verlust und Überlebenswillen, die durch Krieg und Flucht verursacht werden, einfangen und präsentieren. Dafür verbinden sich historische Quellen mit aktuellen Zeugnissen, das gesprochene Wort, Musik und visuelle Impulse, um Erfahrungen und Innenwelten von Geflüchteten sichtbar und nachfühlbar zu machen. Die Erfahrungswelten von Geflüchteten aus Syrien und einer aus Ostpreußen geflüchteten Familie standen im Mittelpunkt des Ausstellungsprojektes, das vom 30. November 2017 bis zum 4. Februar 2018 zeitgleich an drei Orten in Mannheim zu sehen war. Aufbereitet und präsentiert wurde es von der Bildenden Künstlerin Sophie Sanitvongs, der Theaterpädagogin und Regisseurin Lisa Massetti, dem Dipl. Soziologen und Musiker Mehmet Ungan und Geflüchteten aus Syrien. Der Ausgangspunkt sind 114 Briefe und Dokumente aus den Jahren 1944 bis 1946 der Handelsschullehrerin Elisabeth Puttkammer (Tante Lili). Die Korrespondenz mit ihrer Schwester, die wie sie im Januar 1945 aus Ostpreußen nach Westdeutschland floh, gibt Einblick in den Erfahrungskosmos einer deutschen Fluchterfahrung im Zweiten Weltkrieg und die erste Zeit des Ankommens. Das heutige Erleben von Flucht und Ankommen erschließt sich aus den Berichten der jungen Menschen aus Syrien.

Sophie Sanitvongs /Lisa Massetti / Mehmet Ungan wurden von „Kultur bildet.“-Redakteurin Ulrike Plüschke befragt.

Wie ist die Idee für „Maikäfer flieg...Korrespondenzen und Berichte von Tante Lili, Leila und Nawar“ entstanden?

Der Fund einer Kiste mit Briefen und Dokumenten aus dem Nachlass von Sophie Sanitvongs Großtante Lili aus den Jahren 1944-1946 war im Grunde der Schlüssel für das Projekt. Wir hatten uns in den letzten Jahre im privaten, beruflichen und künstlerischen Kontext immer wieder mit Fragen und Beobachtungen rund um das Thema Flucht und Vertreibung beschäftigt. Das Thema Flucht war ohnehin sehr präsent in den Medien. Beim Lesen der Briefe endeckten wir viele Parallelen zu den Berichten der Flüchtlinge heute: die Sorgen um die zurückgebliebenen Angehörigen, der Versuch an einem neuen Ort anzukommen, die Auseinandersetzung mit Behörden. In den Korrespondenzen zwischen Tante Lili und ihrer Schwester sorgen sich beide um den Verbleib ihrer Mutter, und hoffen auf Nachricht von ihrem Bruder, der letztendlich nicht mehr aus dem Krieg zurückkehren sollte. 12 Millionen Deutsche mussten um 1945 ihre Heimat in Ost- und Ost-Mitteleuropa verlassen.

Wir verfolgten die humanitäre Katastrophe des Syrien-Kriegs, die so viele Menschenleben gekostet und Millionen in die Flucht getrieben hat. Und wir registrierten die zunehmenden Spannungen mit den Menschen in Mannheim, in Deutschland und anderen Zufluchtsländern. Warum dieser Krieg? Warum hat Europa zugeschaut? Welche Werte vertreten wir? Vergessen wir unsere eigene Vergangenheit? Über diese Fragen haben wir viel reflektiert. Kann man die Schicksale von gestern und heute miteinander vergleichen? Wir wollten mit unserem Projekt Empathie für die heutigen Schicksale wachrufen.

Welche Partner und direkt kreativ Beteiligten waren bei der Entstehung der Ausstellung involviert?

Über einen Zeitraum von zwei Jahren nahm das Projekt Formen an. Durch Mehmet Ungan ergab sich der Kontakt zu Leila und Nawar, zwei junge Syrer, die sich direkt am kreativen Prozess beteiligten. Sie erklärten sich bereit, ihre Geschichte mit uns zu teilen und in Zusammenarbeit mit Lisa Massetti in Interviews aufzuarbeiten. Die Melodie des Maikäferliedes wurde von Mehmet Ungan zusammen mit syrischen Musikern der Orientalischen Musikakademie Mannheim mit arabischen Instrumenten neu interpretiert und variiert. Die Musik begleitet den von Sophie Sanitvongs gezeichneten Animationsfilm, den Flug eines Maikäfers über eine Landschaft zerstörter deutscher Städte des zweiten Weltkrieges bis hin zu den zerstörten Städten Mossul (Irak) und Homs (Syrien).

Unsere Projektpartner sind die Orientalische Musikakademie Mannheim, das Gemeinschaftszentrum Jungbusch und die Stadtgalerie Port25 - Raum für Gegenwartskunst. Das Stadtarchiv Mannheim hat uns Filmmaterial von Mannheim in 1945 zur Verfügung gestellt. Beim Verfassen des Pressetextes hat uns Frau Dr. Maria Alexopoulou vom Historischen Institut der Universität Mannheim unterstützt. Finanziell wurde das Projekt privat mit Hilfe unserer Familien und Freunde getragen.

Welche Vermittlungsangebote haben Sie während der Ausstellung gemacht und wie wurden diese angenommen?

Unser Projekt steht an der Schwelle zwischen Kunst/Kultur auf der einen Seite und politischer und kultureller Bildung auf der anderen Seite. Es war spannend zu beobachten, wie sich im Rahmen der Ausstellung die Grenzen zwischen den zwei Bereichen zu verwischen begannen.

Zur Vernissage im November kamen Kulturschaffende und Kunstinteressierte, politisch engagierte Bürger, und auch Ehrenamtliche aus dem Stadtteil selbst. Bei der Eröffnung gingen wir alle gemeinsam durch die drei Ausstellungsorte. Viele Besucher betraten mit dem Gemeinschaftszentrum Jungbusch zum ersten Mal einen Ort für engagierte Stadtteilarbeit. Die Orientalische Musikakademie Mannheim auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Hinterhof war für das Galeriepublikum und auch für manchen Stadtteilbewohner eine Neuentdeckung, trotz 10-jährigen Bestehens und eines sehr guten Rufs in der Musikszene. Für viele Bewohner bot die Ausstellung eine Gelegenheit, die relativ neu gebaute Stadtgalerie Port25 – Raum für Gegenwartskunst als Standort kennenzulernen. Insofern vermittelte die Ausstellung einen Einblick in unbekannte Terrains und baute Schwellenängste ab.

Im Anschluß an das Theaterstück „Beshno az Ney – Kleine Anfrage nach Humanität“ von Anja Kleinhans mit musikalischer Unterstützung von Mehmet Ungan und Nawar eröffneten sich Begegnungen und interessante Gespräche. Es konnte direkt ein Auftritt syrischer Musiker im Kunstverein Ludwigshafen vermittelt werden.

Ähnliches geschah bei unserer Zusatzveranstaltung im Januar, zu der wir Herrn Prof. Dr. Gassert von der Universität Mannheim, Historisches Institut Lehrstuhl für Zeitgeschichte, eingeladen hatten. Sein Vortrag „Gemeinsame Geschichte im Lokalen finden? Die Kurpfalz als Einwanderungsgesellschaft.“ führte zu regen Diskussionen und neuen Fragen: 'Braucht Mannheim einen Ort der Erinnerung? Einen Ort, an dem die Geschichten der Zugewanderten archiviert werden, einen Ort für das Thema Migration?' Eine wichtige Rückmeldung zu diesem Abend war, dass es durch die Veranstaltung einen Ort gab, an dem sich Künstler, Kulturschaffende, Wissenschaftler, Bewohner des Stadtteils, Akteure der kulturellen und politischen Bildung über das Thema Migration ausseinandersetzten und diskutierten. Es bräuchte mehr von diesen Orten der Begegnung.

Was genau konnten die Gäste an den drei Mannheimer Ausstellungsorten von Ende November bis Anfang Februar erleben?

Die Ausstellung war eine Art Parcours durch den Mannheimer Stadtteil Jungbusch und hatte vier Tage die Woche geöffnet. Jeder der Orte hatte seinen eigenen Themenschwerpunkt.

Teil 1 – in der Orientalischen Musikakademie Mannheim haben wir Leila und Nawars Berichte und Erzählungen mit ihnen gemeinsam aufgearbeitet und Tante Lilis Briefen von 1944 - 1946 gegenübergestellt. Zum Teil als Videoinstallation, einen Teil der Brieforiginale in Vitrinen.

Teil 2 – im Laboratorio17/Gemeinschaftszentrum Jungbusch haben wir den Maikäferfilm mit der Neuvertonung der Syrischen Musiker an die Wand projiziert. An den Wänden hingen Dokumente von Tante Lili, wie der Quartierzuweisungsschein, Anträge auf Zuzug der Mutter, die sich in einem Dänischen Flüchtlingslager befand.

Teil 3 – Im Port25 - Raum für Gegenwartskunst haben wir den Standort bezogenen Geschichtlichen Teil gezeigt. 1945 war Mannheim zu zwei Dritteln zerstört. Wo fand die Bevölkerung Zuflucht?

Auf welche Art und Weise haben Sie die Erfahrungswelten der Geflüchteten aus Syrien und Ostpreußen aufbereitet?

Anhand von Tante Lilis Briefen und Dokumenten bekommen wir einen privaten Einblick in das Schicksal einer Deutschen Familie im Zweiten Weltkrieg. Dieser persönliche Bezug verschafft einen Einstieg und Zugang zu Empathie und Mitgefühl für Menschen auf der Flucht. Ausschnitte des Briefverkehrs werden als Fließtext (40 min) als Video gezeigt. Dem zur Seite gestellt sind die sehr persönlichen Interviews der beiden syrischen Musikstudenten Leila und Nawar; ihre Geschichte wurde ebenfalls als Fließtext auf Video gezeigt (je 20 min).

Das Maikäferlied als Teil des kollektiven Gedächtnisses in Deutschland wurde ins Orientalische transformiert und spannt so einen Bogen über die Erfahrungswelten der Geflüchteten aus Ostpreußen und Syrien. Laut Untersuchungen kennen Zweidrittel der Deutschen dieses Lied. Die meisten unserer Besucher vermuteten, dass es aus dem ersten oder zweiten Weltkrieg stammt, tatsächlich ist es deutlich älter - erstmals aufgeschrieben wurde es Im Jahre 1806. Krieg und Flucht in Deutschland – ein altes Thema.

Weitere Informationen

Maikäfer Projekt

Facebook

Orientalische Musikakademie Mannheim e.V.

Gemeinschaftszentrum Jungbusch

Port25 - Raum für Gegenwartskunst

Universität Mannheim

Sophie Sanitvongs

Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Ausstellung "Maikäfer Flieg..." im Port25 - Raum für Gegenwartskunst, (c) Foto S. Sanitvongs
Kategorie: 
Allgemeine News
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Region: Baden-Württemberg | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |